Marta und Arthur Roman
Marta ist Schülerin, Arthur Referendar. Arthur interessiert sich für Marta, und Marta fühlt sich von Arthur angezogen – warum, weiß keiner von beiden so genau. Marta ist unerfahren und naiv, Arthur ein wortkarger Eigenbrötler. Trotzdem beginnen sie eine Affäre – und bleiben über 40 Jahre lang, bis zu Arthurs Tod, zusammen.
Katja Schönherr hat einen elektrisierenden Roman geschrieben über zwei Menschen, die nicht ohneeinander können – aber miteinander noch sehr viel weniger.
(Buchpräsentation Arche Verlag)
Recensione
Da gibt es Marta. Eine nicht mehr ganz junge, aber auch noch nicht alte Frau. Eine kleine Frau mit vielen kleinen Gewohnheiten und Ritualen. Eine Frau, die mehr um ihre Wirkung auf die Nachbarn besorgt ist als um ihr eigenes Glück. Und da gibt es Arthur, einen in die Jahre gekommenen, missmutigen Eigenbrötler mit vielen Macken und Geheimnissen. Die beiden haben über vierzig Jahre miteinander in der gleichen Wohnung gelebt, wobei das Miteinander in ihrem Fall eher ein Neben- oder sogar ein Gegeneinander war. Sie haben einen gemeinsamen Sohn und einige gemeinsame Erinnerungen: An zerstörerische Rituale, an Jahre voller gegenseitiger Abneigung und an einen weit zurückliegenden Anfang.
Und schon dieser Anfang war nicht gerade zauberhaft: Marta ist siebzehn, Schülerin, geprägt von einem abwesenden Vater und einer alkoholabhängigen Mutter. Funktionierende Männer gibt es in ihrem Leben keine. Ab und an kommen die wechselnden Liebhaber der Mutter zu Besuch, vor ihnen muss sich Marta in Acht nehmen. Der um sechzehn Jahre ältere Referendar Arthur ist der erste, der sich für sie interessiert. Er raunt ihr Ermahnungen ins Ohr und packt sie streng am Handgelenk, wenn sie nicht schnell genug lernt. Aber er begehrt sie auch in dieser Anfangszeit, verspricht ihr ein Wiedersehen nach der Schule. Es ist wenig, was er ihr gibt bei diesen schiefen ersten Treffen, doch es reicht, um Marta ein Leben lang an ihn zu binden. Als ihre Mutter sie hinauswirft, flüchtet Marta zu Arthur. Sie wird krank und bleibt liegen. Was wie ein Provisorium beginnt, wird spätestens dann zur ausweglosen Konstante, als Marta die Pille heimlich absetzt, schwanger wird und Arthur mit dem Kind erpresst. Sie zwingt ihn in das gemeinsame Leben, zwingt ihn zum Bleiben. Und Arthur seinerseits findet den Notausgang nicht, er bleibt.
Und so lebt Arthur bis zu seinem Tod neben Marta, sitzt am gemeinsamen Esstisch auf seinem Stuhl, liegt im gemeinsamen Bett auf der anderen Seite. Doch er spielt Martas Traum von einer glücklichen Familie nie mit: Seine neurotischen Sabotageakte sind so vielfältig und gemein, dass man Schönherr für ihren düsteren Einfallsreichtum bewundern muss. Arthur befiehlt die Teppichfransen zwanghaft gerade, bestellt Biberratte zum Essen und schenkt seiner Gefährtin einen Blumentopf mit toter Erde zum Geburtstag. Und Marta ihrerseits verbrennt jeweils ein Teilchen seiner geliebten Puzzles.
Als Arthur schliesslich stirbt, bleibt Marta allein zurück. Doch sie lässt ihn noch nicht los: Wie ein Kammerstück entfalten sich die vier Tage nach seinem Tod, in denen Marta mit dem Verstorbenen in der Wohnung zurückbleibt und sich all das erlaubt, was vor seinem Tod verboten war. Sie schleppt Säcke voller Sand an, um Arthur, den Meerhasser, mit abertausend Körnchen zu bestreuen. Sie dekoriert seine Leiche mit allerlei Utensilien. Und sie verwüstet sein Arbeitszimmer, das für sie Zeit seines Lebens verbotene Zone war.
Es ist eine grosse Stärke von Schönherrs Roman, dass er die entworfene Welt niemals schwarz-weiss zeichnet. Während man als Leserin anfangs alle Sympathien auf Marta ausrichtet, Arthur für seine vielen Neurosen verabscheut und bei jeder schicksalshaften Entscheidung mit Marta mitleidet, kommen nach und nach auch ihre dunklen Seiten ans Licht. Gerade im Umgang mit ihrem einzigen Sohn wächst Marta aus der Opferposition heraus und in die Rolle der Aggressorin hinein. Sie will ihn klein halten, an sich binden, besitzen. Auch um den Preis seiner Freiheit und seines Glücks. Als schliesslich eine andere Frau die Bildfläche betritt, rastet Marta aus. Sie verliert ihren Sohn – und kommt dem Wahnsinn, den sie früher gerne bei anderen beobachtete, ein grosses Stück näher.
Dieser Wahnsinn prägt die letzten vier Tage, die Marta mit dem toten Arthur in der Wohnung verbringt. Als Leserin versucht man zu verstehen, was da vor sich geht, nachzuvollziehen, wie zwei Menschen an diesen Punkt gelangt sind – und wird dabei von Martas zunehmend unzuverlässigen Perspektive in die Irre geführt.
Katja Schönherr beschreibt diesen Abgrund sehr gekonnt. Mit nüchternen Worten und genauem Blick für die sorgfältige Inszenierung entwirft sie den Lebensweg einer Frau, die immer die falsche Abzweigung nimmt. Marta und Arthur ist keine glückliche Geschichte, kein Liebesroman. Aber eine meisterhafte Studie von dem, was passiert, wenn zwei Menschen zusammenbleiben, die ohneeinander bestimmt glücklicher geworden wären.
Una donna recupera sacchi carichi di sabbia dal mare per seppellire il marito morto. Quello che potrebbe essere un romantico gesto d'addio si rivela essere un atto di vendetta alla base di un Kammerspiel determinato da una profonda avversione. Marta, l’ambigua eroina di questo scenario, ha sempre preso la strada sbagliata e si è ritrovata legata sentimentalmente ad Arthur, solitario nevrotico e scontento. Nel suo romanzo d'esordio, Katja Schönherr traccia la storia di una relazione segnata dall‘ostilità, l‘inganno e una crescente follia. Con frasi chiare, dialoghi freddi e una grande sensibilità per le costellazioni fatali, l’autrice racconta la storia di una coppia che non avrebbe dovuto stare insieme. (Lisa Gnirss in Viceversa 14, 2020. Traduzione Carlotta Bernardoni-Jaquinta)