Die Vielgeliebte meines Mannes
Roman

Nach einer Chorprobe schießt die dreizehnjährige Kitty aus Eifersucht auf die Ehefrau des Organisten Charly – das Drama des Sommers der schönen Gesänge und bunten Farben nimmt seinen Lauf. Margrit Schriber zeigt sich von einer neuen Seite und nimmt uns mit in die 60er Jahre.
Es beginnt mit der Anstellung des Musikstudenten Charly als Organist in der Kirche St. Agatha in einem abgelegenen Dorf am See. Er gründet einen Mädchenchor, was bei den Töchtern von ungelernten Arbeiterinnen aufregende Zukunftsträume weckt: Warum sollten sie nicht entdeckt werden wie die Gesangs- und Filmstars, für die sie schwärmen? Im Dorf lernt Charly außerdem die exzentrische Madame Benz kennen, die ihn fasziniert. Über den Chorproben und den regelmäßigen Besuchen in der Villa von Madame Benz vergisst Charly sein Studium und seine junge Frau, die uns die Geschichte erzählt. Das eifersüchtige Chormädchen Kitty schmiedet einen Plan mit dramatischen Folgen.

(Buchpräsentation Nagel & Kimche)

Allegretto amaro

di Livia Schwartz
Inserito il 07.09.2020

Ein kleines idyllisches Dorf irgendwo im Schweizer Mittelland in den sechziger Jahren, an einem See am Fusse eines steil abfallenden Berges gelegen: Hierher kommen der Musikstudent Charly, in seiner Vorstellung schon zukünftiger Dom-Organist und Komponist eines Meisterwerkes, zunächst aber einfach Organist und Kirchenliedbegleiter der kleinen Kirchgemeinde, und seine junge Verlobte Rosy, die ihren angehenden Ehegatten vergöttert und von seiner Genialität überzeugt ist.

Startschuss der Geschichte ist der Tagebucheintrag der dreizehnjährigen Kitty mit der Ankündigung eines Mordes. Damit ist der dramatische Hintergrund der Geschichte etabliert und lässt trotz des beschwingten Tones am Beginn der Erzählung bereits erahnen, in welche Richtung sich die folgenden Ereignisse bewegen.

Viel ist nicht los in diesem Dorf, das etwas abgeschnitten ist von der Welt und so bleibt nichts unbemerkt, was die tägliche Langeweile unterbricht und für ausreichend Gesprächsstoff sorgt. Genau das tut Charly mit seinem wehenden Schal und seinen donnernden Orgelklängen. Er gründet kurzerhand einen achtstimmigen Mädchenchor und setzt seinen «Chorblumen» eine Menge Flausen in den Kopf. Sie umschwärmen Charly und jede einzelne von ihnen tut alles, um in seiner Gunst am Höchsten zu stehen. Seine junge Frau ist dabei nur Zaungast. Argwöhnisch von den Mädchen beobachtet wird sie zur Zielscheibe ihrer Häme. Als Rosy nun endgültig zu Charly ins Dorf zieht und die Hochzeit zu den Gesängen der Chormädchen geplant ist, blitzen sofort Eifersucht und Missgunst auf.

Charly tut das als Jungmädchengehabe ab und auch Rosy misst dem zunächst keine Bedeutung bei. In ihrer Verliebtheit und in ihrer Rolle als frischgebackene Ehefrau ist sie sich der Liebe ihres Mannes sicher und nimmt ihr neues Leben mit lustvoller Leichtigkeit auf. Da das Organistengehalt für Ausbildungskosten und Lebensunterhalt bei Weitem nicht ausreicht, tritt Rosy die freigewordene Sekretärinnenstelle in der nahegelegenen Parfümfabrik an. Das ermöglicht ihrem Angebeteten, sich voll und ganz seinem kompositorischen Meisterwerk zu widmen, was er in stundenlangen, Aschenbecher füllenden Sitzungen im Cafe Romantika auch genüsslich tut. Hin und wieder spendiert er dort einer seiner Chorblumen einen Eisbecher, vor allem aber hat er volle Sicht auf die opulente Villa der atemberaubenden Madam Benz.

Sie ist die Attraktion des Dorfes, ein Abglanz der weiten Welt, unnahbar und geheimnisumwoben. Ihr Grundstück ist das einzige mit einem Seezugang, hier füttert sie die Fische und setzt sich wie ein Hollywoodstar in Szene, wenn sie mit grosser Geste selbst ins Wasser springt und eine ganze Weile nicht mehr auftaucht. Ab und an schaukelt sie mit ihrem rosafarbenen Amerikanerschlitten die schmale Felsenstrasse entlang, oder sie lässt ihre Tauben fliegen, an deren Füssen kleine Flöten befestigt sind, so dass der Wind ihnen Töne entlockt. Nachts sind die Fenster ihres Salons hellerleuchtet und sie ist an ihrem Steinway sitzend zu sehen, ebenfalls in grosser Pose, ohne sich jedoch im Geringsten um ihre Zuschauer zu scheren. Alles, was sie tut, erregt Charlys Aufmerksamkeit. So werden seine Sitzungen im Romantika immer ausschweifender, ohne dass sich seine Notenblätter füllen. Er sitzt da, knabbert an seinem Bleistift und starrt hinüber zur Villa seiner «Vielgeliebten». Diesen Titel gibt ihr Rosy und es ist erstaunlich, wie lange die Erzählerin sich in der Nebenrolle als hübsches Accessoire zufriedengibt. In ihrer Liebe zu Charly gesteht sie ihm viele Freiräume zu, in Kauf nehmend, dass er sie wohl weniger liebt als sie ihn. Sie hofft, dass sie ihn trotzdem halten kann, durch ihre frisch-frivole Art, ihre Fürsorglichkeit und ihr Talent zur Sparsamkeit. Ihre Sorgen hingegen behält sie für sich, schreibt sie ins Wasser und lässt sie von den Wellen fortspülen.
Währenddessen entwickelt sich Kitty vom unscheinbaren, «fotzelfransigen Mäuschen» zur waffenschwingenden Calamity Jane, die inzwischen vom Dorf wegen ihrer engelsgleichen Stimme gefeiert wird. Mit der Arroganz und dem Grössenwahn einer Dreizehnjährigen verfolgt sie beharrlich ihr Ziel, Rosy auszuschalten, um an ihrer Stelle von Charly als die wahre Geliebte auserkoren zu werden.

Mehr und mehr gewinnt die Geschichte an Dramatik und man fragt sich, wo das Verantwortungsbewusstsein von Charly bleibt, der selbstverliebt und in den Fängen der Madam verharrend nicht bereit ist, die Chormädchen in ihre Schranken zu weisen und für seine Frau einzustehen. Selbst ein Spottspalier, bei dem Rosy von den Mädchen bespuckt wird, tut er als Kinderei ab und die Morddrohungen in Kittys Tagebucheinträgen schreibt er ihrer begabten Phantasie zu. Wie blind kann ein Mensch nur sein?

Die Geschichte spielt sich in der Kulisse der frühen sechziger Jahre ab, die Zeit der Petticoats, des Rock’nRolls, des wirtschaftlichen Aufschwungs und der sexuellen Befreiung. Die Mädchen verkörpern bereits die neue Generation, während Rosy noch ihre eigene Rolle sucht. Die Madam bringt mit ihrem Hollywoodflair frischen Wind in die verstaubten Vorstellungen der Alteingesessenen und trägt viel zum Unterhaltungswert des Buches bei.

Mit sarkastischem Unterton entwirft Margrit Schriber die bitterböse Satire eines Sittengemäldes jener Jahre, in denen sie selbst in Rosys Alter war. Wie schon in früheren Romanen widmet sich die Autorin der Beschreibung eines Frauenschicksals, eingebettet in die gesellschaftlichen Gepflogenheiten seiner Zeit. Dass die Figur des Charly dabei wenig Schattierungen abbekommt, mag an der Identifikation der Autorin mit der Hauptfigur liegen. So stellt sich die Frage, wie nah diese Erzählung wohl mit den eigenen Erfahrungen verknüpft ist?

Margit Schriber erzählt mit einer satanischen Lust am Fabulieren und wählt ihre Worte gekonnt und treffend. Die Leichtigkeit, mit der Rosy in ihr Eheleben startet, bestimmet auf höchst amüsante Art die ersten Seiten der Geschichte, in deren Fortlauf immer mehr Schmutz und Ungeheuerliches zutage tritt. Kopfschüttelnd und offenen Mundes ergibt sich die Leserin dem erzählerischen Sog und staunt, wie die achtzigjährige Autorin einer Protagonistin das Wort gibt, die so munter und humorvoll von tragischen Schicksalsereignissen berichtet. Ist es Altersweisheit, oder liegt die Heiterkeit in der Distanz zum Erzählten?

Traurige Tage vergehen. Das Leben. So ist es. So wird es immer sein. Jede Träne verschwindet in den Falten eines plötzlichen Gelächters.