Der Schatten über dem Dorf
Arno Camenisch erzählt in seinem Roman von einem Dorf in Graubünden, das von einer Tragödie überschattet wird. Die Tragödie geschah eineinhalb Jahre, bevor der Erzähler auf die Welt kam. Davon handelt dieses Buch, es ist Arno Camenisch persönlichstes Buch, in einem berührenden Ton und mit grosser Klarheit erzählt Arno Camenisch vom Leben und vom Tod und von den Menschen, die von uns gingen und die wir weiter im Herzen tragen. Es ist ein Buch über den Umgang mit Verlust und das Vergehen der Zeit, und es ist ein Buch über die Zuversicht, dass mit dem Frühling die Sonne wieder ins Leben zurückkehrt.
(Engeler Verlag)
Recensione
Der Schatten über dem Dorf beginnt mit einer nostalgischen Autofahrt des Autors, respektive seines Alter Ego, in das Tal seiner Kindheit und endet mit der Wegfahrt aus diesem. Auf der Hinfahrt, als sein Blick auf die ersten Häuser des Dorfes fällt, erwähnt er den Schatten, der jeden Winter für drei Monate über dem Dorf in der Talsohle liegt. Der Schatten im übertragenen Sinn ist Thema dieses Buches: Alle schrecklichen und schmerzhaften Vorfälle, die das Dorf, seine Familie und ihn persönlich getroffen haben – oder zumindest diejenigen, die er mit seinen Leserinnen teilen will – packt der Autor in die folgenden hundert Seiten.
Hundert Seiten, das ist die übliche Länge eines Buches von Camenisch. In jedem ging es bisher um das Verschwinden von Fixpunkten seiner Kindheit, an denen sich das Dorfleben abspielte und die identitätsstiftende, scheinbar unverrückbare Grössen waren: Die Beiz, die Schule, der Skilift, der Kiosk mit der Tankstelle. Auch im neuen Buch kennt man sich schnell wieder aus: Das Haus der Grosseltern mit der Werkstatt, die jassende Grossmutter, die Fahrten mit dem Mitsubishi über die Pässe, der Bahnhof, an dem die Leute nur aussteigen um umzusteigen.
Einiges ist aber auch anders: Im Mittelpunkt steht dieses Mal kein Ort, kein Gebäude, das geschlossen oder verkauft wird, sondern der Tod, der sich in Ereignissen manifestiert oder in Erinnerung ruft, die sich als Schatten über das Leben im Dorf legen. Für diese Thematik wählt Camenisch eine andere Sprache als seine übliche. Es gibt keine romanischen Einsprengsel und nur wenige Anklänge an das Schweizerdeutsche. Die Form ist eher tagebuchartig, die transportierten Inhalte wirken authentischer. So war es wirklich, will es sagen, und so war es auch wirklich: Der grosse Schatten, der über dem Dorf liegt und der dem Buch wie ein Generalbass unterlegt ist, ist der Unfalltod dreier Kinder im Alter von neun bis elf Jahren im August 1976.
Das schreckliche Unglück traf das Dorf mit voller Wucht, das Dorf war in Schockstarre, und von der Beerdigung erzählte ihm seine Mutter Jahre später, dass sie immer noch diese Schreie von den Angehörigen in der Kirche höre, die in den ersten Bänken sassen, diese schrecklichen Schreie, (...) während die drei Kindersärge vor dem Altar aufgebahrt waren, drei weisse Särge mit weissen Rosen geschmückt…
Der Autor reiht Gedanke an Gedanken in seinem Versuch, dieses Unglück zu rekonstruieren und zu verstehen und herauszufinden, welchen Umgang die Dorfgemeinschaft damit fand. Eine Antwort gibt es nicht, nur eine Beobachtung: Als genügend Zeit vergangen ist, nimmt der Alltag mit seinen gewohnten Tätigkeiten wieder den ersten Platz ein in den Gedanken der Dorfbewohner und das Feuer in der Baumhütte, das den Kindern zum Verhängnis wurde, verblasst zu einer immer ferneren Ahnung.
Wie um die vergangene Zeit nicht zu verlieren, beschreibt Camenisch liebevoll Dinge des Alltags, in dem die Unglücke sich ereigneten. Es sind Dinge, die einem im Strudel der Zeit entglitten sind, die aber sofort wieder in der Erinnerung wach werden, wenn Camenisch sie erwähnt: Der Geruch und die blauviolette Schrift der mit dem Matrizendrucker vervielfältigten Blätter in der Schule, die grauen Kittel der Postautofahrer mit dem PTT-Abzeichen auf der Brust oder die Nüdeli mit Rahmschnitzel.
Die jäh über die Menschen hereinbrechenden Schrecknisse dieses Buches erschöpfen sich nicht im Unglück mit den drei toten Kindern. In seiner Untersuchung des Schattens lässt der Autor auch die Toten in seiner Familie wieder aufleben, die Auto- und Skiunfälle, die Spuren hinterliessen, und die Scheidung der Eltern.
In Camenischs Welt erreicht das Unglück die Menschen immer wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Um diesem Zustand der Machlosigkeit etwas entgegenzusetzen, greifen die Bewohner des Dorfes zu den magischen Praktiken des volkstümlichen Katholizismus: Sie machen Kreuze auf das, was ihnen durch die Launenhaftigkeit des Schicksals gefährdet scheint, die Stirnen der Kinder, das Brot, und zwar unabhängig davon, ob sie noch gläubig sind wie die Grosseltern oder mit der Kirche nichts mehr am Hut haben wie die nachfolgenden Generationen.
Wie schon im Buch Der letzte Schnee, in dem zwei herrlich verschrobene Skiliftler auf Kunden warten, die nie kommen, nennt Camenisch in seinem neuen Buch einen Text, der ihn inspiriert hat: Paul Austers autobiografisches Winter Journal. Darin werden die lebensprägenden Ereignisse über die Veränderungen im Körper erinnert, die mit ihnen einhergingen. Während es Camenisch in Der letzte Schnee auf verschmitzte und hintersinnige Art meisterhaft gelungen ist, die Vorlage von Beckett in die Welt der Surselva zu transponieren, bleibt Der Schatten über dem Dorf allerdings hinter der Vorlage von Auster zurück. Neben gelungenen Schilderungen einzelner Ereignisse ist Camenischs Sicht auf die Vergangenheit als Ganzes zu gewollt nostalgisch, und zum Schluss lässt er die schrecklichen Ereignisse im Leben in einer grossen versöhnlichen Gesamtschau aufgehen:
… wie das Leben allmählich wieder ins Dorf zurückkehrte und vielleicht auch etwas Freude, nach der grossen Katastrophe, wenn man in den Beizen wieder miteinander am Jasstisch sass, am Sonntag in der Kirche die Lieder sang und danach raus auf den Friedhof ging und danach noch etwas auf dem Kirchplatz stehen blieb und miteinander redete, [...] um am nächsten Tag in den Montag zu starten, in eine neue Woche, einen neuen Monat oder in ein neues Jahr, während sich die Wälder verfärbten, der Sommer sich neigte und sich im Herbst der Schatten über das Dorf legte, der kalte Winter kam, der vom Frühling aufgebrochen wurde im März und es wärmer wurde im April und der Sommer schon bald kommen würde [...] nachdem im Mai die Wiesen blühten…
Es mag ja wahr sein, dass alles Schlimme, auch der Tod, zum Leben gehört und die Menschen ihn als Teil des grossen Kreislaufes der Natur akzeptieren lernen und nicht daran zerbrechen. Diese tröstliche Weltsicht, die zum Schluss des Buches präsentiert wird, banalisiert aber das Leiden auch ein stückweit und ist nicht frei von Sentimentalität. In diesem Sinn ist das Licht auf den letzten beiden Seiten des Buches denn auch metaphorisch hell und die Sonne schimmert durch die Wolken. Der Autor hat seiner Kindheit einen Besuch abgestattet und fährt mit einem guten Gefühl zurück in sein Erwachsenenleben, in dem er weiterwebt am Idyll seiner Kindheit, beim Reiten im Jura oder beim gemeinsamen Lesen und Schwimmen am See mit seiner 13-jährigen Tochter.