Alpefisch
Roman

Wenn sich zwei junge Menschen mit ziemlich viel Leben im Rucksack ineinander verlieben, kann das gut gehen. Im Fall des jungen Heilpädagogen Brunner und der Jus-Studentin Katrin erweist sich die Beziehung aber als komplizierter als erhofft. Umso mehr, als beide nicht zu wissen scheinen, was genau ihre Liebe zueinander ausmacht, und dennoch nicht voneinander lassen können. Was als spielerische Sommerliebe beginnt, wird zu einem leidenschaftlichen Abnützungskampf. Der innere Widerstreit zwischen Geborgenheitssehnsucht und Autonomiebedürfnis, der Konflikt zwischen dem Wunsch, zu retten und gerettet zu werden – beides scheint unlösbar. Bis sich Brunner dazu entschliesst, eine irrwitzige Idee in die Tat umzusetzen.

(Buchpräsentation Zytglogge)

Wenn der Alpenfisch sich rötet

di Tamara Schuler
Inserito il 23.03.2020

Wie kann man weiter leben nach einem traumatischen Erlebnis? Wie hilft man einem Menschen, der Schlimmes durchlebt hat? Diese Fragen verhandelt Andreas Neeser in seiner Mundarterzählung Alpefisch und zeigt auf, wie unterschiedlich Menschen mit Traumata umzugehen versuchen.

Christian Brunner – in Gedanken spricht er sich selbst nur mit Brunner an – hat gerade sein Studium abgeschlossen und will sich nun ein wenig Zeit nehmen, bevor er ins Arbeitsleben startet. Dieser Brunner ist ein bodenständiger junger Mann, möchte man meinen. Pflichtbewusst hat er gelernt für seinen Abschluss, strukturiert bis hin zu den Kaffeepausen:

Sini Biblitääg sind zimlich duretaktet gsii. Büglen ab de nüüne, Kafi starch am zähni, am zwölfi Mittag bis am eis, Kafi schwach am drüü, Fürooben am sächsi. Am Donnschtig, wenn de Lääsisaal bis am achti offe gsi isch, hets am föifi no mol e Kafi starch ggää.

Nun will sich Brunner neu ausrichten, schreibt Bewerbungen, kauft frisches Gemüse ein und Obst. Überhaupt nimmt Nahrung viel Raum ein in dieser Erzählung, mal brät Brunner ein Chateaubriand mit drei Salaten dazu, mal gibt es nur Teigwaren blutt mit Parmesan. Diese Essensfixierung verweist auf eine weitere Eigenheit von Brunner: Knurrt sein Magen in der Öffentlichkeit, schiesst ihm die Schamesröte ins Gesicht. Das verrät doch so einiges über diese Figur; das ist also einer, der sein Leben, seine Gedanken und seinen Körper unter Kontrolle behalten will. Entzieht sich sein Magen dieser Kontrolle, so ist das für Brunner zutiefst beschämend.

Doch gibt es da Eine in seinem Leben, die sich so gar nicht kontrollieren lässt von Brunner: Katrin, die geheimnisvolle Jusstudentin, deren Anziehungskraft er sich nicht entziehen kann. Katrin fällt es allerdings schwer, sich auf Brunner einzulassen. Als sie dreizehn Jahre alt war, missbrauchte sie der Geschäftspartner und enge Vertraute ihres Vaters. Dieser wusste davon und tat nichts dagegen. Erst nach Jahren konnte sie sich befreien, doch noch immer wohnt sie zuhause beim Vater. Sie erzählt Brunner, was geschehen ist, dass sie endgültig fort will, es bisher aber nicht geschafft hat.

Auch Brunner hat Traumatisches erlebt. Als Jugendlicher musste er zusehen, wie sein Bruder von einem Lastwagen überfahren wurde. Während Brunner Katrin rät, endlich einzustehen für sich selbst, bekämpft er vehement jeden Impuls, über seinen Verlust zu sprechen. Stattdessen hält er stille Zwiesprache mit einem alten Kirschbaum, an dessen Stamm er sich in Ruhe erden kann. Ein weiterer stummer Kompagnon ist der Tunesier, ein saurer Wein, den Brunner abends trinkt, bis ihm schliesslich der Kopf auf den zerfurchten Brocki-Tisch fällt.

Es ist ein zähes Hin und Her zwischen Katrin und Brunner, sie hängen aneinander und können doch nicht wirklich miteinander. Als ihm das Gefühlswirrwarr zu viel wird, stiefelt Brunner auf den Berg, den er vor Jahren mit seinem Bruder und dem Vater bestiegen hat. Mit jedem Höhenmeter scheint sich das Durcheinander in seinem Kopf zu lichten, und als er schliesslich hinunterschaut auf die Wolkendecke, atmet er – zumindest für den Moment – auf:

Es wulligs Meer, wo me müesst driigumpe, vo wiit obenabe. En Alpefisch sett me sii, mit Flügel zum Schwadere. – De Brunner schmunzlet. Öppis git noo in em inn, es liechtet, und er frisst di letschte Höhemeter, wie wenn er no gar nüüt ggässe hätt.

Eine Geschichte, die in Schweizer Mundart erzählt wird, stellt zwangsläufig eine gewisse Nähe her. Mundart, das spricht die Lesenden anders an, urtümlicher, direkter. Es hat etwas Heimeliges, Brunner in seinem Alltag zu begleiten. Das ist natürlich auch Geschmackssache, und doch: Alpefisch käme definitiv etwas abhanden, wenn diese Geschichte auf Deutsch erzählt würde. Wenn Katrin als «E Stei mit Huut» beschrieben wird oder «Bis Noochbers äne d Sunne hinder s Tach» gheit, dann hockt da eine urwüchsige Poesie in diesen Sätzen. Es ist diese Sprache, welche die doch eher schlicht gehaltene Geschichte ummantelt und ihr so einen Schimmer verleiht, wie er vielleicht auf den Schuppen eines Alpenfisches zu finden wäre. Alpefisch erweitert den Sprachhorizont seiner LeserInnen und ist nur schon deshalb ein grosses Lesevergnügen.