Der Halbbart
Roman

Der Sebi ist nicht gemacht für die Feldarbeit oder das Soldatenleben. Viel lieber hört und erfindet er Geschichten. Im Jahr 1313 hat so einer es nicht leicht in einem Dorf in der Talschaft Schwyz, wo die Hacke des Totengräbers täglich zu hören ist und Engel kaum von Teufeln zu unterscheiden sind. Doch vom Halbbart, einem Fremden von weit her, erfährt der Junge, was die Menschen im Guten wie im Bösen auszeichnet – und wie man auch in rauhen Zeiten das Beste aus sich macht.
Ein Roman voller Schalk und Menschlichkeit, der zeigt, wie aus Geschichten Geschichte wird.

(Buchpräsentation Diogenes Verlag)

Liebeserklärung ans Erzählen als Droge

di Dominik Müller
Inserito il 07.01.2021

Auf der Seite 645 mündet Charles Lewinskys neuer Roman in sein Finale, eine pompöse Erzählung der legendären Schlacht am Morgarten, bei der die alten Eidgenossen am 15. November 1315 einen Trupp von Habsburgern unter einem Bergsturz von Steinbrocken und Baumstämmen begruben. Wie es dazu kam, zum wüsten Gemetzel einerseits, zu dem verklärenden Heldenbericht andererseits, das wird in den vielen Seiten davor hergeleitet. Der Erzähler Eusebius – oder Sebi, wie man ihn in seinem kleinen Schwyzer Dorf nennt – wächst dabei vom aufgeweckten Buben zu einem jungen Mann heran und uns Lesenden ordentlich ans Herz. Man lässt sich in seinen Bericht hineinziehen und wird zum lesenden Kind wie einst bei der Lektüre etwa des Schmieds von Göschenen, des Jugendromans, der zur gleichen Zeit spielt. Nach dem Tod der Eltern bleiben Sebi seine zwei Brüder, der wegen seiner Weitsicht und liberalen Fürsorglichkeit verehrte Geni und der wegen seiner Gewalttätigkeiten gefürchtete Poli. Dieser bekommt in Onkel Alisi, der verroht und versoffen aus den Fremden Diensten heimkehrt, einen einflussreichen Gefährten. Die Unterteilung des gesamten Romanpersonals in gut und bös macht so auch vor der Familie der Hauptfigur nicht Halt. Und da ist schliesslich auch noch ein geheimnisvoller Zugezogener, den man Halbbart nennt, weil die Hälfte seines Gesichts und seines Körpers von Brandwunden entstellt ist, die er sich in seiner österreichischen Heimat bei einem Judenpogrom zuzog. Dank seiner Heilkünste wird der Flüchtling im Schwyzer Dorf halbwegs geduldet.

Sebi ist der erste, mit dem er sich im Dorf anfreundet, wo Aberglaube und Missgunst die Menschen leicht gegeneinander aufbringen. Sebi geht unvoreingenommen und mit wacher Neugier auf seine Mitmenschen zu. Er kennt die Deutungsmuster seiner Zeit, weiss diese aber mit aufgeklärtem Sinn und distanzwahrendem Humor zu relativieren. Diese müssen aus der Zeit des Autors auf ihn übergesprungen sein. Das ist historisch betrachtet nicht ganz plausibel, bewahrt uns Lesenden aber vor den Verstörungen, die eine wirkliche Zeitreise ins beginnende 14. Jahrhundert mit sich bringen müsste. Immerhin wird uns eindringlich vermittelt, wie schutzlos man damals Kälte, Hunger, Gewalt und Krankheiten ausgesetzt war.

Gemeinsame Sache macht Charles Lewinsky mit seiner fernen, nahen Erzählfigur aber noch in anderer Hinsicht. Er lässt ihn über das Erzählen räsonieren und uns Lesenden ausrichten, das Geschichtenerzählen sei «der wunderbarste Beruf auf der Welt» (S.116). Die Erzählfreude, von der das Buch so offensichtlich getragen ist, ist auch eines von dessen Themen. Die verführerischen und kommerziellen Seiten bleiben dabei nicht ausgeklammert. Sebi spricht darüber mit Geni, der, wie ein moderner Berufsberater, das Erzähltalent seines kleinen Bruders erkennt, aber vor Übertreibungen warnt. Er benützt dabei eines jener vielen Gleichnisse, die den Bericht im christlich-agrarischen Weltverständnis seines Erzählers verankern und die vielleicht charmanteste Seite des Buchs ausmachen: «niemand kauft eine Kuh von jemandem, der behauptet, sie könne auch Eier legen» (S. 514). In einem kühnen Karriereentscheid – einem weiteren Anachronismus, über den sich Lewinskys historischer Roman gelassen hinwegsetzt, – beschliesst Sebi, das Erzählen zu seinem Beruf zu machen und beim Teufels-Anneli, einer fahrende Geschichtenerzählerin, in die Lehre zu gehen. Er lernt die Suggestionskraft von Geschichten kennen und merkt, dass in seinem neuen Metier Genis Viehmarktlogik nicht gilt. Wenn er vom Überfall der Schwyzer auf das Kloster Einsiedeln erzählt, einer entscheidenden Episode aus der Vorgeschichte der Schlacht von Morgarten, testet er die Wirkung von Übertreibungen. Statt korrigiert zu werden, erntet er Applaus: «Sie glauben es unterdessen schon selber, weil die Geschichte, so herum erzählt, auch sie zu Helden macht.» (S. 515) Dieser Vorgang wird sich im Finale des Romans wiederholen. Es zeigt, wie ein Erzählbeschiss historische Fakten schafft. Sebi hat die Kontrolle darüber verloren. Sein Kalkül, die zu schamlosen Übertreibungen würden den Bericht unglaubwürdig machen, geht nicht auf. Die Vernunft zieht den Kürzeren. Das muss auch Geni erfahren, der für eine Politik des Ausgleichs einstand und nun vor dem Onkel mit seiner Horde von Haudegen kapitulieren muss. Das Teufels-Anneli behält mit der Einsicht recht, dass der Teufel die Welt regiert, und hat in Lewinskys Roman denn auch das letzte Wort.

Die Liebeserklärung ans Erzählen, die Lewinsky in seinen Roman verpackt, ist die Liebeserklärung eines Dealers an seine Droge. Lewinskys erzählte Erzählheorie verhandelt die vergnüglichen und die manipulativen Seiten von Geschichten und beleuchtet die Unentwirrbarkeit von fiktionalem und historiographischem Erzählen. Listig und virtuos nimmt der historische Roman so dem Vorwurf, er sei historisch unglaubwürdig, den Wind aus den Segeln. Auch der Einwand, dass der Roman mit seinen kurzen Kapiteln, die fast immer mit einem die Spannung wachhaltenden Cliffhanger enden, auf eine zu glatte Konsumierbarkeit schiele, wird mit der Offenlegung des kommerziellen Aspekts von Erzählen aus dem Feld geräumt. Nach dieser Logik ist es auch genau richtig, wenn schweizerdeutsche Wörter wie homöopathische Tröpfchen verabreicht werden, höchstens eins oder zwei pro Seite. So können sie für Lokalkolorit sorgen, ohne Leserinnen oder Leser ausserhalb der Schweiz kopfscheu zu machen, wie das beim ungehobelten Gotthelf passiert. (A propos Gotthelf: Dieser erzählte mit seiner umfangreichen Novelle Der Knabe Tell bereits einmal die Geschichte der Schlacht von Morgarten aus der Sicht eines Buben).

Mit der Entschärfung der kritischen Einwände gegen den Roman geht nun aber auch die Entschärfung der Sprengkraft in Kauf, die dem heiteren Buch mit seinem (teufels-)schwarzen Untergrund innewohnt. Vor fünfzig Jahren bürstete Max Frisch mit Wilhelm Tell für die Schule schon die eidgenössische Heldenmythologie gegen den Strich und sorgte für Jubel und böses Blut. 2020 tut Charles Lewinsky mit Halbbart niemandem mehr weh. Das liegt an den geänderten Zeiten, aber auch am vermittelnden Temperament des Erzählers.

Zum Problem wird die Tendenz des Romans, sich selber zu entschärften, bei der Art, wie er den Halbbart aus dem Spiel nimmt. Als interessanteste Figur des Romans hat er es zum Titelhelden gebracht, obwohl er nicht die Hauptfigur ist. Das Nebeneinander von hellen und dunklen Seiten – sonst säuberlich getrennt – ist ihm ins Gesicht geschrieben. Als Immigrant, von dem eine Gesellschaft offensichtlich profitiert, ist er eine programmatische Figur. Die Kapitel, in denen er zu erzählen versucht, wie ein Mob ihn auf den Scheiterhaufen brachte, bilden vielleicht den Höhepunkt des Romans. Darin wird auf eindringliche, für den Roman ungewohnt verstörende Weise ein Gegenmodell zum sonst dominierenden Erzählen exponiert, ein Erzählen, in dem persönliche Verletzungen nicht hinwegfabuliert werden, was in hilflosem Stottern endet. Das Nachdenken über das Erzählen erfährt so eine wichtige, kontrastierende Facette. Nach der buchstäblichen Brandmarkung rückt die Figur aber für die zweite Hälfte des Romans in den Hintergrund. Wenn man dann noch erfährt, wie Halbbart die Hellebarde (oder Hallbarte), die Wunderwaffe der Eidgenossen, erfindet, bekommt man den Eindruck, die Figur werde einem Kalauer geopfert. Bekommt der Autor da plötzlich Angst vor seiner eigenen Erfindung?

Der Roman bietet seinen Leserinnen und Lesern viel; die Angst davor, ihnen zu viel zuzumuten, setzt ihm Grenzen, die zu überschreiten er eigentlich das Zeug hätte.