Leben ist ein unregelmäßiges Verb
Roman

Rolf Lapperts großer Roman über Freundschaft, Verlust und den Trost der Erinnerung.

Eine Aussteiger-Kommune auf dem Land, 1980: Die Behörden entdecken vier Kinder, die versteckt vor der Welt aufgewachsen sind. Ihre Schicksale werden auf Schlagzeilen reduziert, doch Frida, Ringo, Leander und Linus sind vor allem Menschen mit eigenen Geschichten. Aus der Isolation in die Wirklichkeit geworfen, blicken sie staunend um sich. Und leben die unterschiedlichsten Leben an zahllosen Orten: In Pflegefamilien und Internaten, auf Inseln und Bergen, als Hassende und Liebende. Wie finden sich Verlorene in der Welt zurecht? In seinem ganz eigenen zärtlich-lakonischen Ton erzählt Rolf Lappert in diesem großen Roman wie man sich von seiner Kindheit entfernt, ohne sie jemals hinter sich zu lassen.

(Buchpräsentation Hanser Literaturverlag)

Die Formenvielfalt des Lebens

di Daniel Rothenbühler
Inserito il 30.11.2020

«Romane, dieses Draufloserfinden. Dieser Einfallsreichtum und dessen Zurschaustellung. Dieser Fleiss beim Bündeln roter Fäden. Diese ganze elende Epik.» Der einst erfolgreiche Romanautor Willem van de Velde – eine der zahlreichen packenden Figuren in Rolf Lapperts jüngstem Roman – sieht nur Elend in seinem früheren Schreiben. Ob Lappert diese Sicht manchmal teilt, sei dahingestellt. Beim Lesen seiner Bücher jedenfalls ist nichts davon zu spüren. Mit seinem Draufloserfinden und unerschöpflichen Einfallsreichtum bringt er seit Jahren immer wieder Romane hervor, deren Umfang mindestens 300 Seiten umfasst. Nun übertrifft er mit Das Leben ist ein unregelmässiges Verb alles Bisherige und nähert sich der Tausendseitenmarke. Er zählt auf unsere Lesefreude und vermag sie in einer Art zu wecken und wachzuhalten, wie wir sie oft nur noch aus unserer Kindheit und Jugend kennen.

In die fremde Welt verstossen

Die vielen Geschichten, die der neue Roman erzählt, ziehen sich über ein halbes Jahrhundert hin. Vier Protagonisten stehen im Zentrum, alle im oder ums Jahr 1968 geboren, und ihre bewegten Lebensläufe lassen sich bis 2018 verfolgen. Das Wendejahr ihrer Geburt, vor allem aber dessen Folgejahrzehnt, prägt ihr ganzes Leben. Bis 1980, als sie zwölf sind, leben sie in einer Kommune, wie sie nach 68 in den westlichen Industrieländern aufsprossen. Ihre Eltern suchen in einer abseitigen Sumpflandschaft Norddeutschlands die Autarkie des vorindustriellen Landbaus einer Grossfamilie, in der die vier Kinder nicht mehr wissen sollen, wer ihre Eltern sind. Sie nennen sie die «Alten» und werden von diesen zur Arbeit auf dem Hof angehalten und nur in dem dafür notwendigen Wissen instruiert.

Mehr über die Welt draussen erfahren sie aus den Romanen grosser Klassiker, die Konrad, einer der «Alten», ihnen regelmässig vorliest: Charles Dickens, Jack London, Robert Louis Stevenson, Leo Tolstoi, Mark Twain, Jules Verne und andere prägen ihre Gedankenwelt, aber so, dass sie alles Vorgelesene für Fiktion halten, auch die Realien, die darin von der Welt jenseits des Flusses zeugen.

Das wird ihnen zum Verhängnis, als die Kommune gewaltsam aufgelöst wird, die Behörden sie von der Kinderarbeit «befreien», bei Verwandten oder Pflegeltern unterbringen und der allgemeinen Schulbildung zuführen. Die vier sehen sich in eine Welt verstossen, die für sie so fremd und unverständlich ist, wie einst für Parzival die Welt der Ritter und für Simplizissimus jene des 30-jährigen Kriegs. Lutz Beerbaum, ein gescheiterter Theatermacher, der in ihnen einen vielversprechenden Bühnen- und Buchstoff vermutet, sieht sie als «Kaspar Hausers im Scheinwerferlicht» der Massenmedien. Tatsächlich vervierfacht Lappert mit seinen Protagonisten die archetypische Figur des «tumben Tors», um in der Gegenwart einer ähnlichen Grundfrage nachzugehen, wie das Mittelalter mit Parzival, das 17. Jahrhundert mit Simplizissmus und das 19. Jahrhundert mit Kaspar Hauser: Was geschieht in einer Gesellschaft mit Menschen, die als Kinder nicht aufs Leben in ihr vorbereitet wurden?

Die Lebensgeschichten der vier sprechen nicht eben für grosse Fortschritte unserer Zeit gegenüber den früheren. Behörden, Erziehungseinrichtungen und -verantwortliche aller Art und vor allem die Massenmedien vermögen den vier Jugendlichen nicht gerecht zu werden. Literarisch spannend daran ist, dass sie uns eine Welt fremd escheinen und neu entdecken lassen, deren Funktionieren wir aufgrund unserer eigenen Sozialisation als selbstverständlich betrachten. Durch eine fein dosierte Ironie im Erzählen weckt der Roman ständig ein leichtes Befremden allem gegenüber: den Menschen, die gesellschaftliche Normalität zu vertreten meinen, wie jenen, die in der Kommune eine radikale Alternative praktizieren wollten, wie den vier Protagonisten, die sich darum bemühen, sich zwischen beiden zurechtzufinden.

Die Regelwidrigkeit des Lebens

Jedes der vier Kinder geht dieses Bemühen anders an: Linus, der eigenständige Verstandesmensch, versucht sich durch vorgetäuschten Selbstmord jeder Vereinnahmung zu entziehen, Frida, die redelustige Draufgängerin, wird über viele Anläufe hinweg Mutter und – zeitweilig – Ehefrau, Ringo, der selbstgewisse Kraftbursche, lebt ein bewegtes Auf und Ab und endet als Alkoholiker im Abseits und Leander, der in sich gekehrte Schwerenöter, kehrt immer wieder nur in sich selbst zurück. Schade bloss, dass sein Verhalten schliesslich mit einem Asperger-Syndrom erklärt wird, eine etikettierende Diagnose, wie sie der Roman sonst gerade als gesellschaftliches Übel kritisiert.

Jedes der vier Schicksale böte allein Stoff für einen ganzen Roman, aber eines haben die vier Protagonisten gemeinsam: ihrem Viererkollektiv entrissen und vereinzelt, scheitern sie an der Gesellschaft ebenso wie diese an ihnen. Sie sehnen sich weniger zurück nach der Abgeschiedenheit der Kommune als nach ihrem verlorenen Zusammenhalt. Das Leben mit den «Alten» hat Stillstand bedeutet für sie, sie konnten ihre Neugierde auf die Welt jenseits des Flusses kaum zügeln. Doch einmal in sie versetzt, prägt sie lebenslang ein Verlustgefühl. Das lässt natürlich an die deutsche Geschichte der letzten dreissig Jahre denken. Bedeutsamer wird dieser Roman aber dadurch, dass er uns das Zweifeln schmackhaft macht. Man kann nicht richtig oder falsch leben, denn «leben ist ein unregelmässiges Verb». Diese Behauptung ist grammatische Häresie – «leben» ist natürlich ein regelmässiges Verb – und vollzieht so selbst jene Regelwidrigkeit, die sie dem Leben zuspricht. Im Leben verändern sich die Dinge wie die Stammformen der unregelmässigen Verben nach Person, Zahl, Zeit und Modus. Dieser Formenvielfalt trägt der Roman sowohl in seinem Detailreichtum wie im kunstvollen Formenwandel der Erzählweisen und Stilebenen Rechnung.

Weiterlesen, weiterleben

Die Sprachkunst Lapperts ist ebenso bestrickend wie die Meisterschaft, mit der er die vier Lebensgeschichten einander in einzelnen Episoden ablösen lässt, sie in je eigener Perspektive erzählt, uns ein breites Spektrum zahlreicher, oft skurriler, immer aber lebensechter Menschen vorführt und uns in überraschenden Wendungen der Handlung und im kunstvollen Spiel mit Cliffhängern zum ständigen Weiterlesen animiert – ein Roman auch für all jene also, die heute die Langform der Filmserie der Kurzform des Kinos vorziehen.

Noch mehr aber ist es ein Roman für all jene, die daran herumrätseln, wie Leben zu Literatur und Literatur zu Leben wird. Das wird im Lauf der Lektüre immer deutlicher, zunächst deshalb, weil immer wieder Aufzeichnungen eines «wir» der Kinder aus dem Kommuneleben eingestreut werden, dann, weil ausgerechnet der scheue Leander sich als Autor der Publikation solcher Aufzeichnungen in Szene setzen soll – Anlass zu einer köstlichen Satire auf den heutigen Literaturbetrieb – und zum Schluss hin, weil Edna, die Tochter Fridas, sich in der Begegnung mit dem vereinsamten Willem van de Velde trotz dessen wiederholten Warnungen in ihrer Berufung zum Schreiben bestätigt sieht. Mit Edna ergibt sich eine Generationenfolge, die die Kommune sich verbaut hat, und mit ihrem Schreiben die Perspektive auf ein Weiterleben, das nicht nur Elend bringt, sondern vielleicht auch Befreiung.