Untertags Roman
Ein Mann und eine Frau lernen sich in den späten Jahren ihres Lebens kennen und erfahren noch einmal tiefe Zuwendung und Glück, im Alltag und auf Reisen in die Landschaft seiner Jugend – die Rocky Mountains in Wyoming. Doch neben die Freuden treten bald die Gebrechen des Alters, Jakov neigt zunehmend zu Zerstreutheit. Ein Name bleibt aus, ein Termin wird versäumt, ein Kehrichtsack landet im Teich des Nachbarn. Die ärztliche Untersuchung zeigt: Jakovs Gedächtnis ist nicht nur lückenhaft geworden. Seine Orientierung wird weiter schwinden, seine Sprache versiegen. Herta bemüht sich um Zuversicht, aber je mehr Jakov den Bezug zur Welt verliert und von der Vergangenheit eingeholt wird – einer frühen Liebe, dem Zerwürfnis mit dem Vater –, desto mehr braucht auch sie Unterstützung.
Mit großer Zartheit nähert sich Urs Faes einem Paar unter dem Eindruck der Krankheit. Er erzählt von innigen Momenten und wachsender Entfernung, von Fürsorge und Erschöpfung, von der Verunsicherung, wenn einer sich selbst abhandenkommt und lange Verdrängtes plötzlich wieder Gegenwart wird. Und von der Kraft der Einfühlung, einer Verständigung jenseits der Worte.
(Buchpräsentation Suhrkamp Verlag)
Recensione
69,9 Prozent der Wählerinnen und Wähler im bevölkerungsärmsten US-Bundesstaat Wyoming haben sich Anfang November 2020 für Donald Trump entschieden. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts hatten Herta und Jakov den «Staat mit den hohen Bergketten, den grossen Ebenen, den tiefen Einsamkeiten» mehrfach besucht. Das Land um Thermopolis in Wyoming, wo seine Ex-Frau, seine erwachsenen Kinder und deren Familien leben, war lange Jahre hindurch seine Heimat gewesen. Auch wenn dieser Jakov, dessen Familie aus Masuren stammt und der im Rheinland aufgewachsen ist, immer ein «Vielheimischer» geblieben ist. Erst im Alter trat Herta in sein Leben, erst dann wurden die Weichen gestellt für seine Heimkehr nach Europa und für immerhin zweiundzwanzig gemeinsame Lebensjahre. «Nein, sie hatte nicht nach einem Mann Ausschau gehalten, das gewiss nicht … Aber da war jetzt dieser Jakov Blumental, der ihre Wege so unvermittelt gekreuzt und in ihr etwas wachgerufen hatte, was lange stumm gewesen war». Ihre Umgebung hatte Herta für «überdreht, bekloppt» gehalten, und selbst ihre beiden erwachsenen Töchter fanden es «verrückt», dass zwanzig Minuten in der Halle des Rhein-Main-Flughafens in Frankfurt genügt hatten, einen «Entscheid für ein Leben» zu treffen. Aber so war es. «Jetzt war er da, der zierliche Cowboy».
Das jedenfalls erzählt uns der 1947 in Aarau geborene Zürcher Autor Urs Faes, und wie raffiniert und avanciert er das tut, ist bemerkenswert. Dass dieser hoch angesehene, wenngleich immer wieder auch heftig kritisierte Schriftsteller, dessen erster Roman bereits 1983 erschien, weder geradlinig noch sprunghaft erzählt, ist früh bemerkt worden, und es gilt auch für Untertags. Ein Alterswerk, gewiss, aber eines, das auch die nach 1960 geborenen Lesenden reich belohnt.
Vorgestern, gestern und heute, Zürich und die Innerschweiz, immer wieder Wyoming: Die Zeiten und die Räume, in denen man unterwegs ist, wechseln jäh und greifen dennoch plausibel ineinander – eine filigrane, poröse Textur aus Bewegungen, Beschreibungen, Erinnerungen und Reflexionen. Strukturell funktioniert dieser Roman über die Freuden und die Gebrechen des Alters ähnlich wie Jakovs immer lückenhafter werdendes Gedächtnis, zerstreut und bisweilen ohne Kompass, aber niemals völlig ohne System. Was ist das, jenes bereits im Shakespeare-Motto heraufbeschworene Vergessen und Verdämmern? Es fängt so ganz nebenbei an:
Sie hatte die kleinen Veränderungen kaum beachtet, gerade weil Jakov so aufrecht in seinem Alltag stand, dessen Widrigkeiten mit Humor begegnete. Hatte das sie davon abgehalten, rechtzeitig Abklärungen beim Arzt zu veranlassen? … Wann waren die ersten Anzeichen seiner Krankheit zu lesen gewesen? … Hatte sie nicht sehen wollen, was war?
Es geht bei all der hier erzählten komplizierten Seelen- und Erinnerungsarbeit ganz wesentlich um die Angst, die Sprache zu verlieren. Als Herta und Jakov sich kennenlernten, hatte auch ein Sprachabenteuer begonnen: «Er liebte sein amerikanisches Englisch, wechselte manchmal unvermittelt in ein Deutsch, das fremdartig, wie aus einem anderen Jahrhundert wirkte, das Deutsch seiner Kindheit im Rheinland, mit Wörtern, die lange abgelegt schienen, in Eis oder Torf gelegt.» Doch irgendwann ist sie bereits am frühen Morgen da, die Angst, an diesem Tag wieder Wörter zu verlieren. «Was ist einer noch, wenn er die Wörter verliert? … Wer die Wörter verliert, gehört nicht mehr dazu, fällt aus dem Rahmen, aus dem Lauf des Tages». Manchmal findet Jakov vergessene Wörter wieder – «Lazarus-Wörter, weil sie auferstehen würden wie Tote, wie Lazarus». Aber insgesamt häufen sich die Verluste, da hilft auch keine «Memory-Klinik». Das Fremdsein mitten im Leben nimmt zu, und der Autor weiss das packend und anschaulich zu schildern: ein missglücktes Silvesterbankett im Seerestaurant, ein schmerzhafter Fehler beim Hantieren mit dem Gartenhäcksler, Hilf- und Ratlosigkeit am Steuer: «Noch immer schaute sich Jakov häufig um, musterte, prüfte – angespannt. Dann stoppte er unvermittelt. Sie standen mitten auf der Kreuzung».
Die mit liebevoller und einfühlsamer Zartheit erzählte späte Liebe zwischen zwei sehr unterschiedlichen Menschen wird auf eine harte, immer intensiver werdende Probe gestellt. «Sie hatte längst für sich Bilanz gezogen: Was geht noch, was geht nicht mehr». Jakovs zunehmende Orientierungslosigkeit macht den gemeinsamen Alltag zu einer Art existentieller Bewährungsprobe – wie ist Liebe überhaupt möglich, was hält sie aus, und wie geht das vor sich, jeden Tag und jede Nacht? Herta, die seit langer Zeit in der Spitalapotheke arbeitet, war immer eine bodenständige und praktische Frau. Bis zum Ende bemüht sie sich um Heiterkeit, um Zuversicht und um Glücksmomente im Alltag. Ihre stete Fürsorge bleibt konstant, selbst wenn sie zu immer heftigerer Erschöpfung führt. Manchmal ist Herta hilf- und ratlos, auch weil es in Jakovs europäischer und amerikanischer Vergangenheit schwarze Löcher gibt, wahrscheinlich mit Traumatisierungen verbunden – Gedächtnisstörungen, dissoziative Amnesie, Memory Gaps. Sein erschreckender, oft unvermutet zu Tage kommender Weltverlust, einhergehend mit seinem körperlichen Verfall, vor allem jedoch sein Gepeinigt-Werden durch rätselhafte Gespenster der Vergangenheit zermürben auch sie. Es scheint ein finales Zerwürfnis mit dem Vater gegeben zu haben, auch jahrelang verdrängte Angsterlebnisse im Krieg, und ganz bestimmt eine frühe, intensive Liebe. «Eine Liebe, die untertag überdauert hat? Untertag ist das richtige Wort, dachte sie. Vieles ist untertag». Und nichts klärt sich wirklich: «Wir ahnen, ziehen Schlüsse. Und doch bleibt vieles ungewiss und ungefähr».
Die allerletzte Reise nach Wyoming endet fatal, aber ein bisschen Leben geht immer noch. Leben? Ja, Leben! Am Ende braucht Herta dringend die Hilfe und Unterstützung ihrer Töchter, weshalb sich im fünften und letzten Romanteil die Erzählperspektive ändert: «So lebten sie hin … Herta lebte in dem, was sie als Liebe und Aufgabe zugleich empfand und Dorit und mich mitunter den Kopf schütteln und protestieren liess … So lebten sie ins einundzwanzigste Jahrhundert hinein». Und, wie auch anders: Es kommt, wie es kommen muss und wie man es von den ersten Romanseiten her schon weiss. Jakov stirbt. Tief berührt klappt man das Buch zu, nicht ohne zu spüren: Mit Untertags hat uns Urs Faes ein kostbares Geschenk gemacht. Genauso geeignet für die kühnsten Gipfelphasen des Lebens wie für die Mühen der Ebenen, die bisweilen zweiundzwanzig Jahre dauern können. «Grosse Ebenen» heisst in der Sprache der dort heimischen Algonkin: «Wyoming».