Innozenz
Eine Legende

Der Inquisitor Innozenz wird vom Papst ins kleine Dorf Schwamendingen geschickt. Seine Mission: den Schädel des ersten Menschen aufzuspüren, der sich dort in den Händen einer diabolischen Sekte befinden soll. Begleitet wird Innozenz vom absolut reinen Buch, das durch keinen einzigen Buchstaben besudelt wird. Die beiden wissen nicht, dass sie es bald mit der schwärzesten Form von Magie zu tun bekommen werden ...
​Schwarze Magie allenthalben. Dämonen, Hexen, Alchemisten, mysteriöse Viola-da-Gamba- Spieler. Und mitten in Schwamendingen: der arbor mortis, der Baum des Todes. Kein Wunder also, dass das absolut reine Buch sofort wieder abreisen will. Doch Innozenz nimmt seinen Auftrag ernst. Mit dem Schädel des ersten Menschen ist nicht zu spassen, schliesslich hat Gott diesen ja nach seinem Bilde geschaffen. Die Suche gestaltet sich indes diffizil; überall tun sich infernalische Abgründe und kabbalistische Fallen auf. Wird das reine Buch seine Unschuld behalten können? Und wird Innozenz’ ebenso unbeflecktes Herz das Abenteuer heil überstehen?

(Buchpräsentation Lektorbooks)

Ein Groschenroman für Sartre & Co.

di Tamara Schuler
Inserito il 10.06.2020

Wer schon einmal in den Genuss von Gion Mathias Caveltys Werken kam, weiss: Alles ist möglich. Ein Buch als Protagonist? Ein Heiliger, der nach Schwamendingen reist und dort in einen Hinterhalt gerät? Eine Beinahe-Apokalypse, die dann doch noch schiefläuft? All das und mehr hält Innozenz bereit.

Kaum sehen wir, lügen wir.

Kaum hören wir, lügen wir.

[...]

Kaum sprechen wir, lügen wir.

Kaum schreiben wir, lügen wir.

Kaum lesen wir, lügen wir.

Mit diesen radikalen Zeilen beginnt Caveltys als Legende untertitelte Geschichte. Erzählt wird diese von einem Buch – mitnichten einem ordinären Buch, sondern dem ursprünglichen, jungfräulichen Buch, unbefleckt von Druckerschwärze und Geschreibsel. In diesem Buch gibt es nichts zu lesen, vielmehr liest das Buch in den Köpfen der Menschen. So auch im Kopf des Heiligen Innozenz de Innozentis: Eine Zufallsbekanntschaft in den Gemächern des Papstes Abundius. Der kränkelnde Papst hat Innozenz zu sich gerufen, um ihn in heikler Mission loszuschicken nach Schwamendingen. Das Buch ist entzückt, denn Innozenz ist die reine Unschuld. Dem Orden der Odilianer angehörend, misstraut Innozenz allen menschlichen Sinnen, können diese doch im Handumdrehen zu Instrumenten des Satans werden. Innozenz soll als Käferforscher getarnt ins Bistum Konstanz reisen, um den Schädel des ersten Menschen aus den Händen von Ketzern zu befreien.

Was folgt, ist eine klassische Heldengeschichte: Der Held (Innozenz) macht sich zusammen mit seinem Sidekick (dem Buch) auf ins Abenteuer. Der Spannungsbogen steigt, die Guten begegnen den Bösen (darunter befinden sich unter anderem skurrile Dämonen, ein zwielichtiger Quacksalber und ein «junges Weibsbild mit bis zu den Waden reichenden, feuerroten Locken»), der Showdown wird unausweichlich. Die Figuren und Handlungsabläufe sind damit einigermassen klar festgelegt. Inhaltlich verbindet sich Caveltys überbordende Fabulierlust mit einer geradezu akribischen Hintergrundrecherche. Kaum etwas in dieser Erzählung ist einfach nur ausgedacht, vielmehr – und das ist das eigentlich Verstörende – gibt es all diese (pseudo-)religiösen und okkulten Sagen und Personae tatsächlich. Entsprechend gespickt ist Innozenz mit Anspielungen, Symbolismen und Doppeldeutigkeiten. Auch die existenzialistische Philosophie kommt dabei nicht zu kurz: Innozenz’ Gegenspieler gehören einer Art extrem-nihilistischer Gemeinschaft an, geeint durch den Hass auf alles Geschaffene. Sie sehnen sich nach der Vor-Schöpfung, in der noch alle Möglichkeiten enthalten sind, ohne dass die Entscheidung für oder gegen eine Möglichkeit getroffen werden muss: «Wir wollen NICHTS sein – und damit ALLES sein.»

Diese «Vereinigung der verschiedensten dunklen Traditionen aller Äonen» lockt Innozenz in eine Falle: Ungewollt schaut er in einen Spiegel und macht sich ein Bildnis von sich selbst. Dadurch verliert er seine Unschuld und wird zum Nihilfer, dem Nichtsbringer, der als blindwütiges, ungeschaffenes «Urkaos» den Zürichberg und die Alpen verschlingt. Im letzten Moment misslingt die Apokalypse dann doch, sodass sich das mittlerweile nicht mehr ganz so reine Erzähl-Buch in einer quasi-brechtschen Ansprache an die LeserInnen wenden und deren vermeintliche Gier nach Destruktion und Weltuntergang anprangern kann.

Im Kern ist Innozenz wohl auch ein Besuch im Kopf des Querdenkers Gion Mathias Cavelty: Existentialistische, religiöse und okkulte Gedankenspielereien vermischen sich mit historischen Mythen und düsteren Musiktipps (Cavelty selbst ist überzeugter Heavy Metal-Hörer). Hinzu kommen selbstironische Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb, so fleht das jungfräuliche Buch einmal: «Bitte wirf mich nicht in einen Topf mit den Milliarden hundskommunen besudelten Büchern, die überall wie Huren herumliegen und nach Kundschaft gieren.»

Was vordergründig witzig und sehr trashig anmutet, ist bis ins kleinste Detail durchdacht und hochgradig satirisch: ein Groschenroman für Intellektuelle. Als solcher ist er jedoch etwas gar konstruiert und alles andere als zugänglich. Natürlich kann es unterhaltsam sein, all diesen Querverweisen und Anspielungen nachzugehen und so beispielsweise herauszufinden, dass Nihilfer der Künstlername eines Gitarristen ist, der in der norwegischen Black Metal-Band Kaosritual spielt. Diese spitzfindige Detailversessenheit macht nicht zuletzt deutlich, dass Cavelty kein Autor ist, der für die Leserschaft schreibt, sondern schlicht aus Freude am Prozess. Wie sagte Urs Widmer einst so treffend: Das Schreiben ist das Ziel, nicht das Buch. Wenn es so etwas wie Gebote für die Literatur geben soll, dann ist dies wohl mit Abstand das oberste – und eines, an das sich selbst ein Gion Mathias Cavelty hält.