Abendspaziergang mit dem Kater

In Abendspaziergang mit dem Kater erzählt Thomas Hürlimann ebenso unterhaltsam wie philosophisch hintergründig von seiner Herkunft und den Wegen zum eigenen Schreiben und Denken. Er zeigt sich als kritischer Verteidiger der Schweiz und begeisterter Anhänger ihres grössten Dichters Gottfried Keller, als leidenschaftlicher Polemiker und empfindsamer Beobachter.
Höchst vielfältig sind diese Texte aus vier Jahrzehnten: Sie reichen vom phantasievollen literarischen Kabinettstück bis zum aufsehenerregenden Bericht seiner Krankenhauserfahrungen. Aber selbst wenn Thomas Hürlimann über Krankheit und Tod nachdenkt, tut er es mit Eleganz, Leichtigkeit und tröstender Heiterkeit. Denn durch seine Texte spaziert ein zugelaufener Kater, und ein Abendspaziergang mit dem Kater endet immer mit dem neuen Morgen …

(Buchpräsentation S. Fischer Verlag)

Platon, Nietzsche und der Kater: Thomas Hürlimann wird siebzig

di Klaus Hübner
Inserito il 03.11.2020

Seit 1980 habe der in Zug geborene Dramatiker und Erzähler Thomas Hürlimann ein Werk geschaffen, «das – auch international – zu den meistbeachteten innerhalb der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zählt», hiess es schon vor gut siebzehn Jahren im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KLG). Der bedauerlicherweise nicht mehr existierende Zürcher Ammann Verlag eröffnete 1981 sein Programm mit Die Tessinerin – sechs kraftvoll-zärtliche, miteinander verbundene Geschichten, die in der Schweiz recht bald Schullektüre wurden. Seine Novellen Das Gartenhaus (1989) und Fräulein Stark (2001) sowie der Roman Der grosse Kater (1998) werden weiterhin gelesen und debattiert, und auch die meisten seiner Theaterstücke sind bis heute auf den nationalen und internationalen Bühnen präsent. Am 21. Dezember wird Thomas Hürlimann siebzig. Rechtzeitig haben sich Autor und Verlag um ein würdiges, dem Anlass angemessenes Geschenk gekümmert. Ein neues Buch! Sieben Abteilungen umfasst der aus bereits publizierten, aber durchgesehenen und überarbeiteten Texten bestehende Band. Verbunden sind sie durch kurze Originalbeiträge, in deren Mittelpunkt ein Wesen steht, das Hürlimann-Fans bestens vertraut ist. Ist es wirklich ein Tier? Diese fiktive «Katerpersönlichkeit» weiss jedenfalls, «was Platon und Nietzsche gewusst hatten», sie weiss um die «ewige Wiederkehr des Gleichen». Und sie weiss, dass das Alter in der Kunst gern mit dem Abend einhergeht – auf das Goethesche Diktum «Mehr Licht!» wird in einem der Texte beziehungsreich angespielt. Weshalb auch der Buchtitel unmittelbar einleuchtet: Abendspaziergang mit dem Kater.

Naturgemäss erfahren die Lesenden erst einmal Entscheidendes zur Person und zum Schaffen des Autors. Dass der ihm liebste Mensch sein Bruder war, der schon als junger Mann gegen den Knochenkrebs kämpfen musste, und dass dessen früher Tod mit noch nicht einmal 21 den Dichter lebenslang prägte – eine schreckliche, niemals wirklich wegzuschiebende Erfahrung, die im hier abgedruckten Nachruf auf Matthias Hürlimann, geschrieben zum Begräbnis auf dem Friedhof Zug, intensiv nachklingt. Man erfährt auch, dass der einstige Klosterschüler im ehrwürdigen Stift zu Einsiedeln sich seit seinem dreizehnten Lebensjahr als Dichter versteht – «nulla dies sine linea, kein Tag ohne Zeile» ist sein Lebensmotto geblieben. Geblieben ist auch die ständige Präsenz des Katholizismus:

Ich bin in einem Dreiklang aufgewachsen. Land, Religion und Familie bildeten eine harmonische Einheit. Als ich Ministrant war, gab es am Sonntag mehrere Messen, und alle Kirchen waren voll. Auf Kirchtürmen, Hügeln, Gipfeln und auf dem roten Grund der Flagge stand das Kreuz. Es stand, als würde es immer stehen. Und dann, über Nacht, begann es zu sinken … Die Flaggen wurden eingerollt. Die Kirchen leerten sich. Das Kreuz – nun stand es auf dem Grab von Matthias … Die Schweiz wurde zu Monaco, Zug zu Abu Dhabi.

Der mit sprechenden Fotos garnierte Text «Familienalbum», aus dem diese Passage stammt, sowie eine lesenswerte «Spurensuche in Galizien» gehören ebenfalls zum Thema «Herkunft». Im galizischen Przemysl macht sich Hürlimann auf die Suche nach einer Strasse, die es vielleicht nur in den Erzählungen der Grossmutter gab – immerhin findet er auf dem jüdischen Friedhof einen verwitterten Grabstein, in den der Name Katz gemeisselt wurde, der Name also, den er in Fräulein Stark seinen Vorfahren gegeben hatte. Wer durch die geschichtssatten Gassen von Przemysl schlendert, spaziert gleichzeitig durch die Literatur, und so sind Karl Emil Franzos, Jaroslav Hašek, Ossip Mandelstam, Robert Musil, Joseph Roth, Georg Trakl und andere Dichter seine ständigen Begleiter. Ein wunderbarer, aufschlussreicher Reisebericht! Weniger interessant, wenngleich natürlich eng zur Biografie des Autors gehörend, sind seine Berichte aus diversen Kliniken – wer nicht beabsichtigt, demnächst in ein Schweizer oder Berliner Krankenhaus einzurücken, darf die Abteilung IV, eine recht ausführliche und oft bittere «Spitalkritik» des von einigen schweren Krankheiten geplagten Autors, getrost überblättern.

Spannender sind Hürlimanns poetologische und politische Anmerkungen. Beiläufig erwähnt er einen Besuch des Kollegen Botho Strauss im Fährhaus zu Walchwil, wo er zu Hause ist. Wenn man Thomas Hürlimann zu den «Rechten» zählt, für die sich der deutsche Autor in seinem jüngsten Buch Die Expedition zu den Wächtern und Sprengmeistern stark macht und die er vehement gegen Rechtsradikale oder Neonazis in Stellung bringt, wird man nicht völlig fehlgehen. «Das Abendland war und ist ein Christentum, das aus jüdischer Religion und griechischer Philosophie geboren wurde, und wird diese Kultur vernichtet, vernichten wir damit uns selbst», heisst es im Essay «Wir vom Club der Atheisten». Wobei allerdings, wenn man ihn wirklich als «Rechten» bezeichnen will, unbedingt zu berücksichtigen ist, dass Thomas Hürlimann durch und durch Schweizer ist und mit einem energischen «Behalten wir unsere Marotten!» auch fest dazu steht. Deswegen ist auch seine kluge Auseinandersetzung mit Gottfried Keller, dargelegt im zuerst 2019 erschienenen Essay «Der doppelte Gottfried», zentral für ihn und seine Leserschaft. Hürlimann unterscheidet den «Estrich-Keller», den gläubigen, frommen Träumer und Romantiker, vom realistischen und scheinbar angepassten «Küchen-Keller», der es via Georg Lukács sogar «in die Ahnengalerie der marxistischen Literatur» geschafft habe. «Allerdings habe ich mich dann hauptsächlich für den anderen Keller interessiert, den Estrich-Träumer, der es so wunderbar verstand, das Gewöhnliche ins Aussergewöhnliche, das Sinnliche ins Übersinnliche zu erhöhen». Kellers linke Freunde und später die meisten seiner Biografen hätten verkannt, dass der Dichter zeit seines Lebens, also auch in seinen fünfzehn Amtsjahren, ein Träumer geblieben sei, «auch im Politischen». Ein bemerkenswerter Blick auf den Schweizer Nationaldichter und seinen Grünen Heinrich, und ein Glück für die Leserschaft, dass der Autor auch seine wunderbare, in fünf Akte gegliederte Novelle «Dämmerschoppen» dazu gestellt hat! Und dass er in seinem eindrucksvollen Essay «Wer könnte das Eine nicht lieben?» die Verwandtschaft von Theologie und Literatur philosophisch untersucht und unmissverständlich klarmacht: «Beide Disziplinen sind universell. Sie suchen Gott und die Seele».

Man muss keinesfalls mit allem einverstanden sein, was in Thomas Hürlimanns stets behutsam und nachvollziehbar entwickelten Aufsätzen anklingt, und man muss sich nicht von allen in Abendspaziergang mit dem Kater aufgenommenen Texten gleichermassen angesprochen fühlen, um diesem bald Siebzigjährigen gebührenden Respekt zu zollen. Ein bedeutender Autor der Gegenwartsliteratur aus der deutschsprachigen Schweiz hat in diesem Buch Arbeiten zusammengetragen, die ihm wichtig sind. Eine facettenreiche Bilanz eines langen Dichterlebens und eine bedenkenswerte Reflexion dessen, was die Schweiz war, was sie heute ist und warum sie auf niveauvolle Literatur niemals wird verzichten können.