Unter offenem Himmel
Roman

Behutsam und berührend, dicht und schwebend: eine Familiengeschichte über fünf Generationen, erzählt in leuchtenden Details und mit dem offenen Blick für das große Geheimnis des Lebens.

(Buchpräsentation Jung und Jung)

Weite des Herzens

di Jens-Peter Kusch
Inserito il 14.04.2020

Katharina Geisers neuer Roman Unter offenem Himmel erzählt die Geschichte einer Schweizer Arbeiterfamilie anhand von fünf Frauen über fünf Generationen, von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, in einem fliegenden Wechsel zwischen Elise und Klara, der Ältesten und der Jüngsten, mit einer unglaublichen Dichte und Wucht dramatischer Wendungen, virtuos in der Präzision der Beschreibungen, im Klang und Rhythmus der Sprache und im aufgeschobenen, fragmentierten Erzählen. Schon in den ersten Sätzen klingt dies alles wunderbar lebendig an:

Mit den kleinen Dingen fing es an, die nach und nach vor Klaras Augen verschwanden.
Es fing mit der Schwalbe an. Lautlos stürzte sie auf die Landstraße, an einem Tag, an dem der Wind blendend weiße Wolken über den Himmel fegte und in den Birken und Weiden wühlte, sich kräftig aufs Reet legte und mit rauer Zunge über die Wassergräben leckte. Er stäubte die Erde auf, die ausgetrocknete, sandige Erde abgemähter Kornfelder, und er saß Klara mal im Rücken, mal ungehörig an der Brust, während sie zum Fluss radelte.

Klara ist Buchhändlerin und lebt in Basel. Sie hat sich in Nordfriesland, der Heimat von Paul, einem ehemaligen Liebhaber, ein Häuschen mit Garten gemietet, um zu klären, warum er noch in ihrem Herzen ist. Ihre Familie stammt aus Bern. Ihr friedfertiger Vater ist Schlachter, ihre Mutter hat einen Kaufladen und bekommt häufig Wutanfälle. Klara beschliesst deshalb schon früh, nicht zu heiraten.

Elise geht gern barfuss, Klara auch, Anni nicht. Elise hat ein grosses Herz, ist robust und wehrhaft. Ihre Mutter stirbt mit 39 Jahren. Als ältestes Kind übernimmt Elise die Verantwortung für den Haushalt und ihre sechs Geschwister. Mit siebzehn wird sie von einem halbseidenen Doktor geschwängert. Als ihr Vater, ein sanftmütiger Schachtelmeister, wieder heiratet, wird Elise von der bösen Stiefmutter drangsaliert und flieht nach Zürich, wo sie sich prostituiert. Anni, ihr uneheliches Kind, lässt sie zurück. Mit Beni, einem Handlanger auf Baustellen und ehemaligen Freier guten Herzens, kehrt sie zurück nach Bern und wird Näherin. Sie bekommt ein zweites Kind, und das Glück ist da. Doch es lässt sich niemals pachten, sagte schon Elises Vater am Totenbett seiner Frau.

Den Umschlag des Buches ziert eine Eichelhäherfeder. Solche Federn hat Elise neben anderen für sie kostbaren Dingen in der Hochzeitsschachtel des Vaters gesammelt. Mit ihnen schmückt Beni den Sarg ihres Röselis aus. Es ist eines der zahllosen Opfer einer Grippe-Pandemie, die Verschwörungstheorien, die angesichts des Schreckens herumgeistern, von erschreckender Aktualität:

Die zarte Nachbarin weiß zu berichten, dass die Seuche von den Russen eingeschleppt worden ist. Auf den Baustellen wird die Verbreitung der Krankheit den Italienern zugeschoben. Beim Einkaufen hört Elise, die Chinesen hätten die Pest, eingewickelt in Seidentuchballen, nach Europa geschickt. Und wieder andere Einheimische sind sich sicher, dass die Übeltäter die Amerikaner sind; obwohl man nicht genau wisse, wie sie vorgehen würden, unterwanderten sie damit die europäische Wirtschaft.

Beni selbst hat sein Kind angesteckt, verkraftet den Schlag nicht und verfällt dem Alkohol. Die Ehe zerbricht. Denn auch das zweite Kind, wieder ein Röseli, stirbt auf schreckliche Weise. Es wird nicht ganz klar, ob es beim Spielen auf eisglatter Strasse gestürzt und mit dem Kopf unglücklich auf einen Stein aufgeschlagen ist oder ob Anni es mit einem Steinwurf getötet hat, wie die Mutter der beiden Halbschwestern fürchtet. Elise kann diesen Gedanken nicht weiterverfolgen, was die Sache nur noch schlimmer macht.

Klaras Leben verläuft deutlich ruhiger. Aber als sie mit Roman, einem verheirateten Zahnarzt, an einem Waldrand eines ihrer heimlichen Stelldichein hat, fällt ein Schuss. Und als sie mit Paul in einem frischbezogenen Bett auf einem stillgelegten Gleis im Wald schläft und schwanger wird, lassen sie das Kind abtreiben. Was Klara und Paul wohl gesagt, gedacht, gefühlt haben könnten, wird nur leise angedeutet. Irgendetwas, irgendein besonderer Zauber vielleicht, schien zu fehlen.

Elise nimmt ein Büchlein von Gotthelf mit nach Zürich, das ihre Mutter unter Tränen las. Elise ist so nicht nur über die kleine, aber feine Variation des Namens als eine Nachfahrin von Elsi, der seltsamen Magd, lesbar: auch sie von Armut bedroht, stark und stolz. Klara wird indirekt, über die Farbe und den Deckel eines Lippenstifts und ein Zitat, mit zwei anderen literarischen Frauenfiguren verglichen:

Es war kurz nach der Lehrabschlussprüfung, als der Deckel eines Lippenstiftes verschwand, dessen Rot eher zu Wedekinds Lulu als zu Büchners Lena gepasst hätte. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, so stand es auf dem Badezimmerspiegel. Und der Deckel war weg.

Zwar wird auch Klara von Männern begehrt, erschiesst aber keinen. Prinzessin Lena wiederum ist, wie Klara, ihrem Wesen nach eher leise und zurückhaltend, flieht vor der Hochzeit mit dem ihr unbekannten Prinzen und heiratet am Ende doch. Klara aber findet den Deckel nicht und setzt hinter Leonces Satz ein Ausrufezeichen. Die intertextuellen Bezüge sind nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen spielerisch, humorvoll und in aller Freiheit gesetzt. Die beiden Frauen bleiben so in hohem Mass individuell gestaltet und werden doch auch durch die Vergleiche mit anderen grossen Frauenfiguren der Literatur bereichert und geschärft.

Die Schilderungen der drei anderen Frauen, Töchter und Mütter, die sie über die Zeiten verbinden und begleiten, sind geraffter. Anni wird später Coiffeuse. Sie ist eine hochmütige, böse Figur, die gerne quält und schlägt, ihre Tochter Trudchen das Gegenteil: eine selbstlose Hebamme und Altenpflegerin, die mit ihrer Enkeltochter Klara sehr liebevoll umgeht. Während die Liebhaber von Elise und Klara eher keine guten Figuren abgeben, sind die Väter voller Wärme und Menschlichkeit gezeichnet. Elise heiratet wieder. Am Ende des Romans sitzt Klara auf einem Steg an dem Fluss in Nordfriesland, zu dem sie am Anfang geradelt ist. Die Geschichte ihrer Familie ist zu Ende erzählt. Wie es mit ihr weitergeht, bleibt offen.

Das Netz der Zeitangaben ist dicht geknotet, doch erst spät gibt es absolute Jahreszahlen: 1905, 1931. Viele Ereignisse, wie zum Beispiel die Grippe-Pandemie, ein verheerendes Hochwasser der Aare, ein Arbeiteraufstand in Bern, die erste Mondlandung oder der Sandoz-Chemieunfall, sind historisch verbürgt. Auch Armut, hohe Kindersterblichkeit, Liebe, Heimlich- und Verdingkinder, Migration, Kriege und Krankheiten sind real, ebenso viele Orte und berühmte Persönlichkeiten, typische Alltagsgegenstände, Moden, Speisen, Kunstwerke, Filme und Songs, die das Leben der Figuren begleiten. Die Romanhandlung ist so auch ein Echoraum der Sozial-, Medizin- und Kulturgeschichte der Schweiz und weit darüber hinaus. In ihm hat auch Lore Berger einen besonderen Platz:

Klara mochte jene vergessene Autorin nicht erwähnen, auf deren einzigen Roman sie in einem Bücherantiquariat gestoßen war und die sich, noch vor seiner Veröffentlichung, an einem Sommertag von hier oben, wo Paul und sie gerade standen, in die Tiefe gestürzt hatte. Sie war hoffentlich schneller in den Himmel geflogen, als ihr Körper hatte aufklatschen können, mit zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Jahren.
Zum Heulen schön nahm die Gegend sich aus.

Katharina Geiser versteht es nicht nur an dieser Stelle, sondern überhaupt in besonderer Weise, mit wenigen Worten eine grosse Nähe zu ihren Figuren oder zu Menschen und ihrer Geschichte herzustellen. Zugleich sorgt sie aber auch immer wieder für eine heilsame Distanz. Dazu braucht sie manchmal nur ein Wort oder einen Satz. Die Färbungen können dabei ganz unterschiedlich sein, mal drastisch, mal lakonisch, mal warmherzig und humorvoll. Das führt beim Leser zu einem zwischen Betroffenheit und Befreiung schwebenden Empfinden. Als Elises Mutter «im Wochenbett der jüngsten Schwester» gestorben ist und aufgebahrt in der Stube liegt, versteht die kleine Emmi die Situation nicht und hakt nach: «Wie es denn der Mutter gehe, wenn sie mausbeinallein begraben würde?» Ein lustiges Kinderwort wirkt befreiend, ohne dass die Trauer um die Tote und das Unverständnis über den Sinn ihres Todes dadurch aufgehoben würden. Katharina Geisers Roman Unter offenem Himmel ergreift und weitet so das Herz, ohne den Himmel mit alten oder neuen Göttern zu besetzen. Deshalb ist der Titel nicht nur ein Zitat aus dem Text, sondern auch Programm.