Die Nachkommende
Roman

Hochsommer. Eine junge Frau reist in einem Zug von Paris nach Kroatien, wo wie jeden Sommer die Familie auf der Großmutterinsel wartet. Sie denkt an den Mann, mit dem sie ein Jahr lang eine Beziehung führte, die nie wirklich anfangen konnte: Der Mann ist ein verheirateter Mann. Ein Maler, der nicht mehr malt. In den fahrenden Zug setzt sich der tote Großvater zu ihr. Auch er ein Maler, auch er hatte aufgehört zu malen. Die zwei abwesend-anwesenden Männer werden zu ihren Begleitern auf einer Reise in die Vergangenheit und die Erinnerung, aus der sich eine Familienerzählung konstituiert. Das Auswandern der Eltern kurz vor dem Krieg in Kroatien hat eine Unzahl von Bewegungen ausgelöst. Aufbrechen, Abbrechen, es scheint eine Familienneigung zu sein, die sich wiederholt, die in Frage gestellt wird. Im Spannungsfeld dieser geographischen und sprachlichen Verschiebungen, in diesen von Geschichte besetzten Räumen, erzählt Ivna Žic in ihrem Debütroman von einer beginnenden Suche, die zugleich das Jetzt und das Damals abtastet.

(Buchpräsentation Verlag Matthes & Seitz)

Recensione

di Martina Keller
Inserito il 06.11.2019

Viele Stunden verbringt Ivna Žics Protagonistin unterwegs, in Zügen und Bussen, zwischen Zagreb, Zürich und Paris, zwischen ihrer Heimat, ihrem Wohnort und ihrem Geliebten. Die vielen Fahrtstunden manifestieren sich am Körper, stecken der jungen Frau buchstäblich in den Knochen:

... wieder einmal diese Fahrt, die weder aufhört noch irgendetwas auslöst, ausser die Wiederholung, ausser ihre Dauer, bekannte zwölf Stunden, wo stapeln sie sich wohl, diese immer wieder neuen fast zwölf Stunden Fahrt, irgendwo in diesem gekrümmten Körper liegen und stapeln sie sich ...

Der Körper ist wie eine Landkarte, auf der sich Spuren einprägen, die man lesen kann, wie ein Buch. Diese körperliche Reiseerfahrung, die sich auch im Roman wiederholt, ist Ausgangspunkt wie auch wichtiger Kontrast für die vielen gedanklichen Reisen, welche die junge Frau in Die Nachkommende unternimmt, und die ebenso deutliche Spuren hinterlassen.

So spielt dieser Text mit seiner Position im Dazwischen, in Zwischen- und Leerräumen und vermittelt ein Gefühl der Rastlosigkeit, der Atemlosigkeit, des Nicht-Ankommens, des Unterwegsseins. Alles ist in der Schwebe, alles ist unter Spannung in diesem Roman.

Diese spannungsgeladene Schwebe widerspiegelt sich einerseits in der komplex gebauten Struktur des Romans, der seine Leserinnen geschickt mit Rück- und Vorblenden an ein bewegtes Leben heranführt. Andererseits vermittelt Žics Sprache eine Atemlosigkeit: Sie erzählt mit langen, bildhaften, aber nie verworrenen Sätzen und mit einer Sinnlichkeit und Intensität, die keine Verschnaufpause zulassen. Die Zeit ist auch ein wichtiges Thema: Sie steht still, sie vergeht zu schnell. Viele Episoden sind einerseits für den Handlungsverlauf wichtig, können aber gleichzeitig auch als Metapher für das Innenleben der Protagonistin und ihre Beziehung zu ihrer Umwelt gelesen werden: So beispielsweise das Unterwegssein oder die wenigen Berührungen zwischen ihr und ihrem Geliebten. Dadurch verleiht die Autorin dem Text eine Vielschichtigkeit, die sich in der inhaltlichen und der sprachlichen Ausgestaltung zeigt.

Während sich die Erzählerin stets fortbewegt, entpuppt sich ihre Reise und auch ihre Erzählung als ständige Wiederholung. «Es ist wie eine alte Geschichte, die sich immer wieder erzählt, die sich nie zu Ende erzählt, fängt wieder von vorne an, macht die Erzählerin zur Greisin, obwohl es nicht sein kann, aber die Wiederholung, die Wiederholung, die Wiederholung misst eine eigene Zeit.» Und wie die Wiederholung konstitutiv ist für das Gelingen der Erzählung, ist sie gleichzeitig auch die grösste Angst: «...ich will diese Geschichte nicht teilen, ich will nicht, dass sie schon häufig vorgekommen ist, dass sie bekannt ist, ich will nicht, dass sie wiederholt werden kann».

Es gelingt Ivna Žic in ihrem beeindruckenden Debüt, Sprache und Handlung stark ineinandergreifen zu lassen und einem Text, der zu grossen Teilen aus Erinnerungen, Gedanken und Fantasien besteht, eine Verhaftung im Realen zu verleihen.

Obwohl die wichtigsten Figuren in dem Roman die meiste Zeit abwesend sind, haben sie eine starke Präsenz. Das gleiche gilt für die Protagonistin: Auch sie ist durch ihr Unterwegssein abwesend – was ihr von ihrer Familie und ihren Freunden zum Vorwurf gemacht wird: «Du bist nie da! Wirst du nicht müde?». Dennoch ist sie stark mit ihrer Heimat verbunden.

Wichtige «Abwesende» sind die kroatischen Grosseltern der Protagonistin, durch welche sie mit ihrer Heimat konfrontiert wird. Ihre Grossmutter hat «Beine wie Türme», ist wie «ein sitzender Berg am Meer», der Grossvater hat gemalt und irgendwann plötzlich aufgehört. Das Bild der türkisen Frau – das auch das Cover von Die Nachkommende schmückt – erinnert daran. Die Erzählerin findet für ihre Grosseltern eine bildhafte Sprache.
Nicht nur in der Auseinandersetzung mit den Grosseltern und der Vergangenheit, sondern auch in Begegnungen und Erlebnissen bei den regelmässigen Besuchen in Kroatien, die wiederum wieder Erinnerungen auslösen, werden Themen wie Herkunft und Identität verhandelt.

Der andere wichtige «Abwesende» ist der Mann, in den die Erzählerin sich verliebt hat. Er wohnt in Paris, ist verheiratet und einige Jahre älter. Kennengelernt haben sie sich im Hochsommer, auf der «Grossmutterinsel» in Kroatien, der Heimat der Protagonistin. Die erste Begegnung war flüchtig, aber prägend, doch ein Zusammenfinden ist ausgeschlossen. Die Erzählerin sagt: «es trennt uns nicht wenig, wenn wir zu zählen begännen, wären die Jahre noch das allerwenigste». Es trennt sie Erfahrungen, «Entscheidungen in all den Jahren, die vor unserer Begegnung liegen». Si sitzen oder liegen oft nebeneinander, schauen in die gleiche Richtung, aber nicht zueinander.

Der Roman endet mit einem Ankommen: Die Erzählerin erreicht Zürich, wo sie zuhause ist, früh morgens. Doch es ist nur ein vorübergehendes Ankommen, ein vorübergehendes Innehalten. Auf der letzten Seite steht nämlich in Abwandlung des bekannten Schlusssatzes der Märchen: «Wer gestorben ist, lebt noch heute» – ein Ende, das offener nicht sein könnte.

Nota critica

La protagonista di Die Nachkommende, la straordinaria opera d’esordio di Ivna Žic, ci porta con sé in un viaggio che attraversa tutta l'Europa; da Parigi, città del suo amante, alla Croazia, dove vivono i suoi parenti, passando per la Svizzera. Un pellegrinaggio in treno e autobus che è anche un viaggio nel tempo. Žic racconta tutto d’un fiato una storia ricca di immagini. Anche se molto si svolge nella testa del protagonista, il testo è fortemente ancorato alla realtà. Il linguaggio, a tratti quasi palpabile, è denso e impressionante, estremamente carico di tensione. Un testo fine e inquietante che tratta grandi temi quali l’amore, l’amicizia, l’identità e le origini senza mai apparire scontato. (Martina Keller in Viceversa 14, 2020. Traduzione Carlotta Bernardoni-Jaquinta)