Die nicht sterben
Roman

Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. «Uns kann niemand brechen», pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden. Als auf dem Grab Vlad des Pfählers, als Dracula bekannt, eine geschändete Leiche gefunden wird, begreift sie, dass die Vergangenheit den Ort noch nicht losgelassen hat – und der Leitspruch ihrer Großtante zugleich der Draculas ist. Die Geschichte des grausamen Fürsten will sie erzählen. Am Anfang befürchtet sie, dass sie die Reihenfolge der Geschehnisse verwechseln könnte. Dann wird ihr klar: Jede Reihenfolge ergibt einen Sinn. Weil es in der Geschichte nicht um Ursache oder Wirkung geht, sondern nur um eines: Schicksal. Inzwischen aber ist es für jede Flucht zu spät.
Dana Grigorcea zeichnet ein atemberaubend atmosphärisches Porträt der postkommunistischen Gesellschaft, die bis heute in einem Zwischenreich gefangen scheint. Ohne Vorwarnung führt sie ihre Leserinnen und Leser ins Herz eines Schreckens, wie ihn nur die eigene Vorstellungskraft erzeugen kann - oder der gestrenge Fürst Dracula.

(Penguin Verlag)

Kampf dem Bösen

di Beat Mazenauer
Inserito il 10.02.2022

Dana Grigorcea erhält einen der Schweizer Literaturpreise 2022 für Die nicht sterben

Vlad III. Dracul alias Dracula, der Pfähler und unsterbliche Blutsauger, gehört gleichermassen zur rumänischen Folklore wie er zum populären Repräsentanten der viktorianischen Schauerromantik wurde. Bis heute gilt er als ambivalente Kippfigur zwischen politischer Heilsgestalt und mythischem Angstmacher. Diese Doppelrolle ist attraktiv, weshalb es nicht erstaunt, dass die in Bukarest gebürtige Dana Grigorcea seit langem schon mit dem Gedanken gespielt hat, den Stoff in einem Roman zu verarbeiten. Unter dem Titel Die nicht sterben liegt er nun vor.

Es beginnt fürs erste alles ganz harmlos. Das Leben im Bergkurort B. in den südlichen Karpaten scheint still zu stehen. Der Bürgermeister schaut wie schon immer besonders gut für sich und seine Klientel. Die Jungen wandern aus und finden immer seltener zurück. Nur eine illustre Schar aus Bukarest geniesst hier seit je die Sommerfrische und bringt dafür etwas Grossstadtflair mit. Man liebt klassische Musik und schöne Malerei, der Geschmack ist exquisit und nur zu gerne mokiert man sich ein wenig über die »Basse-Classerie«, die einfachen Menschen, die ihrerseits sich längst an die Sommerfrischler aus der Hauptstadt gewöhnt haben. Zu diesen zählt auch die Ich-Erzählerin. Sie kennt das Städtchen, seit sie hier als Kind regelmässig im Haus der Grosstante Margot weilte. Damals hatte sie sich hier sogar einmal einen tölpelhaften Schwarm zugelegt, den sie trotz seiner schlechten Zähne küsste im Glauben, gerade deshalb sei es Liebe. An den Ort dieser Erinnerung kehrt sie nun von ihrem Kunststudium aus Paris zurück. Im Dorf geht alles seinen trägen Gang. Doch dann geraten die Dinge auf einmal in Bewegung. Die Erzählerin selbst fühlt sich davon so sehr überrumpelt, dass sie mehrere Anläufe benötigt, um das unheilvolle Geschehen, das sie erlebt, in Worte zu fassen. Mehrfach setzt sie in ihrem Bericht an, hält inne, schweift ab und spannt ihre Leserschaft so auf die Folter, bis sie schliesslich gelobt, «redlich und ohne Umstände» alles zu erzählen, was ihr widerfahren sei. Ob das die gültige Wahrheit ist?

«Madame Didina rutschte einfach aus, wie jeder von uns hätte ausrutschen können», damit beginnt alles. Um keine Umstände zu machen, soll die tödlich Verunglückte auf dem Friedhof von B. in der Familiengruft von Margot und der Erzählerin begraben werden. Unter der Aufsicht des Bürgermeisters wird die marmorne Krypta geöffnet. Die Erzählerin steigt in die Gruft hinunter, um eine Inschrift zu entziffern – und stösst dabei auf einen gepfählten unbekannten Toten, der sich bald als ihr Jugendschwarm entpuppt. Es ist, als ob damit eine Büchse der Pandora geöffnet würde. Weswegen musste er sterben? Und liegt in der Gruft nicht noch ein anderer begraben: Vlad Dracula, der Pfähler? Demnach wäre die Erzählerin seine direkte Nachfahrin. Unvermittelt spürt sie in sich eine Kraft wachsen, über die sie keine Gewalt hat. Sie fühlt sch schwer und zugleich luftig leicht. Der Bürgermeister ist davon nicht beeindruckt, vielmehr sieht er die Zeit gekommen, um seinen alten Traum von einem touristisch lukrativen Dracula-Rummelplatz zu realisieren. Die Dinge beginnen sich heillos zu verwickeln.

Fürst Vlad Dracula gehört zur Geschichte Rumäniens. Dem trägt Dana Grigorcea Rechnung, indem sie das Leben der historischen Figur in ihrem Roman rekapituliert. Dabei differenziert sie im Wissen, dass Dracula zugleich auch die literarische Schauerfigur aus Bram Stokers Dracula-Roman von 1897 ist, wie die Autorin in einem Gespräch bemerkt:

«Stoker wählte diese Gegend als Schauplatz seines Schauerromans, eben weil sie für ihn und seine Leserschaft hinter den Wäldern lag, quasi am Ende der Welt. Von hier versuchte Dracula nach England, in die zivilisierte Welt, zu gelangen, was es mit allen Mitteln zu verhindern galt. Stokers Roman handelte von der viktorianischen Angst vor einer umgekehrten Kolonialisierung. Heute ist Dracula dennoch längst im Westen angekommen. Was ich erzähle, ist deshalb keine typisch rumänische Geschichte, sondern ich verwende eine notorische Figur, die man in Rumänien verortet, um zeitdiagnostisch über die wiederaufkommende, morbide Sehnsucht nach der starken Hand, dem unerbittlichen Führer zu schreiben. Es ist ein Buch über die Geister der Vergangenheit, die jetzt wieder aus dem Grabe kriechen und uns heimsuchen.»

Dana Grigorcea hebt die politische Wahrnehmung in einer spielerischen, zugleich schwermütigen Mischung aus Folklore, Mythos und misslicher Realität auf. Sie ruft Vlad Dracula an, um ihm das Rumänien von heute zu zeigen, und um ihrer Erzählerin, die traumwandlerisch zur Vampirin wird, die Augen zu öffnen. Im Gespräch ergänzt Dana Grigorcea:

«Zum magischen Realismus greife ich aus Bestürzung über die allgegenwärtigen Déjà-Vu-Erfahrungen, wenn es um Rassismus, Chauvinismus, Revanchismus und andere längst besiegt geglaubte Geister der Vergangenheit geht. Wie kann man lauter werden als die schrillen Stimmen der Radikalen? Eben indem man ihnen ihren Meister vorbeischickt, den unerbittlichsten von allen: Dracula!»

Vieles bleibt in diesem Buch kunstvoll rätselhaft, angefangen bei der Erzählerin, die zum Vampir mutiert, sie wird zum nächtlichen Luftwesen. Wenn sie in den Spiegel blickt, bleibt dieser leer. Und das mit leichter Hand gemalte Selbstbildnis wird unversehens eins mit dem Porträt des Fürsten Vlad. Wo wäre hier die Grenze zwischen Wahrheit und Kunst, Traum und Leben, Mythos und Alltag zu ziehen? «Die nicht sterben» hält diese Spannung mit einer erfrischenden Sprache aus, die die realen Verhältnisse mit leiser Ironie einfängt. Dabei lässt sie auch die Bukarester Bourgeoisie nicht ungeschoren, ihren kunstbeflissenen Dünkel gegenüber der Landbevölkerung, der womöglich mit ein Grund für das gegenseitige Misstrauen ist. Andererseits sind Kunst und Kultur ein Gegenmittel gegen die haarsträubenden politischen Verhältnisse, ohne diese allerdings zu ändern. Erst das Eingreifen der Erzählerin schafft eine Brücke, indem sie den volkstümlichen Vlad Dracula nochmals aufleben lässt. Sein Wirken stünde im Dienst der Bevölkerung gegen die korrupten Missstände, lässt sich denken – Rumänien hat lange darunter gelitten. Allerdings lassen die jüngsten politischen Vorgänge erahnen, dass dies noch ein Weilchen so fortdauern wird. Was bleibt, bilanziert die Erzählerin, nun wieder von ihren geheimen Kräften verlassen, gegenüber der abergläubischen Haushälterin der Familie: «Das sei die Kunst des Lebens und die beste Art, das Leben zu feiern: die Freude am eigenen Blick.» In der Literatur und in der Kunst, stimmt die Autorin mit ihr überein, ist dieser Blick am besten aufgehoben.

Rassegna stampa

Dana Grigorcea macht sich in diesem Roman einen maliziösen Spass daraus, alle vertrauten Verhältnisse auf den Kopf zu stellen und ohne Rücksicht auf die Plausibilität alle Konventionen ausser Kraft zu setzen. Mit groteskem Witz und sanfter Komik lässt sie die Welten aufeinanderprallen: die leicht versnobten Bukarester Grossbürger auf die bauernschlauen Zyniker der Provinz, Gegenwart auf Geschichte, Mythen auf Aberglauben. Und im Vorübergehen zaubert sie eine neue literarische Gattung aus dem Hut, wobei es einen lediglich wundert, dass es sie noch nicht längst gibt: den politischen Schauerroman. (Roman Bucheli, in: NZZ, 19.03.2021)