Feuerland Roman
Die wahre, weltumspannende Geschichte eines einzigartigen Buchs
Thomas Bridges wächst als Ziehsohn eines britischen Missionars am südlichen Ende Südamerikas auf, unter den Kindern der Yamana. Fasziniert von der reichen Welt und Sprache dieses Volkes, beginnt er, obsessiv ihre Wörter aufzuschreiben. Diese wertvolle Sammlung, sein Buch, wird ihm Jahrzehnte später gestohlen und fällt dem deutschen Völkerkundler Ferdinand Hestermann in die Hände. Hestermann spürt, dass er es mit einem einmaligen Schatz zu tun hat. Er verschreibt ihm sein Leben. Als in den 1930er Jahren die Nationalsozialisten beginnen, Bibliotheken zu plündern, begibt er sich auf eine gefährliche Reise, um das Buch in Sicherheit zu bringen.
(Buchpräsentation dtv)
Recensione
«Als ich mich entschied, die Biografie des Yamana-Wörterbuches zu schreiben, war ich anfangs versucht, die Wahrheit herauszufinden. Aber dann dachte ich an den eiskalten Windstoss und an die wunderbare Wirklichkeit, die jenseits von Wahrheit und Erfindung existiert hatte und die bereits niedergeschriebenen war in meinen Notizen».
Das schreibt der Autor M.H. auf den letzten Seiten des Romans Feuerland unter dem Titel «Anmerkung zur Geschichte». Und diese letzten Seiten, diese «Anmerkung zur Geschichte», lesen sich mit einer gewissen Erleichterung. Während des ganzen Romans fragt man sich nämlich, wie man diese Geschichte einordnen soll. Was soll man glauben? Was soll man von dieser Geschichte halten, was von den beiden Hauptfiguren Thomas Bridges und Professor Dr. Hestermann?
Die «Biografie eines Wörterbuches» hört sich nicht nach einem Abenteuerroman an – erstaunlich spannend aber ist Feuerland, der zweite Roman von Michael Hugentobler. Er ist in der Tat die Biografie eines Wörterbuchs, das Wörter der Sprache der Yamana, einem Ur-Volk auf Feuerland an der Spitze Argentiniens, verzeichnet. Das Wörterbuch ist tatsächlich die eigentliche Protagonistin in Feuerland, die alle weiteren Figuren und Handlungsstränge miteinander verwebt.
Auch zwischen den zwei Zeitebenen im Roman fungiert das Wörterbuch als Bindeglied; einerseits Binnengeschichte, erzählt von Thomas Bridges in den 1880er-Jahren, andererseits die Geschichte um Professor Dr. Hestermann, dem das Buch gut 50 Jahre später in die Hände fällt. Im Jahr 1886 überquert Thomas Bridges, ein Waisenkind, das von einem Pfarrer aufgezogen wurde, zum zweiten Mal den Atlantik mit dem Ziel «Feuerland». Dort lebte er viele Jahre mit dem Volk der Yamana und studierte deren Sprache. Auf der Überfahrt führt er eine Kiste mit Notizzetteln, auf denen er Wörter notiert hatte, die er «die Kiste meiner Sorgen» nannte. Sie beinhaltete alle Wörter, die noch keinen Einzug in sein Wörterbuch gefunden hatten, und da er mit ihnen nichts anzufangen wusste, beschloss er, dass sein Werk vollendet war.
Eben dieses Buch mit dem blauroten Einband findet kurz vor Kriegsbeginn der ehemalige Pater und Professor der Volkskunde an der Universität Münster Dr. Hestermann. Der Versuch, das Buch vor den Fängen der Nationalsozialisten zu bewahren, führt ihn auf seine Reise in die Schweiz, wo er in einem Schloss in Fribourg nicht nur das eine Buch, sondern viele weitere vor deren Vernichtung rettet.
Leserinnen und Leser verfolgen den Weg dieses Buches, das so seltsame Wörter wie ūūarākū («eine Form der Gleichgültigkeit, wenn jemand kein Bedürfnis empfand, ein verlorenes Ding wiederzufinden») oder tūmūhaimana («jemandem vorwerfen, allzu stolz zu sein, oder in der Tiefe des Wassers verschwinden, als wäre man ein Stein») verzeichnet, durch die Hände von Bridges und Hestermann. Die Biografie des Buches ist gespickt von wundersamen Vorfällen, skurrilen Figuren wie auch akkurat recherchierten Fakten und Detailwissen. Beide Hauptfiguren, Bridges und Hestermann, sind unübliche Romanhelden – weder besonders sympathisch, noch besonders heldenhaft, ziemlich verschroben und wunderlich, doch irgendwie faszinierend. Diese Eigenschaft teilen sie übrigens auch mit dem Helden aus Hugentoblers erstem Roman Louis oder der Ritt auf der Schildkröte, der auch eine unübliche Abenteuergeschichte erzählt.
Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto augenscheinlicher wird die Besonderheit des Wörterbuchs. Hestermann fühlt sich durch das Buch mit dessen Vorbesitzer verbunden, wie die Überleitung vom ersten zum zweiten Teil zeigt: «Wer war er nun, der mysteriöse Doppelgänger, der vermeintliche Schatten aus der Vergangenheit, dem sich Hestermann in abgöttischer Bewunderung verbunden fühlte?».
Gegen Ende des Romans wird das Wörterbuch immer lebendiger. So ist es Hestermann, als ob sein eigener Puls der Puls des Buches sei. Und als er das Buch in seinem Hosenbund verschwinden lässt, um es zu verstecken, heisst es «und es schien sofort zu verschwinden, da Hestermanns Bauch nichts als eine hohle Wölbung nach innen war, das Buch wurde sozusagen zu einem Teil von ihm selbst». So ist es auch kaum verwunderlich, dass das Ende des Buchs gleichzeitig das Ende des Romans und das Ende von Hestermann bedeutet.
In Feuerland werden wunderliche Geschichten mit Humor und einem Augenzwinkern erzählt. Es wird aber auch viel über Sprache, über Wörter und deren Bedeutung nachgedacht. Feuerland verhandelt Fragen nach der Kraft von Ausdrücken, nach der Hinterlassenschaft der Sprache und nach der Notwendigkeit der Katalogisierung der Welt. Gleichzeitig entführt es uns in die Vergangenheit und in die Ferne, in fiktive und reale Welten. Oft werden Widersprüche erzeugt durch die Nennung realer Orte und der Erzählung von wunderlichen Handlungen. Das Buch ist bevölkert von schrulligen Figuren, die meist beinahe karikiert wirken. Es gibt Szenen, die in ihrer Comicartigkeit irritieren, und bisweilen wünscht man sich etwas mehr Halt und Tiefe. Aber Hugentobler ist ein fantastischer Erzähler, dem klar ist, dass die Suche nach Wahrheit in der Fiktion enden muss. Die «Anmerkung der Geschichte» zum Schluss, die ihn, M.H., als Autoren inszeniert, dem ebendiese Geschichte einst in Argentinien erzählt wurde – natürlich nicht genauso – schliesst den Bogen dieses ewigen Kreises zwischen Fiktion und Wahrheit, aus dem es keinen Ausweg gibt.