Wild wie die Wellen des Meeres
Roman

Mal rückwärts, mal vorwärts und voll lyrischer Lakonie erzählt Anna Stern in ihrem dritten Roman die Geschichte eines jungen Paares von ihrem vermeintlichen Ende hin zu ihren Anfängen. Sie legt damit einen beeindruckenden Text über den Umgang mit Trauer, die Unausweichlichkeit der Vergangenheit und die trügerische Authentizität von Erinnerungen vor.
Im Zentrum des Romans steht Ava, die der Enge der Beziehung mit Paul und der Kleinstadt, in der sie lebt, entfliehen möchte. Sie macht sich auf den Weg in die schottischen Highlands, um dort ein Praktikum auf einer Feldstation in einem Biosphärenreservat zu absolvieren. Während Ava in der Natur zu sich findet und ihre Vergangenheit hinter sich lassen will, bleibt Paul zurück in Rorschach und kämpft um ihre Liebe und eine gemeinsame Zukunft.
Paul und Ava sind den Leserinnen und Lesern aus Anna Sterns Der Gutachter bekannt, auch treten Charaktere aus Schneestill auf sowie aus Erzählungen von Stern. Wild wie die Wellen des Meeres erschliesst sich ohne Vorkenntnisse aber genauso.

(Buchpräsentation Salis Verlag)

Verloren in der Ungewissheit

di Beat Mazenauer
Inserito il 09.07.2019

Bei bewegter See schwappen die Wellen stürmisch ans Ufer und fluten in steter Unruhe wieder zurück. Nach diesem Bewegungsmuster hat Anna Stern ihren Roman Wild wie die Wellen des Meeres konstruiert. Der eine Erzählstrang erzählt, wie ihre jugendliche Heldin, die Ornithologin Ava Garcia, sich in den äussersten Nordwesten Schottlands aufmacht, um in einem Naturreservat ein Praktikum zu absolvieren. Damit sucht sie vor allem auch Distanz zu ihrem Geliebten Paul, zu ihrer Familie, zu ihrer eigenen Geschichte. Sie benötigt Ruhe und Zeit, um über sich selbst Gewissheit zu gewinnen. In steter Unruhe zieht es sie mal zu ihrem Geliebten hin, mal stösst sie ihn barsch von sich weg. Sie mag es nicht, wenn er ihr helfen möchte. Ava ist dünnhäutig und labil, den Knoten in ihrem komplizierten Leben muss sie selbst auseinanderdröseln.

In diesen Strang verwoben ist die zweite Erzählung, die ausgehend vom Angelpunkt des Romans – dem 18. Juli 2017, als Ava abreist – die Jahre in umgekehrter Richtung zurückverfolgt, nach und nach ihre Lebensgeschichte ausfaltet und das Geheimnis ihrer Verletzlichkeit enthüllt. Als die beiden Erzählbewegungen zueinander finden, setzt Anna Stern eine Zäsur und schildert in einem kürzeren zweiten Teil, wie sich die schwangere Alva schwer tut mit dem Entscheid, ob sie das Kind behalten und mit Paul eine Familie gründen will.

Ava ist tief im Inneren geprägt von traumatischen Erfahrungen. Ihre Mutter verstarb früh und ihr Vater verunfallte schwer. Schon als Kind war sie aufgeweckt und zugleich starrköpfig. In der Pflegefamilie, die sie aufnahm, wurde sie etwas ausgeglichener. Deren acht Jahre älterer Sohn Paul tat ihr gut. Und sie entdeckte ihre Liebe zu den Vögeln, die sich frei in den Lüften bewegen und, wie Günter Bruno Fuchs einmal listig dichtete, alle Zäune verwerfen.

Anna Stern schildert die psychische Verletztheit mit einer Sprache, die sich dem Plaudern verweigert und in oft kurzen Absätzen zum Schweigen und Verstummen neigt. Die Sprache deutet an, dass sie etwas verbirgt, was (noch) nicht ausgesprochen werden kann und darf. Hat die fünfjährige Ava etwas gesehen, was sich wirklich zutrug, oder bildet sie es sich nur ein? Diesen verschwiegenen Kern umgarnt Anna Stern behutsam und feinnervig. Vieles bleibt dabei verhüllt und wird gleichwohl vermutet. Dabei weiss die Heldin Bescheid: «Hast du gewusst, sagt Ava, dass Erinnerung und Vorstellung die gleichen Hirnareale aktivieren. Wir brauchen die Vergangenheit, um in der Gegenwart die Zukunft zu üben.» Was aber, wenn die Vergangenheit eine schwierige Prognose stellt?

Ava ist auf der Suche nach sich selbst und «findet doch nur ein anderes Ich» – eines, das der von Ängsten erfüllten Mutter vielleicht mehr gleicht als sie sich selbst bewusst ist. Die zur Auslassung neigende Sprache ebenso wie refrainhafte und alliterierende Elemente sind sozusagen rituelle Bestandteile dieser abwägenden Auseinandersetzung mit sich selbst. Ausflüge in die Ökologie und die Vogelkunde einerseits, literarische Zitate andererseits lockern die subjektive Fokussierung und öffnen den Horizont. In Pauls Familiennamen Faber steckt Max Frischs Homo Faber und womöglich auch der in Holland geborene Autor Michel Faber, der vor 30 Jahren von Australien nach Inverness umzog und sich da niederliess. Wiederholt werden auch Gedichte von Franz Wright oder Songs von Cohen, Bowie und anderen zitiert.

Anna Stern erzählt – vorab im ersten Teil – eindrücklich konsequent und ohne Schlacken. Mit dem zweiten Teil erhält ihre Prosa dann aber doch eine Prise schottischer Wind-und-Wetter-Dramatik, wie es der Titel andeutet. Anna Stern lässt pathetische Ausflüchte zu, die auch dem Umstand geschuldet sind, dass Ava nach einem Unfall gewissermassen die Kontrolle über den Text verliert. An ihrem Krankenbett geraten ihre Freunde ohne ihr Widerwort ins Plaudern. Es ist Avas eigensinnige, mitunter harsche Art, die dem Roman Form und Charakter verleiht. Deshalb wird auch nach dem guten, mit etwas pathetischem Überschuss ausgeschmückten Ende in ihrem und Pauls Leben kaum Ruhe einkehren.

Aus: Veroren in der Ungewissheit. Anna Sterns «Wild wie die Wellen des Meeres» (Salis 2019) und «Das alles hier, jetzt.» (Elster & Salis 2020). Ein Fokus von Beat Mazenauer (www.viceversaliteratur.ch, 05.10.2020).

Nota critica

La giovane ornitologa Ava Garcia si reca nel Nord-Ovest della Scozia per uno stage. Il suo viaggio è anche una fuga: vuole allontanarsi da Paul, il suo amore, e dalla sua stessa storia. Il romanzo di Anna Stern prende il via proprio da questa fuga in due direzioni: da un lato il futuro ancora aperto, dall’altro un passo indietro verso i traumi dell’infanzia. Nel groviglio dei ricordi, Ava non riesce a trovare la strada: ha visto davvero quello che crede di sapere? È attorno a questa domanda che ruota il romanzo, scritto con una lingua tendenzialmente spoglia, a immagine della complessa personalità di Ava che sostiene con delicatezza. (Beat Mazenauer in Viceversa 14, 2020. Traduziona Carlotta Bernardoni-Jaquinta)