Tiefenlager

Sie zerstreuen, vervielfachen und verteilen sich auf verschiedenen Kontinenten, überall da, wo Konzerne rund um den Globus nach sicheren Orten suchen. Doch angefangen hat alles auf einem alten Bauernhof in Westeuropa in einem Hügelland vor den Alpen mit einer Vision: Kein Mensch wird durch die Strahlung eines Endlagers für nukleare Abfälle getötet. Fünf Leute aus verschiedenen Nationen, eine Krankenpflegerin, ein Kraftwerk-Arbeiter, ein Nuklearphysiker, eine Finanzberaterin und eine Linguistin gründen einen Orden und entwickeln Methoden, das Wissen um die Gefahren des Atommülls verlässlich zu dokumentieren und von Generation zu Generation weiterzugeben.Verunsicherung setzt ein und zwingt den Orden zu erweiterten Aktivitäten, als der vom Konsortium versprochene Bau des Endlagers auf sich warten lässt und der Pachtvertrag gekündigt wird.
Ein literarisch ungemein spannender Roman über eine uns und künftige Generationen bedrohende Materie, eingebettet in interessante Lebensgeschichten der einzelnen Akteur*innen und science-fiction-artig erzählte Zukunftsszenarien.

(Buchpräsentation Wunderhorn)

Decamerone der Deponie

di Peter Utz
Inserito il 25.05.2021

Die Ausgangsfrage ist schwindelerregend: Wie kann man das Wissen über die Gefahren, die von nuklearen Abfällen ausgehen, weitergeben, über Zeiträume, die sich bis in Tausende von Jahren erstrecken? Bald sollen sie zu unseren Füssen eingelagert werden, doch wie künftige Generationen vor ihnen gewarnt werden können, ist ungeklärt. An der Frage arbeiten Experten der Nuklearindustrie. Dabei haben sie für das, was sie im Technokratenjargon «transtemporalen Kompetenzerhalt» nennen, auch schon Strukturen erwogen, die sich am Modell der religiösen Orden orientieren. Denn diese vermochten ihr Wissen über viele Generationen hinweg zu bewahren und tradieren, über Kriege und den Zerfall von Staaten hinweg. Analog sollen von den Endlagerverwaltern bestellte Tempelhüter über ihre strahlenden Schätze wachen, durch die Jahrtausende.

Dieses Konzept denkt Annette Hug mit literarischen Mitteln durch und macht es zum Ausgangspunkt für ein kühnes literarisches Experiment in Romanform. Sie stellt das abstrakte technokratische Denkspiel auf den Prüfstand einer erfundenen Realität, die wir durchaus als die unsere erkennen können, und gibt ihm konkrete Gestalt: Fünf zusammengewürfelte Menschen unterschiedlichster Herkunft finden sich im Jahr 2015 zu einer Kerngruppe zusammen, die – zunächst finanziert durch den «Konzern» der Atomwirtschaft – in einer alten Kiesgrube, nahe einem geplanten Endlager im Opalinuston unter dem schweizerischen Mittelland, den neuen Orden begründen. Die deutsche Finanzberaterin Petra, die philippinische Krankenpflegerin Betty, der russische Nuklearphysiker Anatol, der abtrünnig gewordene AKW-Techniker Kurt und die Linguistin Céline aus Frankreich werden zu einer Gemeinschaft, die das Wissen über die Standorte und Gefahren der Endlager hüten will. Im Rückgriff auf monastische Ideale verpflichtet sich der «Orden», den sie gründen, zur Askese und zur Opferbereitschaft. Schon bald erhält er den Zuzug von neuen Mitgliedern. Als der Konzern das Experiment bereits nach zwei Jahren abbricht, ist der Funke schon übergesprungen: Ausgestattet mit neuen Finanzmitteln verteilt der Orden seine kleinen Zellen über alle Kontinente, bis hin nach Südamerika und in die chinesische Wüste, in welche Céline am Schluss des Romans aufzubrechen sich anschickt. Mehr noch als der Orden selbst scheint die ihm zu Grunde liegende Idee nicht mehr aus der Welt zu schaffen, weiter auszustrahlen wie der Atommüll im Untergrund, den sie sichern soll.

Das Szenario klingt in dieser zusammenfassenden Verkürzung reichlich idealistisch. Doch die realistische Redlichkeit des Romans ist es, dass er sein Experiment mit differenziert geschilderten Personen in konkreten sozialen Verhältnissen ansiedelt, in denen auch seine Schwierigkeiten und Widersprüche erscheinen. So die Anfeindungen, denen sich der Orden mit seinem Geheimnis aussetzt, der hohe Preis der Beziehungsaskese innerhalb der Gruppe und deren gelegentlich sektiererische und esoterische Tendenzen. Zudem muss die höchst heterogene Truppe auch zu einer eigenen Sprache finden, nicht nur zur direkten Verständigung, sondern auch für ihren Kernauftrag: In welcher Sprache oder mit welchen Piktogrammen kann das Wissen weitergegeben und auch in einer allerfernsten Zukunft noch lesbar gehalten werden? – Die Linguistin Céline ist insofern die heimliche Hauptfigur des Romans. Sie postuliert, dass ohne Sprachreflexion, ja ohne eine «weltumspannende Ur-Grammatik», die Mission des Ordens niemals erfüllbar sei. Annette Hug macht so auch in diesem neuen Roman Mehrsprachigkeit und Mehrstimmigkeit sowie das Problem des Übersetzens zum Thema, nach dem faszinierenden, mehrfach ausgezeichneten Wilhelm Tell in Manila. Gegenüber der universellen Bedrohung, die vom Atommüll ausgeht, wird jedoch die Vielfalt der Sprachen statt zu einer Chance zu einer Gefahr. Eine babylonische Sprachverwirrung droht. Zur Hybris der Atomwirtschaft und ihren Tiefenlagern würde der Kafka-Satz passen: «Wir graben den Schacht von Babel».

Die komplementäre Gegenfigur zur «Schriftgelehrten» Céline ist die philippinische Krankenschwester Betty Wang, mit deren Lebensgeschichte der Roman eindrücklich anhebt. Sie wird in Honkong als Privatpflegerin eines moribunden Chinesen ausgebeutet und findet sich dabei in der prekären Gesellschaft anderer Hausangestellter am Sonntag in den zugigen Großstadtstrassen. Aus dieser Biographie wird man später als «Vita of Betty Wang» gleich auch eine Art Gründungslegende des Ordens machen. Sie wäre eigentlich ein eigener Roman, und man könnte sich gut vorstellen, ihn als solchen zu lesen, gerade auch weil die Autorin hier alle Register einer differenzierten Figuren- und Situationszeichnung entfaltet. Doch macht sie daraus nur eine Art Zugangsstollen, durch den hindurch man erst in das «Tiefenlager» der Hauptgeschichte hineingelangt, was den Einstieg lohnend, aber nicht ganz leicht macht.

Von der Hauptgeschichte des Ordens treibt sie dann fünf weitere Stollen nach vorn. Eine umgestülpte Novellensituation, ein Decamerone der Deponie. Denn die fünf Gründer erzählen der Ordensgemeinschaft, wie sie sich die Zukunft mit dem strahlenden Müll vorstellen. Fünf Zukunftserzählungen, fünf unterschiedliche Projektionen: Das Spektrum reicht von der schwarzen Dystopie einer durch einen grossen Krieg aufgelösten staatlichen Ordnung bis zur grün eingetönten Vision einer pazifistischen Welt. In ihr wäre es dem Orden gelungen, seit Generationen das Wissen über die Strahlung weiterzugeben, auch indem er dafür immer neue Sprachformen findet: «französische Wortkerne malaiisch konjugieren, japanisch-persische Schachtelwörter bilden». Sprachliche Kreativität wird zum Mittel zur Bewältigung der Zukunft.

Das gilt auch für den Roman als Ganzen, der das Gedankenexperiment zu einem Erzählexperiment macht. Er erprobt, in welchen Formen man in die Zukunft erzählen kann, und begnügt sich dabei nicht mit postapokalyptischen Szenarien, wie sie das Thema nahelegen würde. Die letzte Binnenerzählung schickt Céline als Audiokassette von der Grenze der chinesischen Wüste. Eine akustische Flaschenpost aus einer ungewissen Nach-Gegenwart, fast lyrisch, angereichert mit so vielen literarischen Zitaten aus verschiedenen europäischen Literaturen, dass die Verfasserin noch einen entsprechenden Nachweis samt ihren Übersetzungen nachschiebt.

Mit dieser letzten Variante des Erzählens aus dem Orden heraus endet das Buch im Offenen. Dies entspricht seinem mehrstimmigen und mehrsprachigen Charakter. Die Vielfalt der Figuren, Stimmen und Erzählschichten macht die Lektüre recht anspruchsvoll. Damit zeigt das Buch jedoch an, dass es eine einfache Lösung für dieses komplexe Problem nicht geben kann. Das Buch ist kein versiegeltes Endlager, sondern ein vielfach verzweigtes, auf allen Kontinenten angesiedeltes Beziehungsnetz, wie der Orden, den es darstellt. Wir erfahren beim Lesen: Das Endlagerproblem lässt sich mit technokratischen Mitteln allein nicht lösen. Es ist eine gesellschaftliche und kulturelle Aufgabe, in der weitreichendsten Bedeutung des Worts. Denn nur ein lebendiges Wissen, das sich offen weiterentwickelt und das in immer neuen Anläufen seine Sprache sucht, kann eine Zukunft sichern, in die wir unseren strahlenden Müll schon eingelagert haben.