Kalmann
Roman

Er ist der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn. Er hat alles im Griff. Kein Grund zur Sorge. Tag für Tag wandert er über die weiten Ebene um das beinahe ausgestorbene Dorf, jagt Polarfüchse und legt Haiköder im Meer aus, um den Fang zu Gammelhai zu verarbeiten. Doch in Kalmanns Kopf laufen die Räder manchmal rückwärts. Als er eines Winters eine Blutlache im Schnee entdeckt, überrollen ihn die Ereignisse. Mit seiner naiven Weisheit und dem Mut des reinen Herzens wendet er alles zum Guten. Kein Grund zur Sorge.

(Buchpräsentation Diogenes Verlag)

Wie ein kleines Dorf im Norden Islands die ganze Welt abbildet

di Verena Bühler
Inserito il 08.02.2021

Der Roman des seit vielen Jahren in Island lebenden Autors J.B. Schmidt beginnt mit einer Blutlache auf der weiten Melrakka-Ebene in der Nähe des 175-Seelen-Dorfes Raufarhöfn und könnte mit dieser Ausgangslage ein richtiger nordischer Krimi werden, wenn es nicht Kalmann wäre, der die Blutlache betrachtete und überlegte, was er nun tun solle. Die titelgebende Hauptfigur in Schmidts Roman ist ein etwas einfältiger Kerl, 33 Jahre alt und vom Leben nicht mit den besten Voraussetzungen ausgestattet, um in einer sich an Erfolg und Geld orientierenden Gesellschaft zu reüssieren. Doch Kalmann hält sich in vielem an seinen Grossvater, bei dem er grösstenteils aufgewachsen ist, und der sagt, es gebe Wichtigeres im Leben als Zahlen und Buchstaben, und die schlechten Leistungen des Enkels in der Schule seien kein Grund zur Sorge. Der Grossvater hat ihm beigebracht, wie man Köder für die Haifischjagd herstellt, alleine aufs Meer hinausfährt, Leinen auslegt und aus dem Fang fermentierten Gammelhai herstellt, eine Spezialität, über dessen Geruch sich die meisten Nasen rümpfen. Als die Handlung des Romans einsetzt, ist Grossvater bereits dement und wohnt in einem Heim in der einige Stunden entfernten Stadt Husavik.

Ausser Haifischjäger ist Kalmann auch Sheriff. Diese Rolle hat er sich selber ausgedacht, in Anlehnung an seinen amerikanischen Vater, über den er kaum mehr weiss, als dass er ein auf Island stationierter amerikanischer Soldat war und nur einmal nach seiner Geburt zurückkam, um ihm eine Mauser zu schenken, eine Pistole, die in der Familie von den Vätern an die Söhne weitergegeben wird. Verbotenerweise besitzt Kalmann ausserdem eine Schrotflinte, mit der er auf Polarfuchsjagd geht.

In manchem unterscheidet sich Kalmann kaum von anderen Zeitgenossen. Er wohnt alleine in einem Häuschen, isst gern Pizza und Chips, schaut amerikanische Fernsehsendungen wie «The Biggest Loser» und «The Bachelor», aus denen er einen grossen Teil seines Weltwissens bezieht. Seine Mutter arbeitet als Krankenpflegerin in Akureyri und kann nur alle paar Wochen nach Raufarhöfn kommen und nach dem Rechten schauen, aufräumen, Kalmanns Wäsche machen, sich um ihn kümmern. Als alleinerziehende Mutter musste sie immer arbeiten und hatte nie viel Zeit für ihren Sohn.

Was genau los ist mit Kalmann, lässt der Autor offen. Jedenfalls neigt er zu Wutanfällen, wenn er unsicher ist und nicht mehr weiterweiss. Dann kommt es vor, dass er Gegenstände demoliert und sich selber Verletzungen zufügt. Er kann sich nur in einfachen Sätzen ausdrücken, obwohl er in seinen Beobachtungen eine grosse Sensibilität zeigt und seine Gedanken sprachlich viel komplexer formuliert sind, als es seinen Fähigkeiten entspricht. Das könnte man in Frage stellen, wenn die Geschichte nicht so einnehmend wäre.

Soweit die Ausgangslage. Eine Ermittlerin kommt in den Ort und spricht lange mit Kalmann, der die Blutlache gefunden hat. Schnell wird klar, dass sie etwas mit dem Verschwinden von Robert McKenzie zu tun hat, dem umtriebigen Hotelier und Halter von Fischfangquoten, dem reichsten Mann Raufarhöfns, der aber auch hoch verschuldet ist. Seine Tochter ging mit Kalmann zur Schule und ist nun Lehrerin im Ort. Für sie empfindet Kalmann, der sich nichts mehr als eine Frau wünscht, eine besondere Zuneigung.

Der Fall entfaltet sich nach und nach, und es dauert längere Zeit, bis man merkt, dass Kalmann kein zuverlässiger Erzähler ist. Vieles lässt er aus, anderes beschönigt er. Der trockene Humor der isländischen Sagas zieht sich durch den Roman und die Aufmerksamkeit der Leserin bleibt immer wieder an seinen naiven, aber ins Schwarze treffenden Äusserungen zu gesellschaftlichen Entwicklungen, zu menschlichen Stärken und Schwächen, zu Gedanken über Tod, Freundschaft und das gute Leben hängen, die Kalmann in seine Erzählung einflicht.

Eine Leiche macht man am besten zu Fischfutter, wenn man sie verschwinden lassen will, darin sind sich die Bewohner von Raufarhöfn einig. Als Kalmann eines Tages die Hand von Robert Mckenzie in einem seiner Haifischnetze findet, rückt die Aufklärung der Umstände seines Todes näher. Die Handlung kulminiert in einer tödlichen Konfrontation zwischen Kalmann und einem Eisbären auf der Melrakkasletta, die an Frankensteins Treffen mit dem Monster auf dem Mer de Glace erinnert. Kalmann ist wie das Monster deformiert und sehnt sich nach Anerkennung und Liebe. Doch anders als Frankensteins Monster entschliesst er sich, den Menschen zu helfen. Ihm als Behindertem gelingt eine mutige Tat, aufgrund derer er von der Gemeinschaft respektiert und sogar gefeiert wird.

Neben der interessanten Hauptfigur und der packenden Dramaturgie überzeugt die Vielfalt an gesellschaftlichen Themen, die der Autor in den Roman einarbeitet: Arbeitslosigkeit und Niedergang, Versuche, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, Drogenschmuggel, die Chancen und Tücken des Internets, Familienbeziehungen und die Arbeit von Fischern und Lehrerinnen, Touristen, Gastarbeitern und Journalisten. Und dies alles vor dem Hintergrund einer evokativ beschriebenen, gewaltigen Natur.

In vielerlei Hinsicht kommt die Geschichte zu einem Happyend, das märchenhafte Züge aufweist. Sie rutscht aber nicht in den Kitsch ab, denn es bleiben genügend lose Enden und falsche Spuren, so dass nicht alles aufgeht. So ist nicht klar, was mit Kalmanns Grossvater geschieht oder mit seinem Internetfreund Noi, der sein Gesicht nie zeigt und plötzlich von der Bildfläche verschwunden ist. Offen bleibt auch, ob die Drogenschmuggler verurteilt und bestraft werden. Die Aufklärung des Todesfalls gerät letztlich in den Hintergrund und der Fokus liegt auf der speziellen Perspektive des naiven Aussenseiters, die es dem Autor erlaubt, die Probleme des ländlichen Islands und der heutigen Welt zu spiegeln.