Andersland
Roman

Matilda, Tochter einer Mexikanerin und eines Schweizers, wächst bei ihrem allein­erziehenden Vater in einem Schweizer Dorf auf. Ihr Onkel Tobias und dessen Partner Michael sind ein geliebter Teil ihrer kleinen Welt, die nach dem Tod ihres Vaters zerbricht. Sie würden sich gerne um Matilda kümmern, das Jugendamt verweigert ihnen jedoch das Sorgerecht. Zwei Männer, die gemeinsam ein Kind aufziehen? Undenkbar! Matilda wird von der ihr fremden Mutter, Lucía, nach Mexiko geholt.
Tobias verzweifelt beinahe am Tod seines Bruders und dem Abschied von Matilda. Doch er findet Wege, seine Wut in politisches Engagement zu verwandeln und auch über die Distanz die Erinnerung an seine Nichte wachzuhalten.
In Mexiko erwartet Matilda ein ganz neues Leben in liebe­voller Umgebung, in der aber kein Platz für ihre Vergangenheit ist. Matilda erfindet sich immer wieder neu, übersteht Verluste und Umbrüche. Nach der Geburt ihres Sohnes kann sie sich nicht länger vor ihrer Vergangenheit verschließen und bricht auf, um Antworten auf die vielen offenen Fragen in ihrem Leben zu finden.

(Buchpräsentation Edition Bücherlese)

Wurzeln in zwei Welten

di Livia Schwartz
Inserito il 03.08.2020

Mit ihrem zweiten Roman spannt Regula Portillo, wie schon in ihrem Erstling Schwirrflug (2017), den zeitlichen Bogen zwischen den achtziger Jahren und der Gegenwart und begibt sich wiederum auf die Suche nach Familiengeheimnissen. Sie erzählt von Verlust und Entwurzelung, davon, welche Wirkung Verdrängung und Tabus im Leben haben können. Gekonnt verknüpft sie die Geschichte mit dem Thema der sozialen Gerechtigkeit, für die sie sich auch in ihren Kolumnen im Tages-Anzeiger einsetzt.

Matilda, Tochter einer Mexikanerin und eines Schweizers, ist zu Beginn der Geschichte sechs Jahre alt und wächst mit ihrem Vater Pascal in einem Schweizer Dorf auf, ohne ihre Mutter, die in Mexiko geblieben ist und keinerlei Kontakt zur Tochter unterhält. In der symbiotischen Beziehung zwischen Vater und Tochter scheint sie auch nicht zu fehlen. Während Pascal arbeitet, ist Matilda bei einer Tagesmutter. Ihre zweitwichtigsten Bezugspersonen sind ihr Onkel Tobias und dessen Partner Michael, die sich gern und liebevoll um Matilda kümmern. Fern aller damaligen Konventionen erlebt Matilda somit sehr fortschrittliche Erziehungs- und Partnerschaftsmodelle.

Ihre Mutter, Lucia, ihrerseits mit traditionell-katholischen Ansichten über Ehe und Familie aufgewachsen, war mit der Schwangerschaft und Geburt eines Kindes überfordert und hatte sich von Pascal und ihrer drei Tage alten Tochter distanziert, in der Hoffnung, dass Pascal in der Schweiz eine neue Familie gründen würde. Pascal wird jedoch durch einen Herzinfarkt aus dem Leben gerissen und infolgedessen gerät nicht nur Matildas Welt aus den Fugen. Ihr Onkel, dem der Verlust seines Bruders sehr nahe geht, ist sofort bereit, das Mädchen zu sich zu nehmen, doch wird ihm eine Adoption als undenkbar verwehrt. «Ein siebenjähriges Mädchen könne unmöglich bei einem schwulen Paar aufwachsen». Gleichzeitig beschliesst Lucia, nachdem sie von Pascals Tod erfahren hat, Matilda zu sich nach Mexiko zu holen. Inzwischen verheiratet und Mutter eines zweijährigen Sohnes, gelingt es ihr dank der Unterstützung ihres Mannes, Matilda als vollwertiges Mitglied in die Familie aufzunehmen und dadurch ihren eigenen Gewissenskonflikt ein Stück weit zu mildern. Ein zweites Mal erlebt Matilda ein liebesvolles familiäres Umfeld, entfremdet sich zugleich aber immer mehr von ihrer früheren Identität und verlernt ihre Sprache.

Für Tobias ist das katastrophal, da Lucia bewusst jede Verbindung zu Matildas ehemaligem Leben in der Schweiz kappt und sogar so weit geht, den Nachnamen ihrer Tochter zu ändern, um die neue Verwurzelung nicht zu stören. Nachdem die Trennung von seiner Nichte Tobias zuerst in tiefe Depressionen stürzt, gewinnt er wieder Kraft und Lebensmut durch sein Engagement in der Schwulen- und Lesbenbewegung, wo er sich für die Gleichstellung homosexueller Paare einsetzt. Trotzdem kann er Matilda nicht vergessen und versucht zu ihr Kontakt aufzunehmen, ein Versuch, den Lucia «Matilda zuliebe» unterbindet.

Matilda wird erwachsen und selbst Mutter, kämpft aber immer noch mit Verlust- und Beziehungsängsten, bis sie sich entschliesst, die Spurensuche nach ihren ursprünglichen Wurzeln wieder aufzunehmen, wobei Javier, der Vater ihres Sohnes, ihr ermutigend zur Seite steht. Er hilft ihr beim Übersetzen aus dem Deutschen und ermöglicht so ein erstes, vorsichtiges Ertasten ihrer Vergangenheit.

Anhand von Pascal, Tobias und dessen Partner Michael, aber auch Matildas mexikanischem Stiefvater Fabio und Javier zeichnet die Autorin ein sensibles Männerbild. Eindringlich präsentiert sie das Thema der Gleichbehandlung homosexueller Menschen und unterstreicht, dass jede Familienform einem Kind Geborgenheit geben kann. Die Geschichte ist berührend und weckt Verständnis für die verschiedenen Charaktere. Wird es Matilda schlussendlich gelingen, ihr Trauma zu überwinden und sich in ihren beiden Welten zu Hause zu fühlen?

Die Erzählperspektive blickt von aussen auf das Geschehen und auch der Stil hält die Leserinnen und Leser auf Distanz. Ist das so gewollt? Der Erzählfluss leidet unter unnötigen psychologischen Erklärungen und verhindert damit das vollständige Eintauchen in die Geschichte. Die Dialoge vermögen nicht immer zu überzeugen – auch sprachlich schöne Formulierungen, wie z. B. die lustigen oder interessanten Aussagen seiner kleinen Tochter, die Pascal als «Erinnerungsfetzen» notiert, wirken irritierend, da sie nicht der Wort- und Satzwahl eines sechsjährigen Kindes entsprechen.

Nichtsdestotrotz gelingt es Regula Portillo, ihre Leserinnen und Leser auf die Reise zwischen den verschiedenen Welten Matildas mitzunehmen und ein eindrückliches Familienporträt zu zeichnen. Sie wirft Fragen auf, die an Aktualität nicht verloren haben. Wie wichtig ist die Bewahrung von Erinnerung, wie zentral sind unsere Wurzeln, was löst der Verlust von vertrauter Umgebung in uns aus, wie steht es dabei um unser Verständnis für Menschen mit Migrationshintergrund, wie fortschrittlich sind wir in Punkto Gleichberechtigung und Akzeptanz von unkonventionellen Lebensentwürfen?

Der Roman stösst die Auseinandersetzung mit diesen ungelösten Fragen und auch mit den Brüchen in der eigenen Biografie an – schon dafür lohnt sich die Lektüre.