Buch der geträumten Inseln
Roman

Beinahe jede Kultur Asiens kennt das Wesen mit Namen - als Yeren in China, Chemo in Tibet, als Ebu Gogo auf Flores oder Orang Pendek auf Sumatra. Seit Jahrhunderten hat es einen festen Platz in Mythen und Imaginationen. Nur die Wissenschaft will nichts wissen vom 'missing link' zwischen Mensch und Tier.
Robert Akeret ist fest entschlossen, das zu ändern. Auf Geheiß einer kryptozoologischen Gesellschaft bricht er auf zu einer Expedition ins Innere Papua Neuguineas. An seiner Seite ein Mann von der Volksgruppe der Bugis; am Steuer des Bootes einer, der sich Jonah nennt. Und dann noch Blum, sein Schweizer Assistent, ein Mittzwanziger mit schwachen Nerven, aber ausgeprägtem Bewusstsein für 'political correctness'. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Fahrt ins wohl bemessen Ungewisse. Mit einem handgeschweißten Käfig auf dem Bug …
Lukas Maisel ist womöglich das 'missing link' zwischen Claude Lévi-Strauss und Karl May. Sein Romandebüt, Buch der geträumten Inseln, ist ein literarisches Abenteuer, leichthändig und intelligent, eine fesselnde Verbindung von Kulturgeschichte, Ethnographie und erzählerischer Phantasie.

(Buchpräsentation Rowohlt)

Recensione

di Martina Keller
Inserito il 22.02.2021

Ein Zeitungsartikel im Jahr 20xx über das Verschwinden eines Mannes habe sein Interesse geweckt. So heisst es im «Vorwort des Autors», das dem Buch der geträumten Inseln von Lukas Maisel vorangestellt ist. Die Geschichte des Schweizers Robert Akeret, der auf der Suche nach einem unbekannten Lebewesen auf eine Expedition nach Papua-Neuguinea aufbricht und von dem seither jegliche Spur fehlt, fasziniert den Autor: «Es war, als zeigte mir sein Beispiel einen möglichen anderen Verlauf meines Lebens auf». Er beginnt zu recherchieren und schickt seiner eigentlichen Geschichte voraus: «Ich habe darauf verzichtet, dieser Geschichte den Anschein zu geben, sie beruhe bis ins Kleinste auf wahren Begebenheiten. Man könnte sagen: Ich habe faktische Anhaltspunkte mittels Vorstellungskraft miteinander verbunden».

Und so beginnt dann die Geschichte auch mit dem Satz: «Als ich mir Akeret das erste Mal vorstelle …», der die Fiktionalität der Erzählung nochmals geschickt betont und die Vorstellungskraft des Erzählers als oberste Instanz etabliert. Gleichzeitig erinnert dieser Anfang an den Anfangssatz «Call me Ishmael» in Moby Dick von Herman Melville und stellt somit eine erste Verbindung zu einem Abenteuerroman her.

Interessanterweise hat der Protagonist der Geschichte, Robert Akeret, eher Mühe mit der Vorstellungskraft. Es fällt ihm schwer, Gesichter zu lesen, sich in andere Menschen zu versetzen, er versteht uneigentliche Sprache nicht. Schon als Kind musste seine Mutter ihm mithilfe von verschiedenen gezeichneten Gesichtern die Gefühlsregungen seiner Mitschüler erklären. Von klein auf hat Robert Akeret eine grosse Leidenschaft für Taxonomien, Ordnungen und Systematik und ist fasziniert von allem, was mess- und benennbar ist.

Zur Reise nach Papua-Neuguinea bricht er auf in der Hoffnung, ein bisher unerforschtes Lebewesen zu entdecken, dem er in der Tradition anderer grosser Entdecker den Namen «Homo akereti» geben möchte. Er hat sich ganz der Kryptozoologie (= Lehre von den versteckten Tieren) verschrieben, einer Disziplin, die in der Wissenschaft kein grosses Ansehen geniesst, und ist besessen von der Idee, etwas mit seinem eigenen Namen benennen zu können.

Sein Reisebegleiter Blum, ein Ethnologiestudent, der sich für unerforschte Sprachen interessiert und sich aufgrund einer Anzeige von Akeret am schwarzen Brett der Universität auf das Abenteuer einlässt, versteht Akerets Obsession nicht. Die beiden reisen nach einem kurzen Aufenthalt in Singapur, wo sie Mansur, einen Mann aus Sulawesi, als Begleiter anheuern, weiter nach Port Moresby, wo Jonah als Vierter im Bunde dazu stösst. Von da fährt die vierköpfige Reisegruppe auf einem ersteigerten Boot mit einem leeren Käfig, dessen Zweck nur Akeret bekannt ist, los. Es wird bald klar, dass die vier Männer auf dieser Expedition unterschiedliche Ziele verfolgen, jedoch in gewisser Weise alle voneinander abhängig sind und am Ende wahrscheinlich auch alle scheitern. Lukas Maisel charakterisiert die vier Figuren mit viel Humor und erzählt die Reise aus unterschiedlichen Perspektiven. Diese narrative Entscheidung lässt die Erzählung bisweilen etwas wenig fokussiert erscheinen. Ebenso nimmt die zwar sehr gelungene Charakterisierung Akerets durch seine zahlreichen (pseudo-)wissenschaftlichen Monologe, angereichert durch häufig zitiertes Recherchewissen des Autors, viel Platz ein.

Wie schon im Vorwort wird auch im Roman stets auf die Beschaffenheit und die Kraft von Geschichten, auf die feine Grenze zwischen Realität und Imagination und auf das Mögliche, das Wahrscheinliche und das Erfundene referiert. Namen und sprachliche Zeichen spielen eine wichtige Rolle. So entpuppt sich das Buch der geträumten Inseln, welches man vordergründig als nicht so typischen Abenteuerroman lesen könnte, als ein kluger Text, der grosse Themen wie Toleranz, Wahrheit und Möglichkeit auf so gar nicht stereotype Art und Weise reflektiert und dies mit einem subtilen, aber umso wirkungsvolleren Humor kombiniert.

Gegen Ende des Romans wechselt die Perspektive abermals und fokalisiert das Geschehen auf Professor Dr. Unland, die Frau, die Akerets Expedition mitverantwortet und während des Beginns seiner Reise als seine Kontaktperson fungiert. Durch ihre Augen offenbart sich nochmals ein anderer, völlig neuer Blick auf die Geschichte.