Muttertag
Roman

  1. Juni, der längste Tag des Jahres, halb sechs Uhr morgens, Sonnenaufgang: Ein Sohn macht sich auf den Weg – seine Mutter hat ihn gebeten, ihr beim Sterben zu helfen, wenn die Sonne untergeht am Ende dieses Tages. Er braucht Zeit und frische Luft, also geht er zu Fuß von einer Stadt zur anderen, fünfzehn Stunden lang, und versucht unterwegs, seine Mutter am letzten Tag ihres Lebens endlich zu begreifen. Er erinnert sich an sein Aufwachsen in der Kleinstadt, an ein Leben als Kind dieser Eltern, als Bruder seiner älteren Schwester. Er stellt Fragen und wundert sich; zu jeder vollen Stunde denkt er sich einen möglichen Abschied von seiner Mutter aus. Er schweift ab, beobachtet Vögel, geht. Bis er fast nicht mehr kann und es Abend wird.
    Ralf Schlatter erzählt von einer ganz normalen, unspektakulären Familie, vom Unausgesprochenen und von der Einsamkeit, von immergleichen Mustern und vom Gewicht der Ahnen, aber er tut das mit humorvoller Leichtigkeit, großer Fantasie und wunderbar liebevollem, versöhnlichem Blick – so wird schließlich auch das Schwere leicht.

(Buchpräsentation Limbus Verlag)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 21.09.2020

Ralf Schlatters Erzählung Muttertag beschreibt einen kurzen Zeitraum von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang am 21. Juni. In diesen 16 Stunden wandert der Erzähler von Zürich nach Schaffhausen, mit dem Ziel, der Mutter bei ihrem Freitod zu assistieren. «Mutter, Mutter, was hast du mir da nur eingebrockt», klagt er zu Beginn seines Wegs, der nach und nach zu einer rite de passage wird. Noch einmal geht ihm alles durch den Kopf, was ihn mit Mutter verbindet, oder ihn von ihr trennt. Eines weiss der Erzähler dabei mit Sicherheit: Die Mutter wird man nicht so leicht los, da nützt alles Rebellieren nichts. Ist es Liebe, oder nur Anhänglich- und Abhängigkeit – diese Frage treibt ihn um. Seine schonungslose Rede richtet sich direkt an die Abwesende. Es ist eine ohnmächtige Abrechnung. Bisher aber war es ihm nie möglich, so mit der Mutter zu reden.

Der Weg führt den Erzähler durch das Glatttal nach Eglisau, dann weiter den Rhein entlang zum Rheinfall. Rituell denkt er sich jede Stunde einen Abschied von der Mutter aus. Mal ist es die Idee einer Scheidung (doch kann sich ein Kind von der Mutter lösen?); mal die Vorstellung einer mütterlichen Vergiftung – am Ende aber fällt auch dies auf ihn selbst zurück, als sich ihm das Scheitern der eigenen Ehe mit Nadia ins Gedächtnis zurückruft.

Mit der Mutter geraten auch der bereits verstorbene Vater und die «Zweckgemeinschaft» der perfekten «Bilderbuchfamilie» ins Kreuzfeuer der Erinnerung. Unter dem dominanten Gehabe des zum Chefprokuristen aufgestiegenen Aussenseiters aus «unstandesgemässen» Verhältnissen hatte die Mutter einen schweren Stand. Sie, die ehemalige Lehrerin, blieb als Hausfrau und Mutter stumm und aufopfernd. Einzig die Gefühle blieben ihr Territorium, das sie mit dem «emotionalen Zweihänder» verteidigte. Am Sohn, glaubt dieser, hat sie ihr Werk der stillen Abrichtung vollzogen. Ob nach dem väterlichen Vorbild oder als Rache daran, bleibt dem Sohn nicht einsichtig. All das geht Schlatters Protagonisten durch den Kopf: kreuz und quer, mal nüchtern sachlich, mal erregt aufbrausend ob all der verpassten Chancen, immer wieder auch mit ironischer Distanz. Sprachlich folgt die unerwiderte innere Zwiesprache gewissermassen der Bewegung des endlosen Gehens, wie in einer Trance. Die Schritte geben sprachlich den Takt vor.

Ralf Schlatter porträtiert mit seinem Erinnerungsstrom träfe und genau die Einfamilienhaussiedlung in den 1970er Jahren, als der eigene Traum vom Glück nur auf Kosten der Nachbarschaft glücken konnte. Man trachtete danach, «jemand zu sein», zugleich war man gefangen in der Angst, «die Leute würden das entdecken». Nochmals spürt der Erzähler «die Traurigkeit und die Einsamkeit in unserer Familie, alle auf ihrem eigenen Planeten». In dieser Milieuzeichnung verlieren Mutter, Vater und Sohn allerdings etwas an Kontur. Darin liegt eine Schwäche dieser Erzählung. Die präzisen Detailbeobachtungen verblassen im Gleichstrom der Verallgemeinerung und der bekräftigenden Wiederholung. Vor allem der Erzähler selbst gibt mehr und mehr das Bild eines etwas gar kleinmütigen «Muttersöhnchens» ab. Was dabei zu kurz kommt (ohne allerdings ganz zu fehlen), sind die kleinen Abweichungen von der selbstgesetzten Norm, die Ausbrüche und Haarrisse im familiären Gefüge. Dies schliesst den Sohn mit ein, der erst ganz am Schluss, in Schaffhausen angekommen, den Rebellen in sich erkennt und die versprochene Handreichung verweigert. Er bleibt einfach am Rheinufer sitzen und schaut einem Glühwürmchen zu.

(Beat Mazenauer in «Abschied von der Portalfigur. Mutter von Melinda Breznik, Nacht ohne Ufer von Patricia Büttiker und Muttertag von Ralf Schlatter». Ein Fokus in www.viceversaliteratur.ch, 26.10.2020).