Jahr ohne Winter

Ein Mann bewährt sich: Um ein Leben zu retten, muss er bis ans andere Ende der Welt. Was ihn dort erwartet? Jede Menge Abenteuer. Und seine Exfrau …
Jakob Walter läuft nicht schneller, liebt nicht tragischer und ist nicht klüger als andere. Zum Helden taugt er nur in seinem Alltag. Bis ihn eines Tages ein unerwarteter Anruf erreicht: Ursula ist krank, sie braucht dringend eine Stammzellenspende, und er, Jakob, muss ihre Tochter Edith finden. Dass Edith seine Exfrau ist und dass er seit fünf Jahren kein Wort mit ihr gewechselt hat, ist das eine Problem. Das andere: Sie ist in Australien, um an einer Schweigemeditation im Outback teilzunehmen. Und: Das Outback ist groß, Australien ist weit weg, und Jakob Walter fliegt nicht gern. Aber wie jeder andere träumt er manchmal davon, ein Abenteurer zu sein – und wer weiß, vielleicht rettet er ja nicht nur das Leben seiner ehemaligen Schwiegermutter, sondern auch seine verflossene Liebe.
Es wäre ihm zu wünschen, denn liebenswert ist Jakob Walter, der Held wider Willen, unbedingt. «Menschenfreundlich? Literatur geht auch so? Herrlich!», schrieb der Spiegel zu Langeneggers erstem Roman. Das gilt bis heute.

(Buchpräsentation Jung und Jung)

Recensione

di Martina Keller
Inserito il 29.08.2019

Im neusten Roman Jahr ohne Winter schickt Lorenz Langenegger seinen Protagonisten Jakob Walter bereits zum dritten Mal auf eine Reise. Das 2014 erschienene Debüt Hier im Regen erzählt, wie Jakob Hals über Kopf ins Tessin fährt, einen Ausbruch aus seinem Alltag in Bern, aus seiner Ehe wagt, aber bereits nach zwei Tagen wieder zuhause landet. Fünf Jahre später dann, im Folgeroman Bei 30 Grad im Schatten, ist Jakob frisch von seiner Frau Edith geschieden und zieht los. Es verschlägt ihn bis nach Griechenland. Nun, wiederum fünf Jahre später, lässt Langenegger Jakob Walter in Jahr ohne Winter ins ferne Australien reisen.

Doch diesmal entflieht Jakob weder seiner Ehe noch der Leere nach der gescheiterten Beziehung, er will nämlich eigentlich gar nicht weg aus Bern, sondern er wird geschickt. Und so beginnt auch der Roman:

Er will hier nicht sein. Viele tausend Kilometer von zu Hause entfernt, seinem Zuhause, das immer noch Bern ist, obwohl es in den letzten Jahren durchaus Gründe gegeben hätte, die Stadt zu verlassen.

Der Grund, warum er unfreiwilligerweise inmitten von Touristen in einem Strandhotel sitzt, ist seine Ex-Schwiegermutter Ursula: Sie liegt im Sterben und ist für eine Transplantation auf die Stammzellen ihrer Tochter Edith, Jakobs Exfrau, angewiesen. Diese wiederum ist in einem Meditationskurs in Australien, in dem sie dreissig Tage jeglicher Kommunikation entsagt und deshalb unmöglich zu erreichen. Ursula hat schon alles eingefädelt und ein Flugticket für Jakob gekauft: Gemäss ihrem Wunsch muss Jakob nach Australien fahren und Edith mit sich nachhause bringen.

Die Anlage des Romans ist für Langeneggers Verhältnisse zwar aussergewöhnlich, trotzdem auf den ersten Blick auch nicht besonders originell: Insbesondere der Anfang des Romans wirkt gleichzeitig unwahrscheinlich und klischiert. Liest man den Roman aber als feine Parodie auf ein Genre, nämlich den Abenteuerroman, findet man Gefallen an der absurden Reise des Jakob Walter. Und da drängt sich dann auch noch ein Verweis auf Langeneggers vierten Roman Dorffrieden (2017) auf, der sich zwar als einziger nicht in die Jakob-Walter-Trilogie einreiht, der aber als Parodie auf das Genre des Kriminalromans gelesen werden kann, und gleichermassen wie Jahr ohne Winter mit Genrekonventionen spielt, insbesondere mit der Konstruktion von Helden, oder eher Anti-Helden.

So stolpert Jakob Walter in Jahr ohne Winter – angefangen mit dem unfreiwilligen Antritt seiner Reise – vielmehr von Ort zu Ort, als dass er seine «Abenteuereise» selber gestaltet. Er wird auf der Suche nach Edith (die sich natürlich schwieriger gestaltet als erwartet) von einem Helfer zum nächsten weitergereicht und findet schliesslich im wortkargen, aber hilfsbereiten Aboriginie Tarka einen treuen Begleiter, der mit ihm durch das australische Hinterland fährt. Dabei erlebt Jakob Walter allerlei und verhält sich dabei nicht wie ein Held; er beisst sich einen Zahn aus, weil sein Begleiter zu abrupt auf die Bremse tritt, fürchtet sich vor den Schlangen, getraut sich nicht, seinen Begleiter zu fragen, wohin ihn dieser führt.

Langenegger parodiert das Abenteuergenre aber nicht nur mit seinen wenig heldenhaften, aber immer liebeswürdigen Protagonisten, sondern auch mit einer episodenhaften Erzählweise und nicht zuletzt auch mit der absurden Ausgangslage. Wiederum gelingt dem Autor die Gratwanderung zwischen einer lächerlichen und liebevollen Darstellung seines Protagonisten, zwischen einer unaufgeregten Alltagsgeschichte und einer skurrilen Verkettung von aussergewöhnlichen Episoden. Indem er dem eher leidenschaftslosen Jakob eine Abenteuerreise aufhalst, thematisiert Langenegger sowohl die schweizerische Biederkeit Jakobs als auch die Sehnsucht nach Abenteuer, die teils absurde Reisefreudigkeit unserer Gesellschaft – er tut dies kritisch, aber nie verurteilend. Dabei erzählt er gewohnt präzise und mit einem Gespür für Feinheiten, die der etwas banalen Handlungsentwicklung eine originelle Erzählweise entgegensetzen.