Körperblicke
«Bildbetrachtung ist keine optische Einbahnstrasse − das ,Bild- sehen‘ impliziert den Akt des An- und Hineinsehens ebenso wie das Aus- und Heraussehen des Bildwerks.»
Felix Philipp Ingold eröffnet mit diesem Postulat einen literarischen Parcours zum Sehen und Gesehenwerden, der die Leserinnen und Leser zu Fragen und Phänomenen der Bildbetrachtung führt. Ausgehend von Rainer Maria Rilkes oft zitiertem Satz «... denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht...» (aus Archaischer Torso Apollos), entwickelt der Autor am Leitfaden von bildnerischen Werken der Kunstgeschichte seit der Antike bis zur klassischen Moderne und zur Gegenwartskunst sowie über Sprachwerke der europäischen Moderne eine erhellende und eindrucksvolle Untersuchung.
Begleitet wird Ingolds Bildbetrachtung mit Exkursen in die Sprachkunst und die Philosophie, die die Vielfältigkeit phänomenologischer Literatur zur Kunst und zur Wahrnehmungstheorie neu erschließt.
«Jedes Bild hat seine eigene Physiognomie, einen eigenen „Blick“, der den Betrachter zum ,Zurückschauen‘ einlädt − das gilt keineswegs bloß für Portraits oder Selbstbildnisse, sondern für künstlerische Bilder generell.»
(Buchpräsentation Ritterverlag)
Recensione
Ingold nimmt sich, ausgehend von Rilkes Gedicht «Archaischer Torso Apollos» und insbesondere der beiden Halbzeilen «denn da ist keine Stelle / die dich nicht sieht», die «Ambivalenzen des Menschenbilds in der künstlerischen Moderne» (so der Untertitel) vor. Die Grundthese besagt, dass der Betrachter von Bildern oft auch ein ergriffen Betrachteter ist, sei es durch die Augen von dargestellten Figuren im Bild, sei es durch «implizite Gesichter», die das Bild selbst zum Auge machen. Mit den Worten Ingolds: «Nicht der Betrachter, vielmehr das Betrachtete hat demnach als Subjekt der Betrachtung zu gelten». Die «Reflexivität des Schauens» zeigt sich darin, dass «der Betrachter im betrachteten Gegenstand stets auf seinen eigenen Blick stösst».
Körperblicke demonstriert das breite kulturgeschichtliche Wissen Ingolds. Die Spur seiner Untersuchung führt von Rilke auf der einen Fährte über Winckelmann zurück in die Zeit der von ihnen beschriebenen antiken Torsi – mit Zwischenstationen im Manierismus beispielsweise. Auf der anderen Fährte stösst Ingold mit beständigen Rückgriffen auf Literatur, Philosophie und Bildtheorie über den Surrealismus in die kunstgeschichtliche Moderne vor – und noch einen Schritt weiter in den computerisierten Körper der Gegenwart. Hier erneuert sich dieser alte Widerstreit zwischen Kopf und Bauch, der sich in sehenden antiken Torsi ebenso wie in surrealistischen Körpergebilden ausdrückt. Doch spätestens im Design von humanoiden Robotern erfährt der Körper einen eklatanten Bedeutungsverlust. Ohne Leib bleibt einzig das beobachtende Auge als «anthropologische Konstante» erhalten, um den Menschen (im doppelten Wortsinn) zu ergreifen.
Aus: «Update Ingold». Ein Fokus von Beat Mazenauer, Viceversa Literatur, 17.03.2020.