konk

Seit aus den Höhlenzeichnungen die Schrift entstanden ist, hat es immer wieder Menschen gegeben, die Bild und Wort neu zu vereinen versuchten – auf der Suche nach diesem immer wieder springenden Punkt.
​Vor etwa sechstausend Jahren begann sich das Bild, auf dem der Blick frei umherschweifen konnte, in Symbole aufzulösen, die in einer bestimmten Reihenfolge wahrgenommen wurden. Es wurde zu Zeilen zerschnipselt, die aneinander gereiht ein lineares, gerichtetes Geschehen ergaben: Geschichte(n). Neu an der Schrift waren die Erfindung abstrakter Symbole und die Auflösung der Wirklichkeit in Zeilen, in Zeichen, in Zeit.

Zu konk + klonk

Maler wie Mondrian oder Kandinsky reduzierten ihre Bilder auf mathematisch bestimmbare Elemente: geometrische Einteilung, Schwarz und Weiß, die Farben Rot, Gelb und Blau oder grafische Elemente wie Punkt, Linie und Fläche. Denselben Weg ging die konkrete oder visuelle Poesie.
Die Literaturkritik hielt die konkrete Poesie für «arm»: Das waren bloß Sprachknochensplitter, die von den Tischen reicher Poeten gefallen waren, Lallbrocken, sinnentleerte Systeme, geschmäcklerische Wanddekorationen ... Zehn Jahre später war sie auch schon wieder vorbei.
«Knappheit, Konzentration und Einfachheit» waren für Eugen Gomringer das Wesen der konkreten Poesie. Er sah die Verwandtschaft von Text und Bild auch im Alltag, «wo aus Schlagworten und Buchstabengruppen Gebilde entstehen, die Muster einer neuen Dichtung sein können».
Konkrete Arbeiten wirkten durch ihre bildliche Sprache und spitzten eine Aussage auf ein paar Zeichen zu. Die trugen die ganze Last von Sinn und Unsinn und wurden mit Typografie, Gestaltung und immer wieder neuen Medien inszeniert. Plakate oder Neonschrift transportierten sie so schnell von einem Hirn zum andern, dass die Werbung aufmerksam wurde. Sie erfand immer raffiniertere Abläufe von Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, sodass Claus Bremer, einer der Letzten, mit der konkreten Poesie abschloss: Man kann heute nicht mehr so arbeiten, weil die Werbung alles vereinnahmt hat.
​Konkrete Poeten treten hinter ihre »Werke« zurück. Die Schätze liegen in der Sprache selbst, in ihrer Fähigkeit, mit der materiellen Wirklichkeit immer wieder neu in Beziehung zu treten: sie abzubilden, zu illustrieren oder zu stören.

(Buchpräsentation lectorbooks)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 03.06.2019

Auszug aus: Fokus «Sprache als Spiel [mit Tiefsinn]» in www.viceversaliteratur.ch, 13.8.2019)

Beat Gloor setzt in seiner konkreten Poesie die Schrift wörtlich ins Bild. In zwei Bänden, mit konk und klonk überschrieben, bietet er ein Sammelsurium an sprach-bildspielerischen Variationen in allen möglichen Richtungen – beispielsweise in Form von:

Ableitungen mit und ohne Laufmaschen (von «last but not least» → @las✝),
Ähnlichkeits- und Spiegelpaaren («mami – imam»),
Hörstürzen («lard pour lard»),
Permutationen und Anagramm-Gedichten,
Scrabble-Bildern,
sprachlichen Paradoxa,
typographischen Spielformen,
visueller Poesie à la Stundenglas.

Beat Gloor nimmt dabei gerne Rekurs auf die reiche Tradition von Bild-Gedichten im Mittelalter und der frühen Neuzeit, die speziell seit Mallarmés «Würfelwurf» von grossen Sprachvirtuosen wie den Dadaisten oder den visuellen Poeten experimentell weitergetrieben worden sind. Beat Gloor tut dies gleichsam mit einer «vierfachen verneinung»:

un
ent
weg

«Konkrete Poeten», hält er in einem kurzen Text fest, «treten hinter ihre 'Werke' zurück. Die Schätze liegen in der Sprache selbst, in ihrer Fähigkeit, mit der materiellen Wirklichkeit immer wieder neu in Beziehung zu treten: sie abzubilden, zu illustrieren oder zu stören.» Letzteres, also ein sprachkritischer Impetus, spielt auch in diesen beiden Bänden mit. Schlussendlich aber obsiegt doch die pure Lust an der Ab- und Verwandlung, die hier indes auch zu Wiederholungen neigt. Es ist nicht alles neu, was in den beiden Bänden steckt. Zuweilen sind die Muster gut bekannt, handkehrum tauchen darin abstrakte Kreationen aus Buchstabenfolgen auf, die sich zu reinen Texturen überlagern und jeden Anspruch auf Text oder Sinn aufgeben. Oder Wortvariationen, die ihre Bedeutung aus sich selbst hervorbringen wie (verkürzt zitiert):

widerstand
wi e derstand
wieder stand