Alles außer ich
Roman

Eine Mitfahrgelegenheit, Kiel – Zürich. Ursina und D. lernen sich kennen. Sie, Dänin, mit tschechischen Wurzeln, ist auf der Suche nach ihrem biologischen Vater aus der Schweiz: Hans Meier.
Auch D. ist ein Meier. Auch sein Vater heißt Hans. Das reicht, damit bei ihm ein Film losgeht: Eine unentdeckte Affäre des Vaters, eine geheim gehaltene Schwester, das klingt besser als alles, was er sonst so über sich zu erzählen hat. Er geht der Sache nach, steigert sich immer weiter rein.
Ursina will derweil ihre eigene Geschichte lieber loswerden. Sie will kein Opfer sein. Sie versucht einmal mehr, mit ihrer psychisch labilen Mutter Stine zu brechen. D. und seine Nachforschungen scheinen sie wenig zu interessieren.
Daniel Mezgers neuer Roman stellt die Fragen: Kann ich mir eine Geschichte überstülpen? Wie viel Vergangenheit steckt in meiner Identität? Kann ich vor ihr fliehen? Und welche meiner Geschichten nenne ich «Ich»?

(Buchpräsentation Salisverlag)

Die Tragik des Meierseins

di Tamara Schuler
Inserito il 30.09.2019

In Rollen schlüpfen, Charaktere verkörpern, Emotionen heraufbeschwören: Die Schauspielerei ist ein fordernder Beruf, der eine gewisse innere Sicherheit voraussetzt. D. Meier, der Protagonist in Alles außer ich, hat mit mittelmässigem Erfolg eine Schauspielschule absolviert, arbeitet brotberuflich in einem verfallenden Nostalgie-Kino und möchte eigentlich Schriftsteller sein. Seine eigene Geschichte, so denkt er, gibt nicht viel her: Aufgewachsen in der Vorstadt, typisch schweizerische Reihenhaussiedlungen, intaktes Elternhaus, ein Bruder. Durchschnittlicher geht’s kaum, findet D., und versucht sich jeglicher Definitionsmöglichkeit zu entziehen, indem er ohne konkrete Pläne, ohne verpflichtenden Beruf oder Ziele durchs Leben schlendert. Zufällig lernt er die Dänin Ursina kennen: Sie sucht ihren unbekannten Vater, einen Schweizer mit Namen Meier. Sosehr sehnt sich D. nach einer neuen Geschichte über sich selbst, dass er sofort überzeugt ist: Dieser unbekannte Meier ist sein Vater, der insgeheim ein Doppelleben führte und also gar nicht so langweilig ist wie angenommen.

Ein neues, aufregendes Narrativ ist geboren, eine Kopfgeburt mit bröckelndem Fundament, die D. nicht mehr loslässt: Er stellt sich filmreife Szenen vor, forscht unauffällig nach beim Vater, bleibt Ursina hartnäckig auf den Fersen. Diese wiederum will ihrer Familie und ihrer Vergangenheit lieber entrinnen: Die schwierige Kindheit, die psychisch kranke Mutter, die Drogen – das sind Schlagwörter für Schubladen, in die Ursina nicht länger gesteckt werden will. Hier liegt der Kern von Alles außer ich: Einfach ich selbst sein – wie ging das nochmal? Und geht das überhaupt? Jede und jeder hat eine Geschichte, wir alle formulieren unablässig für uns selbst und die Menschen um uns herum mehr oder weniger passende Etiketten: Das Einzelkind, die Unternehmensberaterin, der Wandervogel. Das ist einerseits gut und recht, es ist gewissermassen notwendig, eine Komplexitätsreduktion und Überlebensstrategie in der Unübersichtlichkeit menschlicher Existenzen. Gleichzeitig können diese Zuschreibungen auch einschränkend und hinderlich sein, wer ständig mit Stempeln beschäftigt ist, verliert schnell den Kontakt zu sich selbst. In Alles außer ich kommen im Wechsel Ursina, D., und Ursinas Mutter Stine zu Wort. Sie alle erzählen von sich, ihren prägenden Erlebnissen, und doch sind es sehr verschiedene Stimmen mit ganz eigenen Tönen. In jenen Kapiteln, in denen D. spricht, wird besonders klar, dass da einer permanent von aussen auf sich selbst schaut:

Du hasst fremde Städte. Oder weniger die Städte als vielmehr dich darin. [...] Du irrtest durch die Strassen, beschimpftest dich, weil du bei der Hotelbuchung gespart hattest: mit oder ohne Frühstück, hier klicken oder da. Du kamst an Cafés vorbei, keines erschien dir passend, eine Bäckerei, du schieltest durch die Scheibe, was war es, das dich hemmte, hineinzugehen?

Diese Erzählweise ist ungewohnt, das durchgängige Präteritum in der zweiten Person kommt zuweilen sperrig daher, umso mehr, als es in der Meier’schen Muttersprache, im Schweizerdeutschen, kein Präteritum gibt. Eine Lücke, die offenbar kompensiert werden muss bis hin zum Überdruss. Natürlich zeugt dieser Blick von aussen auch von der tiefgehenden Unsicherheit von D., von seiner Sehnsucht, dass endlich etwas passieren würde – etwas muss ihm widerfahren, auch wenn er selbst nicht so genau weiss, was das sein soll. Es ist eine Sehnsucht, wie man sie aus Jugendjahren kennt, irgendetwas soll geschehen, Verheissung liegt in der Luft, die Möglichkeiten sind noch unscharf und scheinen endlos.

Der Fluch der eigenen Geschichte, sich selbst finden, wachsen, erwachsen werden: Mezger setzt sich mit einigen der ganz grossen Themen der Literatur auseinander. Die Figur des Vaters als Fremder und Mythos beschwert die Erzählung zusätzlich, könnte man meinen. Doch Daniel Mezger hat seinem Roman eine grosszügige Prise Tragikomik beigefüft, sodass er doch auch sehr nahbar ist. Die unbeholfene Befangenheit von D., die geistige Enge seiner Eltern, Ursinas verzweifelte Wut auf das ewige Abgestempeltwerden, Stines erschütternde Orientierungslosigkeit im eigenen Leben – Alles ausser ich ist bevölkert von überaus menschlichen Figuren, denen man gerne zuschaut beim Versuch, mit sich selbst klar zu kommen. Dass sich D. zum Schluss vollumfänglich verfängt in seinem Gespinst und das ersonnene Szenario entgegen jeder Logik physisch ausführen muss, ist so komisch wie tragisch: Anstatt einer hollywoodhaften Unfallszene rollt D. eher forciert über die Kühlerhaube eines Autos – in der Tempo-Dreissig-Zone und ohne wirklich Schaden zu nehmen. Statt grosser Gefühle erntet er bloss verständnisloses Kopfschütteln. Die Geschichte bis zum bitteren Ende durchspielen, koste es, was es wolle: Das will schliesslich auch Ursina tun, in Form eines performativen Kunstprojektes namens Everything (but me), bei dem sie alles, was sie besitzt, weggibt:

Genau, man müsste alles weggeben können. Seine Geschichten, seine Sachen. Eine Liste machen, alles verschenken, Stück für Stück. Sich frei machen. Sie hatte lange am Titel rumgedacht, die meisten klangen ihr zu suizidal, zu sehr nach »eine letzte Arbeit«. Darum ging es nicht. Sie wollte Tabula rasa machen und später als Künstlerin nicht mehr auf ihre eigene Biografie zurückgreifen.

Diese Diskussion um das Verhältnis von Künstler und Biographie ist ein sehr weites und auch ziemlich ausgetretenes Feld. Dass Daniel Mezger nicht nur die Initialen teilt mit seiner Hauptfigur, sondern selbst auch Schauspieler und Schriftsteller ist, ist ein zusätzlicher Fingerzeig auf das streitbare Verhältnis von Autor und Figur. Biografie, das ist immer auch ein Spiel, wie schon Max Frisch wusste. Ein Spiel mit Narrativen, Möglichkeiten und Schubladen, im besten Falle lustvoll und erkenntnisbringend: Herausfinden, wer man eigentlich ist, zum inneren Kern vorstossen, alle umliegenden Schichten abschälen, die Schutzpolster, das Ungewisse. Im Zwiebelprinzip die eigene Persönlichkeit zu ergründen kann furchteinflössend sein – aber auch ziemlich spannend. Alles außer ich erinnert seine Leser und Leserinnen daran, wie gut es ist, sich ab und an den inneren Spiegel vorzuhalten – und sich dann wieder der Welt zu zuwenden und frisch drauflos zu leben.