Hungrige Tastatur. Gedichte Mit Schreibbildern der Autorin
Dieser Band bringt neue Gedichte von Ruth Loosli, die als Lyrikerin schon lange ihren eigenen Ton gefunden hat. Leichtfüßig, mit schrägem Wortwitz und oft inhaltlich oder formal überraschenden Wendungen, geht sie ganz verschiedene Themen an: Sprache, Natur und Mensch, ironische Selbstbetrachtung, Familie, Freundschaft, Gesellschaft und Politik, Religion und Zeit.
Es gelingt ihr, auch ernste Inhalte – Flüchtlingsproblem, Klimawandel, Tod – so in ihre Sprache zu fassen, dass das Lesen nachdenklich, aber nicht schwermütig macht.
Ruth Looslis stetige Beschäftigung mit dem Schreiben spiegelt sich auch in ihren dichten Schreibbildern, von denen einige den Lyrikband begleiten.
(Präsentation Waldgut Poesie)
Recensione
Ruth Loosli
Ums Wissen und Verstehen, ums Nichtwissen und was uns dabei fehlt, geht es auch in den Gedichten von Ruth Loosli. Doch das Verstehen bleibt in ihren Gedichten transparenter und präsenter. Sie bewegen sich verspielt zwischen poetischen Freiheiten und dem Wissen, dass einen die Welt nie ganz loslässt. Auf diesen kurzen Nenner lassen sich die 72 Gedichte bringen, in denen die Autorin im Band Hungrige Tastatur ihre poetische Beweglichkeit unter Beweis stellt. In ihrer Lyrik manifestiert sich ein faszinierendes Wechselspiel zwischen dem Trachten, sich lyrisch frei zu machen von Vernunft und Realität, und dem Bewusstsein, die «Fussfesseln» der Welt nie ganz loszuwerden. Hin und wieder jedoch gelingt es ihr gleichwohl, für Augenblicke und kurze Zeilen zu entwischen und eine Volte ins Absurde, Spielerische, Losgelöste zu schlagen. «Sonntag mit Klee» heisst ein solches Gedicht.
Es hat sich gelohnt
den Mond im Kalb
zu halbierenund ihn um die Leber
zu drapieren.
Es «tat's um des Reimes willen», kennt Christian Morgenstern im Gedicht «Das ästhetische Wiesel» die Wahrheit vom raffinierten «Mondkalb». Ob Mondkalb, Kälbermond oder halber Mond – auf jeden Fall mochte auch Paul Klee den Dichter Morgenstern, und Ruth Loosli wiederum liebt die Arbeiten Klees. Sie beginnt, sagt sie, «zu summen und vokalisieren», nur schon wenn sie daran denkt. Das alles ergibt vielleicht noch keinen Sinn, aber ein Netz von Beziehungen, die sich in den gewitzten fünf Zeilen mannigfach verwickeln.
Auf der anderen Seite des Spektrums zeigt sich in diesem Band eine Dichterin, die sich nicht davor scheut, die Wirklichkeit und ihre Lyrik ganz eng zu führen, gerade auch im Wissen, dass derlei verhängnisvoll sein kann, lähmend und zum Verzweifeln wie in «Am Lyrikfestival». «Während in Afghanistan eine / Bombe hochgeht / schreiben wir ein Gedicht», beginnt es und verwandelt dieses schützende Wir von Zeile zu Zeile in ein offenes poetisches Ich, das sich am Ende ins Nichtwissen rettet: «On ne sait jamais. / On ne sait rien.» Doch darin drückt sich kein Eskapismus aus, vielmehr das Wissen, dass sich schützen muss, wer wissen möchte und sich der Gegenwart stellt. Es ist und bleibt ein Kampf nicht nur für die Dichterin.
Um dieses Nicht-Wissen dreht sich vieles in dem Band. Wissen und Wirklichkeit erfahren keine Absage, doch eine Verrückung in Frageform, zum Beispiel in «Tanz der Neuronen»:
Nichts als ein Tanz
der Neuronen sie das Bewusstsein
nichts Magisches
reine Physik.Doch wer lässt sie tanzen?
Wer kreiert die Choreographie?
Auf die Frage bleibt das Mondkalb hier stumm und ohne Reim.
Es ist diese Ambivalenz, das behutsame Changieren zwischen dem Realen und dessen unterschiedlichen Antipoden, welche nicht dem Übersinnlichen zuzuordnen sind, sondern eher der naiven Aufmerksamkeit für natürliche Wunder. Oder dem Dichten und dem Schreiben:
Die Gedichte ruhen.
Sie sind Handläufe / die unserer Melancholie
schmeicheln und sie hinunter auf die Strasse begleiten.
So elementar und lebenswichtig das Lyrische in diesen Gedichten ist, so schlicht und unprätentiös wird es von Ruth Loosli in Szene gesetzt. Dichten bleibt dabei ein zwiespältiges Unternehmen, das aus dem Widerstreit seine Energie schöpft und sich zuletzt immer sprachlich aufhebt. So verrät Hungrige Tastatur einen poetischen Appetit, der sich nicht mit leichter Kost abspeisen lässt. «Ich bin ein Dreiminutenei / das sich selbst auslöffelt», bleibt als kulinarisches Bild am Ende der Lektüre im Gedächtnis haften.
(Aus: «(link: https://www.viceversaliteratur.ch/article/21387 text: Vom Vergnügen, nichts verstehen zu müssen popup: yes). Neue Lyrik aus der Schweiz». Ein Fokus von Beat Mazenauer, 26.5.2020).