Ameisen unterm Brennglas
Roman

Eine Serie von Gewaltakten erschüttert die Schweiz: Ein unbekanntes Paar steckt ein Haus in Brand, schießt auf eine Raststätte, nimmt eine Geisel. Die Medien schreiben den Taten sogleich verschiedenste terroristische Hintergründe zu. Auch die Bevölkerung versucht, sich einen Reim auf die Vorkommnisse zu machen, unter ihnen: Toni Manfredi, der in seiner Wohnung im achtzehnten Stock eines Hochhauses beim Fernsehen obsessiv Krippenfiguren schnitzt. Martin Boll, der immer mehr den Zugang zu seiner konsum- und smartphoneabhängigen Familie verliert. Regina, Mutter eines umherstreunenden Zehnjährigen, deren viele Ehrenämter sie zunehmend den Verstand kosten. Sie alle wünschen sich Halt und Stabilität, doch ihre Welt gerät immer mehr aus den Fugen. Darauf reagieren sie mit Resignation – oder mit lautstarker Entrüstung und Aggression.

(Buchpräsentation Arche)

Recensione

di Martina Keller
Inserito il 19.10.2020

In Jens Steiners neuem Roman Ameisen unterm Brennglas gibt es keine Hauptfiguren – oder ganz viele. Ähnlich wie in seinem zweiten, 2013 mit dem Schweizer Buchpreis gekrönten Roman Carambole erzählt Steiner vom Zusammenspiel einer Gesellschaft, ohne einzelne Figuren in den Fokus zu rücken. Doch während Carambole den Kosmos eines Dorfs beleuchtet, weitet Steiner seinen Blick im neusten Werk auf das ganze Land aus. So zeichnet er ein Panorama der Schweizer Gesellschaft, erzählt Episoden von Figuren, die verteilt im Schweizer Mittelland wohnen; in einer Villa über dem Genfersee, im 18. Stock eines Hochhauses in Bern Bethlehem oder im Einfamilienhaus im Thurgau.

Gleichzeitig ist der Blick des Erzählers so durchdringend, dass es bisweilen unangenehm wird, und löst somit auch jederzeit ein, was der Titel des Buchs verspricht: Der Erzähler nimmt die Figuren tatsächlich unter die Lupe – und zusätzlich zur «Lupe» schwingt im Wort «Brennglas» des Titels die Brisanz mit, die sich über den ganzen Roman erstreckt. Ein Brennglas bündelt einfallendes Licht, wodurch brennbares Material entzündet werden kann. Der Stoff dieses Textes erweist sich also von vorhinein als entzündbar – ein Bild, das zu Beginn des Romans mit der Nachricht über den Vorfall einer Brandstiftung in Romanshorn eine inhaltliche Entsprechung findet. Dieser Vorfall ist der Anfang einer Reihe verschiedener Verbrechen, welche sich in der ganzen Schweiz verteilt ereignen und auch als Verbindung zwischen den verschiedenen Figuren und Erzählsträngen fungiert, in dem alle Figuren irgendwie von den Vorfällen betroffen sind.

Die Geschichten der verschiedenen Figuren dieses Romans werden also durch den Titel und die erzählerische Anordnung in einem Brennpunkt positioniert, wo ein kleiner Funken ein grosses Feuer erzeugen könnte. Unter diesen Voraussetzungen sind die scheinbar unspektakulären und im höchsten Grad durchschnittlichen Leben der Figuren zu lesen.

Diese Figuren könnten unterschiedlicher nicht sein: Ein kleiner, vernachlässigter Junge, der sich in Fantasiewelten flüchtet, seine chaotische und überlastete Mutter, die sich mehr um alle ihre Ehrenämter als um ihren Sohn kümmert; ein Familienvater, der in einer Art Midlifecrisis steckt, ein älterer Secondo, der Holzfiguren schnitzt und sich über die Nachbarn ärgert; ein seniler, eitler Mann, der in seiner Villa über dem Genfersee mit dem Altwerden kämpft sowie ein an Bonnie und Clyde erinnerndes Verbrecherpaar. Trotz der Unterschiede verbindet die Figuren eine abgrundtiefe Einsamkeit, eine Getriebenheit und eine Überforderung mit der Welt. Alle drehen sich in einer Art Hamsterrad – oder laufen in einer Ameisenstrasse, um das Bild des Titels zu bemühen –, wobei jede auf ihre Weise scheitert.

Der Blick des Erzählers springt von Figur zu Figur, hin und her, und ist auf seltsame Weise gleichzeitig oberflächlich und intensiv. Er zwingt die Leserinnen und Leser zu einer beinahe voyeuristischen Position; es fällt einem schwer, sich mit den Figuren zu identifizieren. Die im Roman mehrfach erwähnte mediale Begleitung der Verbrecherreihe verstärkt beim Lesen den Eindruck, dass man sich stellenweise wie ein Boulevardjournalist fühlt, der den Schicksalen von Personen beiwohnt, die uns eigentlich nichts angehen.

Den Figuren fehlt es an Liebeswürdigkeit, auch an Humor, was die einzelnen Geschichten bisweilen recht beelendend wirken lässt. Der Zusammenhalt der Geschichten durch die Reihe der Verbrechen ist eher schwach, wodurch die verschiedenen Episoden etwas auseinanderfallen und der Roman den Spannungsbogen nicht immer über die ganze Stecke zu halten vermag.

Somit überzeugt Ameisen unterm Brennglas eher durch die interessante Anordnung als durch die literarische Umsetzung. Nichtsdestotrotz erstellt der Roman ein treffendes Psychogramm der Schweizer Gesellschaft – kaum verwunderlich, dass sich das nicht immer angenehm liest.