Nacht ohne Ufer
Roman

Am Sterbebett der Mutter treffen sie sich wieder, die beiden Halbschwestern Esther und Gloria. Seit ihrer Kindheit hatten sie keinen Kontakt mehr, nun sitzen sie gemeinsam im Krankenzimmer. Allmählich kommen sie sich näher, zugleich aber brechen alte Konflikte und Rivalitäten auf. Und immer wieder steht die Beziehung zur Mutter zwischen den jungen Frauen. Esther fühlte sich stets benachteiligt. Erinnerungen und Bilder steigen in ihr auf: der Moment, als die Mutter zusammen mit Gloria die Familie verliess, die Wiederbegegnung dreizehn Jahre später, die aufwühlenden Treffen, die danach folgten. Esther ist hin und her gerissen zwischen Sympathie und Ablehnung, zwischen Sorge und der Frage: Ist diese fremde Frau überhaupt ihre Mutter? Patricia Büttikers Debütroman Nacht ohne Ufer handelt von einer Leerstelle, die das Verschwinden eines Menschen hinterlässt, und geht den Fragen von Schuld und Versöhnung, Zuneigung und Hass nach.

(Buchpräsentation Edition Bücherlese)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 30.09.2020

Am Übergang vom Tag zur Nacht, an dem Schlatters Buch endet, setzt Patricia Büttikers Roman Nacht ohne Ufer ein. Die zwei Halbschwestern Esther und Gloria sitzen am Sterbebett ihrer Mutter und erwarten deren letzten Atemzug. Ihr Tod scheint die einzige Sicherheit zu sein, während ihre wachenden Töchter in einem Strom der widerstreitenden Gefühle schwimmen und kein rettendes Ufer erreichen.

Esther ist die Hauptfigur des Romans, der in kurzen Abschnitten zwischen Gegenwart und Vergangenheit wechselt. Mal gerät Esther selbstvergessen ins Erinnern, mal wird sie von Gloria dazu angeregt oder dabei gestört. Derart mäandert der Text in losen Szenen durch eine Familienbiographie, die voller Missverständnisse, verstecktem Groll, Unverständnis und immer wieder aufblitzend auch zartem Mitgefühl steckt. Esther scheint dieses Mitgefühl leichter zu fallen, obwohl oder gerade weil ihre Vorwürfe an die Mutter schwer wiegen und ihr Leben lange Jahre beherrscht haben. Als sie sieben war, wurde sie von der Mutter und der zwei Jahre jüngeren (Halb-)Schwester verlassen. «Nachdem ihr, Mutter und du, gegangen wart, wurde die Wohnung geputzt», erinnert sie sich. Für Vater war die Sache damit abgeschlossen, «sie könnten froh sein, dass die Mutter und Gloria weg seien und endlich Frieden einkehre», meinte er. Ja, entgegnete Esther damals, doch sie empfand es anders. Entsprechend taucht in ihren Erinnerungen der Vater, bei dem sie aufwuchs, bloss wie ein Gespenst am Rande auf: die abwesende wie abweisende Mutter war das Zentrum ihrer Gefühle. Geblieben ist ihr davon, glaubt sie, eine soziale Unverträglichkeit. Sie lebt seit je her allein, sie hat keine Freunde.

Es dauerte Jahre, bis sie sich dazu aufraffte, die Mutter anzurufen und erstmals wieder zu treffen. Doch Esther merkte gleich, dass sie sich nichts zu sagen hatten. Umso mehr gefiel sie sich darin, sich der Mutter gegenüber auf peinliche Weise gemein zu verhalten – nur um sich später darob schlecht zu fühlen.

Dieses zähe Ringen setzt sich am Sterbebett mit ihrer Schwester fort. Vielleicht ist es deren Anwesenheit, was sie versöhnlicher stimmt. Gloria wirkt ihr gegenüber ausgeglichener. Doch auch sie schwankt emotional zwischen der Furcht vor dem Verlust der Mutter und einer lange antrainierten Flucht vor ihr, worin sich auch Gleichgültigkeit mischt. Wie sich gegenseitig abstossende und wieder anziehende Planeten umkreisen sie einander, um zwischendurch immer wieder fast zu kollidieren. Gloria liest die Glückspost, Esther blättert in einem Beuys-Band. Gloria entwischt in brenzligen Momenten in die Rauchpause, Esther wäscht sich die Hände, wie um mit der gestischen Zwangshandlung die schlechten Gefühle von sich abzustreifen.

So warten sie am Sterbebett, die Mutter zwischen sich, wissend, dass es nur noch eine kurze Spanne dauert, bis sie alleine sein und – vermutlich – wieder auseinanderstreben werden, ohne sich weiter umeinander zu kümmern. Patricia Büttiker zieht diese traurige Erzählung konsequent durch. Immer wieder streut sie kleine Zeichen der Vertraulichkeit zwischen den beiden ein, die sie selbst sogleich wieder verwerfen. Esther würde Gloria gerne trösten, sie wagt aber nicht, sie anzurühren oder in die Arme zu nehmen, nachdem eine erste Berührung von dieser vehement zurückgewiesen wurde.

Die Distanziertheit spiegelt sich auch in der Sprache. Esther, die Einsame, spricht immer nur von «Kolleginnen», nie von Freundinnen, zu schweigen von einem Freund. Diesen Eindruck vertieft zusätzlich die indirekte Rede, mit der die Autorin die persönliche Note von Esthers Erinnerungen zu relativieren scheint. Es ist dieses stete Hin und Her zwischen Empathie und Distanziertheit, das Nacht ohne Ufer unspektakulär erscheinen lässt und das schmale Buch doch konsequent auf den unruhigen Punkt des gegenseitigen Befremdens bringt. Die Autorin lässt dabei keine der Schwestern besser dastehen. Es sind die kleinen Zeichen und Gesten, mit denen sie ihr Kammerspiel vorantreibt und darin für eine unterschwellig spürbare, emotionale Spannung sorgt. Patricia Büttikers Roman ist in der Form ein sehr spezielles, stimmiges Gedenkbuch.

(Beat Mazenauer in «Abschied von der Portalfigur. Mutter von Melinda Breznik, Nacht ohne Ufer von Patricia Büttiker und Muttertag von Ralf Schlatter». Ein Fokus in www.viceversaliteratur.ch, 26.10.2020).