Juckreizwörter
Wortfächer

Mit Schalk und spielerischer Leichtigkeit lotet die Lyrikerin Andrea Maria Keller Sprache aus. Der Wortfächer bringt ihr Talent, alltägliche Begriffe findig zu verbandeln, in ein einzigartiges Format: Die 55 «Juckreizwörter» – von «Brennstabübergabe» bis «Zankapfelmus» – stecken voller Überraschungen und gesellschaftskritischer Sprengkraft.

(Präsentation des Wortfächers vatter&vatter)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 09.07.2019

Aus: Fokus «Sprache als Spiel [mit Tiefsinn]» in www.viceversaliteratur.ch, 13.8.2019)

Ähnliche Effekte erzielt der Wortfächer mit 55 «Juckreizwörtern», welchen die Lyrikerin Andrea Maria Keller zusammengestellt hat. Mal abgesehen davon, dass ein solcher Fächer bei sommerlichen Temperaturen auch kühlende Wirkung haben kann, regen diese Wortungetüme zum Sinnieren an. Dabei erfindet die Autorin nichts, sie setzt bloss zwei Doppelbegriffe zu einem Triplewort zusammen, das völlig neue Bedeutungen evoziert. Solche Zusammenzüge verraten mitunter einen alltäglich nicht weiter hinterfragten Sprachgebrauch, etwa im Wort «Wertschöpfungsmythos», der das herrschende Geldwertsystem stracks aus der Balance bringt und da einordnet, wo es hingehört, ins Reich des Imaginären. Und wo von Klimawandel die Rede ist, ist der «Beziehungsklimawandel» nicht weit, der sich auch in «Schamlippenbekenntnissen» ausdrückt. Derweil pendelt die «Beischlafmütze» unstet zwischen Sex-Abstinenz und Empfängnisverhütung.
Der Trick von Andrea Maria Keller ist im Grunde simpel, im Effekt aber höchst witzig. Es brauchen hier nicht alle Geheimnisse ausgeplaudert zu werden, nur soviel: der «Buchhaltungsschaden» beginnt nicht selten sprachlich und endet in einer verhängnisvollen «Trugschlussbilanz», die den Bogen zurück zum «Wertschöpfungsmythos» schlägt. In Form eines Wortfächers jedenfalls können die Juckreizwörter dafür sorgen, dass wir uns sprachliche Frischluft zufächeln und dabei die eigene Lust auf Sprachspiele anregen. Auf der leeren Rückseite liessen sich jeweils à la Thesaurus rex Synonyme und Erklärungen nachtragen. So würde dann aus der «Gedankenspielhölle» vielleicht eine Geheimdienstleidstelle.