steile flügel
Gedichte (Mundart / dt.)

Die Mundartgedichte entstammen den Bänden zittrigi fäkke (2015) und gredi üüfe (2018), beide im bildfluss Verlag, Altdorf, erschienen.

dr mäntsch

dri abbe stiige
zundersch abbe
i ds vergässnige

vom verloorne
vom ghäimnis
zämäramisiäre

und de äntlich
iis verschtaa
ä bitz

der mensch

hinuntersteigen
ins unterste
ins vergessene

vom verlorenen
vom geheimnis
zusammenklauben

und endlich
sich verstehen
ein wenig

(Buchpräsentation Wolfbach Verlag)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 28.09.2020

Wie schaut das beim Dichter Hanspeter Müller-Drossaart aus? Wir kennen ihn als viel beschäftigten Schauspieler, Sprecher und Kabarettisten, der neben seiner geschliffenen Bühnensprache ein breites Repertoire an Mundarten beherrscht. Er lebt in Zürich, ist in Sarnen geboren, hat in Erstfeld die Primarschule besucht und die Schulzeit wiederum in Sarnen abgeschlossen. Von diesem Dialektspektrum zehrt seine Lyrik. 2015 hat er einen Band mit Gedichten in Obwaldner (zittrigi fäkke), 2018 einem in Urner Mundart (gredi üüfe) veröffentlicht. Eine Auswahl aus beiden ist nun unter dem Titel steile flügel erschienen. Darin werden die Dialektgedichte von eigenen Übertragungen begleitet.
In den Bergen werden nicht viele Worte gemacht. Das mag ein billiges Vorurteil sein, in der Mundart aber bestätigt sich diese Wortkargheit auf faszinierende Weise. Die Sprache bewahrt hier eine Strenge, Knappheit und Kernigkeit, die den Unterländer Dialekten oft abgeht. Diese passen sich im täglichen Gebrauch gerne einer «Ökonomie des Gaumens» an, wonach sich die Worte an den Ecken abschleifen und zu Kugeln von geschlossenen e- und a-Lauten runden. Es muss schnell gehen beim Sprechen, und je weniger der Mund verzogen wird, umso einfacher redet es sich. Dem widersetzen sich die alpinen Sprachen, zugleich haben sie seit jeher eine sprachurtümliche Form erhalten, die starke kraftvolle Vokale bewahrt. In diesen Gedichten zeigt es sich, etwa in «zittrigi fäkke».

eppädie verliidid
d
gedanke

s uischnuife chuim

und fladerid drvo

mid zittrige fäkke

Die starken ui-Laute in der Mittelzeile verleihen dem Gedicht eine kraftvolle Patina. Vokale wie ui, äi, ää und i prägen den Obwaldner Dialekt. Sie finden im Urner Dialekt ein lebhaftes Echo, wobei sich im Reusstal die ii stärker in die Länge ziehen und aus den ui ein üü wird. Hanspeter Müller-Drossaart weiss bestens mit diesen Eigenheiten zu spielen und mit ihnen seiner Poesie eine unverkennbare Lautung zu geben, die selbst beim unvollkommenen Versuch der lauten Lektüre ihre Kraft behält. Indem der Dichter nahe am Alltag und den Traditionen in den beiden Tälern bleibt, finden seine Worte einen Anklang, den es nur in diesen Mundarten gibt. Urnerisch klingt das beispielsweise so:

zeerscht hüürisch

drvoo de schnaaggisch

uber d selle

In der hochdeutschen Übertragung heisst das:

erst kauerst du davor

dann kriechst du

über die schwelle

Ein kleines Beispiel, das gleich die Krux von solchen Übertragungen kenntlich macht. Kauern klingt vergleichsweise lahm und kommt gegen das «hüürisch» ebenso wenig an wie ein «zusammenklauben» gegen das lautmalterische «zämäramisiäre oder «das blaue tvgeschimmer» im Schatten von «s blaaw färnseegliächt». Der Autor überträgt nicht immer wortgenau, um der Übersetzung etwas Spielraum zu geben. Oft gelingt das gut, doch im Kern behält das Hochdeutsche etwas Blasses und Plaudriges – letztes speziell bei den mundfaulsten Gedichten, beispielsweise im «wintergsprääch»:

äs guxet

hä

äs guxi

die ganz ziit



äbe n äs guxet

ja de ganz ziit

Der Übersetzung ist in diesem Fall zugute zu halten, dass sie uns das «guxen» erklärenderweise als «stürmen» übersetzt.

Aus: «Hin und her zwischen den Sprachen». Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 01.02.2021