Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen.
Graphic Novel

Mit wunderschönen, stimmungsvollen Bilder erzählt Pirmin Beeler die Geschichte einer Frau, die versucht, ihre schwierige Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen.
«Ich besuche meine Mutter Anne in einem kurdischen Dorf im Südosten der Türkei, sie wohnt da mit ihrem Mann Ali, unzähligen Katzen und den beiden Ziegen Heidi und Peter. Ali hatte sie in der Schweiz kennengelernt. Er arbeitete bei einem Bauern, sie an der Kasse. Anne beginnt nach einer schweren Krise und psychischer Krankheit, ihr Leben im Ausland wieder neu aufzubauen. Sie war vor meiner Geburt in einer psychiatrischen Klinik gewesen. Mehr weiss ich nicht, sie will nicht darüber sprechen.»

(Präsentation der Graphic Novel, Edition Moderne)

Recensione

di Fabian Schmid
Inserito il 02.06.2019

«Ich habe das Gefühl, ich war eine schlechte Mutter» sagt Anne ihrem Sohn am Telefon. – «Nein, warst du nicht» erwidert darauf der junge Mann am anderen Mobiltelefon.
Wir sind mittendrin, in der Innerschweiz am Zugersee mit Blick auf die Rigi und in der kargen Landschaft der südöstlichen Türkei, und werden Teil eines Telefongesprächs zwischen Mutter und Sohn, wie es alltäglicher nicht sein könnte und dennoch lassen die grundsätzlichen Zweifel der Mutter aufhorchen.
Die Mutter, Anne, ist mit ihrem zweiten Mann Ali in sein Heimatland, die Türkei, ausgewandert. Dort leben sie inmitten von steinigen Feldern in einem kurdischen Dörfchen, wo die Männer ihre Holzstühle auf die Strassen stellen, Brettspiele spielen und Schwarztee trinken.

Der junge Mann besucht nun seine Mutter in dieser abgelegenen Provinz der Türkei. In einem selbstgebauten Haus mit Wohncontainer obendrauf führt das Paar ein einfaches Leben. Doch sie sind nicht alleine, Anne ist dorfbekannt als Anlaufstelle für streunende Katzen und Ali hat zwei Ziegen gekauft – sie heissen Heidi und Peter.
In der Schweiz war Anne Verkäuferin in einem Supermarkt. Als Ali in die Schweiz kam, hatte er den Traum vom neuen Leben mit grossem Fernseher und Sportwagen. Arbeit fand er dann auf einem Bauernhof, und die Liebe traf die beiden an der Kasse im Supermarkt. Später machte Ali Anne den Vorschlag, in seine Heimat zurückzuziehen.

Hier nun, in der Fremde, im Dorf, rund ums Haus und in der kleinen Küche lernt der junge Mann seine eigenartige Mutter neu kennen, denn in dieser Landschaft ist sie eine Abenteurerin, wie sie selber sagt, doch das war nicht immer so.

Ein ruhiger, erzählerischer Bildfluss

Wir leben in einer lauten und rastlosen Zeit, in der man diejenigen besonders wahrnimmt, die sich schamlos inszenieren, doch wie viele stillere, überaus faszinierende Geschichten werden dabei übersehen?
Mit seinem Graphic-Novel-Erstling, der zwischen Reportage und Biografie einzuordnen ist und mit einem übergrossen A4-Format überrascht, nähert sich Pirmin Beeler poetisch der Lebensgeschichte einer psychisch kranken Mutter.

Pirmin Beeler ist 1975 in Zug geboren und hat eine Ausbildung als Maler und Pflegefachmann gemacht. 2011 schloss er mit dem Bachelor in Illustration in Luzern ab. Nun legt er uns mit Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen eine Graphic Novel vor. Der vielversprechende Titel ist ein Zitat aus Lila der amerikanischen Autorin Marilynne Robinson.

Die Bildsprache der aufs Wesentliche reduzierten Tuschezeichnungen oszilliert zwischen Nähe und Distanz. Der Zeichner beobachtet die Menschen in ihrer Haltung und Gestik genau und zeigt beispielsweise zwei Männer vor dem Fernseher, jeder in seinem Fauteuil, Ausschnitte aus dem türkischen Action-Film, gefolgt von der Figur des Heiligen Antonius auf dem Fernsehmöbel, die wohl der Mutter gehört. Die intelligente Bildfolge schafft Platz für eigene Assoziationen. Jenseits von Slapstick oder Groteske besticht sie mit feinem Humor, der oft in Nebensächlichkeiten aufscheint.

Besonders begeistert die dezent-natürliche Farbigkeit der mit berückenden Aquarellfarben kolorierten Zeichnungen, die wesentlich zur Stimmung der Geschichte beträgt. Zu Ende eines Teils blickt man jeweils auf einem Ganzseitenbild in die Landschaft mit einem Himmel in wunderbaren blaugrau-Tönen, und macht sich Gedanken über das Schicksal der Menschen, die mehr oder weniger verankert sind in ihrem Umfeld oder über die fast vergessene, romantische Beziehung zwischen Seele und Landschaft.

Diskrete Rückblenden in psychisches Leid

Denn vielleicht ist es ja gerade diese Landschaft in der Türkei, die der Mutter gut tut, obschon sie immer mal wieder «von ihren Gefühlen überrollt» wird und allerlei Schutzmechanismen aufgebaut hat, um nicht in eine psychische Krise zu geraten, wie es ihr vor vielen Jahren in der Schweiz passiert war.

Die Thematik um psychisches Leiden ist oft mit Schweigen umgeben – dem hilflosen Schweigen der Angehörigen und auch dem Schweigen der Betroffenen selber. Auch die Mutter die Mutter des jungen Mannes, Anne, lässt ihre Vergangenheit lieber ruhen. Gerade in dieser Sprachlosigkeit entfalten die zurückhaltenden Bilder ihre volle Wirkung.

Subtil verwebt die Geschichte Erinnerungen und Fragmente aus der Vergangenheit von Mutter und Sohn in kurzen Sätzen und knappen Dialogen. Wir bekommen Einblicke in eine psychische Anstalt und geraten gar auf hohe See, allerdings ohne abgründige Tragik, dafür mit einer ruhigen Empathie. Pirmin Beeler legt einen berührenden Graphic Novel vor, seine Liebeserklärung an die Mutter ist eine kurzweilige, sanftmütige Wucht.