Der Sommer im Garten meiner Mutter
Roman

Der erste Roman der Schauspielerin Ariela Sarbacher erzählt in einer kräftigen, klaren und poetischen Prosa eine Familiengeschichte, die sich fast über ein ganzes Jahrhundert erstreckt.
Leidenschaftliche, mediterran angehauchte Italianità im Wechselspiel mit nüchtern schweizerischem Erzählton.
Es ist ein vier Wochen langer kurzer Sommer, in dem Mutter und Tochter sich voneinander verabschieden. Konfrontiert mit der Diagnose einer unheilbaren Krankheit und dem Entscheid der Mutter, selbstbestimmt in den Tod zu gehen, begibt sich die Tochter
Francesca auf Spurensuche.
Von Chiavari, einem Städtchen an der ligurischen Küste, wo die Mutter in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts geboren wurde, führt die Erinnerung nach Zürich, in ein Vorstadtquartier, wo die Tochter Francesca ihre Jugend in den Sechzigerjahren erlebt hat. Der Sommer im Garten meiner Mutter handelt vom Vergehen. Schön wie ein Sonnenuntergang am Ligurischen Meer erzählt, lesen wir einen Roman, der das Leben der Mutter und all jener Menschen, die davon berührt wurden, auf stimmige Art erinnert; der aber auch die Geschichte einer Tochter erzählt, die erst nach oft schmerzhaften Reisen in die Gärten der Erinnerung eines gemeinsamen Lebens loslassen kann.

(Buchpräsentation Bilgerverlag)

Liebeserklärung und Abschiedsgesang

di Livia Schwartz
Inserito il 17.08.2020

Dieses Buch ist Erinnern und Traum zugleich. Die erwachsene Francesca nimmt Abschied, von einem Leben mit ihrer Mutter, von langen Sommern an der ligurischen Küste in Chiavari, von ihrer Rolle als Tochter. Die Protagonistin sucht nach Antworten auf Fragen, die sie eine Kindheit lang bewegt haben und die sie letztendlich nur in sich selbst findet, ein schmerzhafter Prozess, der sie allein zurücklässt.

Wo bleibt mein Raum? Wer bin ich ohne meine Mutter?
Auf einer Party höre ich jemanden sagen: «Richtig erwachsen wird man erst, wenn die eigenen Eltern nicht mehr leben.»

Ariela Sarbacher zeichnet das Bild einer gebildeten, selbstbestimmten Frau zunächst aus der Sicht des Kindes, eines oft wütenden Kindes, das sich an der Stärke seiner Mamma reibt, diese zugleich aber auch bewundert. Mit Tobsuchtsanfällen versucht Francesca als Kind zu den Gefühlen ihrer Mutter vorzudringen, die diese unter Verschluss hält. «Ein Fels in der Brandung, an dem ich regelmässig zerschellte.» Als erwachsene Tochter, die ihrer Mutter mit widersprüchlichen Gefühlen begegnet, berichtet die Protagonistin von Stationen ihrer eigenen Kindheit, lässt zwischendurch Traumbilder, die mit der Aufarbeitung des Abschiedes von der Mutter zu tun haben aufblitzen und blendet Sequenzen aus dem Leben der Mutter ein. All das wird geschickt miteinander verwoben und zieht Leserinnen und Leser vor allem auf emotionaler Ebene in den Bann. So entsteht ein farbenreiches Mosaik voller Stimmungen, Gedanken und Gefühle.

Der Schmerz ist eine nicht enden wollende Nacht, die an den Tag erinnert, der einmal war. Erinnerungen unterbrechen diese Nacht, sie tauchen als Tagträume auf.

Immer wieder sieht sich die Erzählerin nach Chiavari versetzt, der Heimat ihrer Mutter, in die sie eintaucht und damit an den Sehnsuchtsort ihrer eigenen Kindheit zurückkehrt. Es sind poetische Bilder, in denen Francesca von Chiavari erzählt.

Zärtlich lockt die Morgendämmerung Chiavaris Häuser ans Licht.
[…]
Ligurische Häuser stechen nicht ins Auge, sie glimmen pastellfarben in der Sonne, im Schatten gehen sie aus. Wie ein Herbstwald in der Schweiz.

Hier ist ihre Mutter in den dreissiger Jahren aufgewachsen und auch Francesca fühlt sich durch unzählige Kindheitserinnerungen mit diesem Ort verbunden.

Ihre Mutter hat ihre zwei besten Jahre allerdings in Berkeley verbracht, wohin sie gleich nach ihrer Hochzeit mit ihrem Schweizer Ehemann gezogen ist, bevor sie mit Mann und Kind in Schwamendingen landet – «einem tristen Vorort von Zürich». Von den Freundschaften und Erlebnissen ihrer Amerikazeit zehrt sie ein Leben lang. Bildung, Eleganz, ein sicheres Urteilsvermögen und eine stolze Haltung zeichnen das Wesen der Mutter aus. Als Teenager verbrachte sie drei Jahre im Krankenbett und las in dieser Zeit fünf Bücher pro Woche. Sie wurde sich ihrer Intelligenz bewusst, hat aber in dieser Zeit auch die Willenskraft und Entschlossenheit entwickelt, die sie am Ende ihres Lebens zu der Entscheidung, selbstbestimmt in den Tod gehen zu wollen, bewogen hat. So beschliesst die Mutter nach einer Krebsdiagnose, vor dem Beginn des Leidensprozesses Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Nicht lebensmüde, sondern «lebenssatt» möchte sie Ihre letzte Reise antreten. Sie stellt Francesca vor die vollendete Tatsache ihrer Entscheidung. Lieber in Würde sterben, als sich noch einmal der Angst vor dem Ausgeliefertsein aussetzen müssen. Eine Entscheidung, mit der die Protagonistin zu kämpfen hat, die aus Sicht der Mutter aber konsequent ist.

Es sind nicht nur die Schmerzen, Francesca, ich will die Kontrolle über meinen Körper nicht verlieren. Versuche bitte, mich zu verstehen – ich will mich nicht aufgeben!

Hingeben, Mamma! Hingeben! Warum verlange ich an ihrem Lebensende etwas von ihr, das sie ein Leben lang verweigert hat?

Obwohl Francesca hadert und bis zum Schluss streitet, sind es geschenkte Stunden, die sie nun mit ihrer Mutter im grausamen Wissen um das Ende verbringt. So ist dieses Buch vor allem ein Abschiedsprozess, ein Innehalten vor dem endgültigen Loslassen.

Die Lücke, die meine Mutter hinterlässt, ist nicht zu übersehen. Die Stelle muss leer bleiben, damit etwas Neues passieren kann. Beim nahtlosen Aufrücken mache ich nicht mit.

In diesem Ringen werden auch die Leserinnen und Leser mit dem Entschluss der Mutter konfrontiert. Ein Leben, nicht ausgehaucht oder abrupt beendet, sondern eines mit einem Schlusspunkt. Das war’s. «I’m happy to go». Darf man das, in Liebe und Dankbarkeit würdevoll von der Bühne des Lebens abtreten, oder ist es Selbstmord?
Diese Frage stellt sich auch Francesca, verknüpft mit dem Gedanken, wie es gewesen wäre, nicht in der Schweiz zu leben, wo ein selbstgewählter Tod legal ist.
Die Autorin zeichnet ein faszinierendes Porträt einer starken Frau und beschreibt in berührender Weise eine komplexe Mutter-Tochter-Beziehung. Sie fächert eine Collage von Erinnerungen auf, die so sinnlich erzählt werden, dass wir uns selbst in diesen Garten der Mutter versetzt sehen und «umgeben von Lavendel, Rosmarin, Thymian und Basilikum» in die Geschichten und Bilder eines Lebens eintauchen.