Thesaurus rex

Was entsteht, wenn sich ein Künstler der deutschen Sprache verschreibt, auf die tägliche Dosis Lesestoff mit selbst gepanschten Wörtern reagiert und diese in einem Blog publiziert?
Nach zwanzig Jahren Arbeit legen René Gisler und seine zahlreichen Co-Autorinnen und Co-Autoren nun ein geballtes Sprachkunstwerk vor, das seinesgleichen sucht. Mit dem Thesaurus rex wird die umfangreichste je gedruckte Enzyklopädie an Worterfindungen Wirklichkeit. Bei den mehr als 16’000 Einträgen geht es aber nicht darum herauszufinden, was mit dem Alphabet klanglich oder experimentell nun noch so anzustellen wäre, so wie es etwa Dadaisten oder Vertreter der Lautpoesie praktiziert hatten. Vielmehr orientieren sich die Wortschöpfungen am ganz normalen Wortschatz. Koseworte werden erweitert zu «Narkoseworte», Information und Ration fusionieren zur «Informration», und mal fällt auch ein Buchstabe weg und die Wirklichkeit wird als «Wirkichkeit» entlarvt.
Die schiere Menge an Wortneuschöpfungen suggeriert Ernsthaftigkeit und Seriosität. Ein Versprechen, das die Herausgeberinnen und Herausgeber aber glücklicherweise nicht einlösen - denn die Bleiwüste lebt.

(Präsentation Der gesunde Menschenversand)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 09.07.2019

Der Schriftkünstler René Gisler hat vor vielen Jahren zuerst analog, dann in einem Internet-Blog ein Spiel fabriziert. Er sammelte neue Wörter und Begriffe, aus denen er nach und nach ein ausufernder Thesaurus entstand, der nun als grossformatiges, akkurat gestaltetes, illustriertes und beinahe 4 Kilo schweres Druckwerk erschienen ist. In diesem Thesaurus rex, der gewissermassen aus der alles aufsaugenden kollektiven «Schwammintelligenz» heraus gewachsen ist, finden sich Tausende neuer, schräger Begriffe von alldente bis Zyclown. Ein paar Beispiele veranschaulichen es:

Blogwart = Administrator
Einheizbrei, siehe auch Rheinheizgebot
Gähnesis = Erschöpfungsgeschichte
Indiwiedumm, siehe auch Protzess, Karrwoche, Verdummungsverbot
Labertran, siehe Schlichtgestalt
Trippfehler = verreisen, siehe auch Trippfehler auf der Hastatur oder Tastortur
völig = fixfettig
Zaudertrick = Hinhaltetaktik, Haderkadabra

Zu den einzelnen Begriffen macht der Band Angaben über Bedeutung und Herleitung, und er setzt Verweise, wie es ein klassisches Wörterbuch tut. Derart demonstriert der Thesaurus rex, dass es manchmal nur einer kleinen Verschiebung und Verfremdung bedarf, um gänzlich neuen Sinn zu erzeugen, der zuweilen die eigentliche Herkunft eines Wortes erst recht entlarvt. Das ist linguistisch und sprachgeschichtlich interessant, viel unterhaltender allerdings ist der Spielwitz, der darin steckt und zur Nachahmung reizt. Der Thesaurus rex bietet sich als Medium für Sprachverliebte an, die fürs Leben gern stöbern, einander vorlesen und selbst lustvoll mit der Sprache spielen. So gesehen steckt darin natürlich auch eine treffliche Geschenkidee für Mussestunden.

Aus: Fokus «Sprache als Spiel [mit Tiefsinn]» in www.viceversaliteratur.ch, 13.8.2019)