Zu dritt Roman
Warum verstricken sich Menschen in Dreiecksbeziehungen? Ist es die Sehnsucht nach Stabilität, Vollständigkeit, vielleicht auch nach Gerechtigkeit? Die junge Martina, nach dem Studium in die Schweiz gezogen, möchte ihre Leidenschaft für Radwan mit ihrem früheren Geliebten Philipp teilen. Hanna, die nach Flucht und Vertreibung ins Eheleben springt, nimmt ihre Mutter in den gemeinsamen Haushalt auf, ohne zu ahnen, dass die Ménage-à-trois ihr Eigenleben abklemmen wird. Und in seinem Vororthaus in Mainz legt der fast 90-jährige Viktor seinen ganzen Einfallsreichtum an den Tag, um die Liebesgefühle der polnischen Pflegerin zu einem Nachbarn auf sich selbst zu lenken und der Dritte im Bunde zu werden.
Feinfühlend und scharfsinnig erzählt Ruth Wittig drei Lebensgeschichten, in denen sich Dreiecksverhältnisse als trügerisch und Entscheidungen als Scheinfreiheiten erweisen. Zu dritt ist ein vielschichtiger und raffiniert komponierter Roman, der sich auf den zweiten Blick als Generationengeschichte enthüllt.
(Buchpräsentation Edition Bücherlese)
Eine subtile Mischung aus Ironie und Empathie
Zu Beginn erscheint alles recht einfach. Martina, eine junge Frau, fährt mit dem Auto von Leukerbad nach Les Avants, um Philipp, ihrem besten Freund und früheren Liebhaber, mitzuteilen, dass sie den gemeinsamen Freund Radwan heiraten wird. Auf der Fahrt geht ihr manches durch den Kopf, ihr Leben in Fribourg, fern ihrer Verwandten in Deutschland, und ihre Geschichten mit den beiden Männern. Philipp ist für sie die Familie, die sie nicht hat: «Vater, Mutter, Schwester und Bruder, er war mein Freund und Alter Ego, und manchmal war er mein Kind.» Mit Radwan hingegen hat sie das Liebesleben entdeckt, zu dem Philipp nicht fähig war.
In der Ehe erfährt sie dann, dass es in einer Beziehung zu dritt immer eine Person gibt, die den Dritten macht und riskiert, allein zurückzubleiben. In diesem Fall ist sie es. Zur Dritten wird sie sowohl gegenüber der Komplizenschaft zwischen Philipp und Radwan wie dann jener zwischen Radwan und seinem Kind oder Radwan und der Mutter seines Kindes oder Radwan und seiner Mutter.
Im Erzählen aber bleibt Martina die erste Person. Sie präsentiert uns die Geschichten dieses komplexen Beziehungsnetzes mit einer subtilen Mischung aus Ironie und Empathie. Das gilt neben dem ersten Teil des Romans, in dem sie von sich erzählt, auch für den zweiten und dritten, wo sie die Geschichte ihrer Grosseltern Hanna und Viktor aufdeckt. Auch deren Nöte und Freuden verfolgen wir in einem Mischgefühl von Wohlwollen und Kopfschütteln.
Auf Abstand halten
Grossmutter Hanna erlebt die Nachkriegszeit und die Zeit bis zu ihrem Tod Anfang der 1990er Jahre in einem Haushalt zu dritt mit Viktor und ihrer eigenen Mutter. Diese hat am Kriegsende ihren Mann verloren, ist aus Bielitz im heute polnischen Oberschlesien in den Westen geflüchtet und hat nun in Mainz nur dank der Nähe zur Familie ihrer Tochter Anschluss an andere Menschen.
Die drei Erwachsenen werden durch eine Art Pflichtgefühl zusammengehalten. Sie gehen alle drei ihren eigenen Weg, behalten für sich, was ihnen am kostbarsten ist, rätseln über die Geheimnisse der anderen und zugleich darüber, was diese über die ihren rätseln. So kommunizieren sie nur noch durch ein «tonloses Benennen von dem, was offensichtlich war. Das Salz, die Geranien, der Rocksaum.» Hanna wird «eine getäuschte, betrogene Frau mit einem treuen Ehemann, der im Schwarzwald Geschäftsbücher kontrollierte und sich nach ihr sehnte.» Sie fügt sich wie andere Frauen ihrer Generation im Schein des Nachkriegsglücks einem wunschlosen Unglück.
Der geheime Grund für den Haushalt zu dritt liegt in der Unfähigkeit der drei, sich der Vergangenheit des Krieges und der Vertreibung aus dem Osten zu stellen: «Ohne die Mama würde alles über sie hereinbrechen, der Krieg, die Flucht, der Papa, alles, was sie verloren hatten. Wenn sie zusammenblieben, konnten sie diese Dinge besser auf Abstand halten.» Aber mit der unverarbeiteten Vergangenheit halten sie auch einander auf Abstand und leben in der Einsamkeit einer wechselseitigen Entfremdung, die sie auch sich selbst entfremdet.
Feinsinnige Komik und wache Erotik
Viktor, der in der Hanna-Geschichte eher abwesend und farblos bleibt, gewinnt nach dem Tod der beiden Frauen, die für ihn gesorgt haben, eine starke Präsenz und ein farbiges Innenleben. Mit Hanna und dessen Mutter war er Teil der Konstellation dreier Pflichtmenschen. Nun wird er zum heimlichen Hedonisten, teilt unter der Hand die Lebenshaltung seiner Tochter Dita und deren Tochter Martina und entdeckt: «Ohne die Verpflichtung zur moralischen Entrüstung lässt es sich gut leben.»
Als Neunzigjähriger sieht er sich «in Liebesdingen ausserhalb jeder Konvention» und erlaubt sich, sein sexuelles Begehren nicht nur sich selbst, sondern auch seiner polnischen Pflegerin Henryka einzugestehen. Dass deren Liebhaber Ingo als «eine Art Vollzugsbeamter» ihr das erfüllt, was sie braucht, kommt ihm gerade recht: «Jenseits verkrusteter Vorstellungen war das Dreieck Viktor-Henryka-Ingo eine vielversprechende Konstellation. Er will sie, sie will ihn und du willst sie, jawoll.»
In seinem erotischen Kopftheater steht Viktor nicht nur in einer spannungsvollen Beziehung zu Henryka und Ingo, auch in seinem Innern erhebt sich ein «schreiender Chor von Stimmen, die das Geschehen kommentieren» und aus diesem Chor schält sich wie in der Urform der griechischen Tragödie eine Stimme heraus: jene des kühlen Beobachters und Beraters, der sein Verhalten kommentiert und kontrolliert. Keine Tragik entspringt diesem Konflikt, sondern eine feinsinnige Komik und zugleich eine wache Erotik, wie sie sich ja immer dann entfaltet, wenn sexuelle Bedürfnisse zwar geäussert, aber nicht sogleich befriedigt werden.
Familien- und Generationenroman
Martina, Hanna und Viktor sind zu dritt die Hauptpersonen dieses Romans. Jeder der drei ist ein Romanabschnitt gewidmet, aber Martina ist es, die das dreiteilige Ganze zusammenhält. Erst zum Schluss sehen wir, wie die Geschichten ihrer Grosseltern in die ihre münden und diese mit begründen. Der Roman erweist sich immer deutlicher als Familien- und Generationenroman. So wie die einzelnen Dreierkonstellationen sich fortlaufend auf eine Vielzahl von weiteren Konfigurationen hin öffnen, so verweist der Roman über die Generation der Grosseltern und jener Martinas hinaus auch auf jene der Mutter Hannas und jene Ditas, der Mutter Martinas, und kündigt an, dass es auch nach Martina eine neue Generation geben wird. Jede Generation wird von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen und von besonderen historischen Geschehnissen geprägt. Der Roman überzeugt nicht nur durch die psychologische Feinzeichnung der Figuren, sondern auch durch Qualitäten eines Gesellschaftsromans und das Gespür für historische Zusammenhänge.
Nach ihrem Erstling, dem Erzählband Camouflage von 2014, ist Ruth Wittig mit Zu dritt ein Meisterstück gelungen. Sie entwickelt in diesem Roman noch weiter, was sie am Genre der Erzählungen gelernt hat: die Kunst, in verdichteter Weise mehrere Zeit-, Geschehens-, und Reflexionsebenen miteinander zu verbinden, die dezenten Dosierung von ausdrucksstarken Metaphern, die Gabe zur prägnanten Formulierung und die Neigung zur unaufdringlichen, aber nicht minder wirksamen Komik. Zu dritt überzeugt durch einen unverwechselbar eigenen Ton in der epischen Grossform.
Dopo aver lasciato la Germania per Friburgo, Martina non riesce a mantenere viva la sua amicizia con Philippe e nemmeno il suo matrimonio con Radwan. Sua nonna Hannah deperisce a Mayence, dove si occupa della casa e delle faccende domestiche, vicino alla bisnonna e al marito Viktor. Quest’ultimo, dopo la morte di Hannah, vive una tardiva felicità erotica con Henryka, l’infermiera polacca che sperimenta con il compagno Ingo l’avventura su cui il paziente novantenne può solo fantasticare. In un miscuglio originale d’ironia e empatia, il romanzo descrive le miserie e le gioie di questi tre personaggi, ritracciando al contempo la loro storia famigliare che copre più generazioni: dalla Germania del dopo guerra alla Svizzera di oggi. (Daniel Rothenbühler in Viceversa 14, 2020. Traduzione Carlotta Bernardoni-Jaquinta)