Hunkeler in der Wildnis
Der zehnte Fall

Ein friedlicher, sonniger Sonntagmorgen im Kannenfeldpark in Basel. Plötzlich schreckt ein Schrei Peter Hunkeler bei seinem ersten Kaffee auf: Eine Spaziergängerin hat hinter den Büschen einen Toten entdeckt. Auch wenn er inzwischen in Rente ist, ein Polizist bleibt ein Polizist, zumindest für seine Mitmenschen. Wohl oder übel muss Hunkeler nachsehen. Und merkt, dass er den Toten kennt: einen bekannten Journalisten und Kunstkritiker.

Der bekannte Kritiker und Feuilletonist Heinrich Schmidinger wird im Kannenfeldpark tot aufgefunden, zwischen verstreuten Boule-Kugeln, mit eingeschlagenem Schädel. Peter Hunkeler, pensionierter Kommissär des Kriminalkommissariats Basel, hat das Pech, in der Nähe zu sein. Dabei will er nichts mit dem Fall zu tun haben. Ihn zieht es fort von Mord und Totschlag, in die weite Landschaft des Elsass. Und doch kann er es am Ende nicht lassen, seine eigenen Nachforschungen anzustellen. Er spricht mit Künstlern und Lebenskünstlern, die Schmidinger gekannt haben, eine seltsame menschliche Fauna am Rande der Gesellschaft. Und erfährt: Ob in den elsässischen Wäldern oder mitten in der Stadt Basel, überall lauert die Wildnis.

(Buchpräsentation Diogenes Verlag)

«Nichts da, ich bin nicht mehr bei der Polizei»

di Daniel Rothenbühler
Inserito il 14.09.2020

«Schlagt ihn tot, den Hund! Es ist ein Rezensent», schrieb der junge Goethe zum Schluss des Zwölfzeilers «Rezensent», den er 1774 veröffentlichte. Das Gedichtchen gehört gewiss nicht zu seinen besseren Texten, aber es spricht seit bald 250 Jahren manchen Autorinnen und Autoren aus dem Herzen. Für einen Autor wie Hansjörg Schneider, der mit seinen Theaterstücken, Romanen und Krimis bei der Theater- und Literaturkritik hin und wieder auf Unverständnis und – was oft schlimmer ist – auf gleichgültige Oberflächlichkeit gestossen ist, muss es ein gewisses Vergnügen sein, in einem seiner Krimis einen Rezensenten zum Mordopfer zu machen.

Zerrupfen als innere Notwendigkeit

Totgeschlagen, mit einer Boulekugel, wird in seinem zehnten Hunkelerkrimi ein Basler Literatur- und Theaterkritiker namens Heinrich Schmidinger. Vorname und Name deuten darauf hin, dass Schneider sich bei diesem Mordfall wohl tatsächlich vom Schlussvers des Goethegedichts hat inspirieren lassen, galt der Hass des jungen Goethe auf Rezensenten doch vor allem einem gewissen Christian Heinrich Schmid, Professor der Dichtkunst und Beredsamkeit in Giessen, den er schon 1772 in einem Brief als «wahren Esel» und «Scheisskerl» betitelt hatte.

Den Bezug des neuen Mordfalls Hunkelers auf Goethe unterstreicht der Verlag dadurch, dass uns auf dem Umschlag des Buches ein Füchslein entgegenschaut. In der Gedichtfabel «Dilettant und Kritiker», die in der Werkausgabe Goethes letzter Hand gleich auf «Rezensent» folgt, wird der Literaturkritiker durch einen alten Fuchs verkörpert, der das zarte Täubchen eines Knaben zerrupft. Und Zerrupfen war dem Mordopfer Schmidinger eine «innere Notwendigkeit», wie Hunkeler von einer der Frauen erfährt, die den Kritiker heimlich liebten, obwohl sie unter seiner Aggressivität zu leiden hatten: «Es war eine Perversion», führt sie aus. «Er hat das Gegenteil von dem getan, was er eigentlich hätte tun wollen. Eigentlich hätte er gerne applaudiert, aber das konnte er nicht. Bei Männern, deren Beruf das Kritisieren ist, gibt es das oft.»

Dass nun aber gerade derjenige Autor der Mörder sein sollte, dessen Bücher Schmidinger am meisten unter Beschuss nahm, auf diese einfache Lösung kommt einmal mehr nur Madörin, der ewige Rivale Hunkelers und Spezialist für detektivische Schnellschüsse. Auch das übrige vertraute Personal der Hunkelerkrimis ist für diesen zehnten Fall versammelt: Hedwig, Hunkelers Streit-, Liebes- und Lebenspartnerin, Wachtmeister Lüdi, sein heimlicher Verbündeter, Staatsanwalt Studer, sein Zensor und verstohlener Auftraggeber.

Die Gespaltenheit Hunkelers

«Der zehnte Fall» lautet der Untertitel des Romans, damit wird dieser als Teil einer Serie angekündigt, und zur Serie gehört die Wiedersehensfreude mit Figuren, Orten, Gewohnheiten, die schon in den bisherigen Fällen wichtig wurden. Aber auch Neues muss natürlich geboten werden. Und Neues ergibt sich nun mit dem Rentnerleben und -denken Hunkelers. Als er aus einem seiner sich häufenden Spontannickerchen beim Sonntagmorgenkaffee vor dem Kannenfeldpark geweckt wird, weil nach der Polizei gerufen wird, winkt er gleich ab: «Nichts da, ich bin nicht mehr bei der Polizei» – und begibt sich dann doch gleich als Erster zum Toten, der auf dem Kiesweg liegt, wo er jeweils Boule mit ihm gespielt hat.

Diese Gespaltenheit Hunkelers, der sein Rentnerdasein geniessen will und sich zugleich zur Aufklärung des Mordfalls getrieben sieht, macht diesen Krimi auf besondere Weise spannend: Er zeigt eine Detektivfigur, die nicht aktiv nach Indizien sucht und mögliche Schlussfolgerungen äussert und doch immer wieder auf Dinge stösst, die uns, den Lesenden, Anlass geben, die Spurensuche selbst aufzunehmen, so dass wir nicht nur die möglichen Verdächtigen belauern, sondern vor allem den Ermittler, der so tut, als ob er das Fahnden aufgegeben hätte.

Drei Dinge hält Hunkeler immerhin fest, als er vor dem Ermordeten steht: ein Büschel Gras in dessen Mund, das Fehlen seiner drittem Boulekugel und das Eiserne Kreuz an seiner Brust. Was davon sich als Indiz bewähren wird, bleibt ebenso offen, wie die Frage, wer im sich ausdehnenden Kreis der Verdächtigen als Täter in Frage kommt. Wie in den bisherigen Hunkelerkrimis werden mit den möglichen, von Hunkeler kaum angesprochenen Verdächtigungen, ganz verschiedene Milieus und Themen berührt, und immer geht es dabei um Streit: Streit in Literatur und Theater, Streit beim Boulespiel, Streit in Liebesrivalitäten, Streit um Kriegsvergangenheiten.

Wildnis in Natur und Gesellschaft

Doch Hunkelers Hauptaufmerksamkeit gilt eigentlich etwas ganz anderem: der Tier- und Pflanzenwelt im Elsass und in Basel. Noch deutlicher als bisher erweist er sich in diesem Roman als Solastalgiker, wie Glenn Albrecht ihn definiert hat: In der Begegnung mit der Natur empfindet er Schmerz und Trost zugleich, beides wechselseitig verstärkt in der Erfahrung von Verlust und Wiederfinden. Das zeigt sich etwa an Fritz, dem alten, unnützen und deshalb todgeweihten Gockel, an den Leuchtkäfern, die sich nicht mehr sehen lassen oder an den Vögeln, deren Gesang für Hunkeler «der wahre Luxus» ist. Zusammen mit den Bäumen, Pflanzen und Blumen sind die Tiere für ihn, ob im Elsass oder in Basel, Wildnis und Zuflucht zugleich – doch eine heile Welt bieten sie nicht.

Friedfertigkeit und Gewalt liegen in Hunkelers Welt überall eng beieinander, das zeigt sich sowohl in der Natur wie in der scheinbar geordneten Welt Europas, im Verhalten der Mitmenschen Hunkelers und vor allem auch in ihm selbst: Hunkeler ist in der Wildnis und die Wildnis ist in Hunkeler, ob er nun im Wald übernachtet oder nachts in der Stadt im Wutanfall über Nachtruhestörer Kartoffeln ins Haus gegenüber schmeisst. Schmidinger und dessen Tod stehen dafür, dass die Wildnis nicht einfach unter dem Firnis der Kultur verborgen liegt, sondern mitten in dieser steckt.

Zu einer Schlüsselfigur des Romans wird ein verwilderter Hund, der Hunkeler im Elsass zuläuft. Er nimmt ihn auf und versucht ihn wieder zu domestizieren, so wie es einst aufgeklärte Philanthropen mit dem 1828 aus dem Nichts aufgetauchten Kaspar Hauser machten. Nach diesem nennt Hunkeler den Hund Kaspar, und Hedwig spottet: « Hunkeler zähmt die Tiere der Wildnis. Dabei ist er selbst ein wildes Tier.» Immerhin beginnt er gerade angesichts der Leiche Kaspars, der von einer Bache zum Schutz ihrer Frischlinge zerrissen wurde, zu ahnen, wie der Kritiker zu Tode gekommen sein könnte.

Nicht etwa, dass weibliche Figuren in diesem Roman besonders gewalttätig wären. Die Frauen sind im Gegenteil eher Gewaltopfer, zwei kommen gar zu Tode. Und weil sie sich deshalb am wenigsten Illusionen über die Gewaltsamkeit der Wildnis in Natur und Gesellschaft machen, tragen sie wesentlich zur Aufklärung des Falles bei.