Oder?
Roman

Alice Kneter und Charli Uetz haben ein Problem: Sie sind schlecht verzählt. Also nehmen die beiden schwierigen Töchter das Heft selbst in die Hand und begeben sich auf die Suche nach ihrem Autor. Oder? ist das Logbuch einer seltsamen Reise, die von den Luchswiesen über den Peloponnes und wieder zurück in die Fantasiewelt Oerlikon führt. Auf ihrer Reise lernen Alice und Charli viele neue Freunde kennen: Die Punkfrau und den Punkmann, den Detektiv Alabanda und die Sängerin Fernanda, den geheimnisvollen Baron Nöldi, die Gregorios und einen Kondukteur, wo etwas melancholisch ist. Es gibt auch einen Kellner! Und irgendwann, irgendwann werden sie ihn finden. Und dann brätschts.
Oder?, Judith Kellers erster Roman, balanciert souverän auf der Grenze zwischen Nouveau Roman und Sesamstrasse.

(Buchpräsentation Der gesunde Menschenversand)

Potentielle Geschichten

di Beat Mazenauer
Inserito il 03.05.2021

In ihrem zweiten Buch erzählt Judith Keller von der Suche nach einem Vater. Die «schwierige Tochter» Alice Kneter geht zusammen mit ihrer Freundin Charli den familiären Spuren nach, die in viele Richtungen führen.
Oder Judith Keller erzählt die Geschichte von Alice und Charli, die sich in Oerlikon obdachlos eine Nacht um die Ohren schlagen und mit ihren dialogischen Fantasien in Geschichten, Wünsche, Projektionen abdriften, ohne noch auf eine lineare Erzählung zu achten.

Oder Oder? ist die Geschichte von Menschen verschiedener Herkunft, wie Alice und Charli oder dem Rothenbühler (der eigentlich trinkbar ist), dem Baron Nöldi und dem Detektiv Alabanda, die sich gemeinsam in einer Geschichte ohne Plot einzurichten versuchen; selbst Roger Federer findet am Rande darin Platz.

Oder Judith Keller erzählt à la bande die Thrillergeschichte mit dem besagten Detektiv, der den Spuren eines nicht gesicherten Falles nach Griechenland und anderswohin folgt, der Frage «Wem dient Kneter?» nach. Vielleicht brätscht's sogar.

Oder schliesslich könnte der Roman Oder? ein moderner homerischer Gesang über die Suche nach einem Zuhause sein, das sich hinter immer neuen Wendungen verbirgt und unerreichbar wird. Aus Charli wird dabei Charybdis und aus Alice eine Allyks alias Skylla. Das Nadelöhr des Erzählens erweist sich als turbulent und schmal.

Diese Variation einer kurzen Inhaltsangabe demonstriert: Wer Judith Kellers Buch nacherzählen will, gerät leicht ins Mutmassen über viele Optionen, die sich darin eröffnen. Gesichert scheint einzig, dass sich Alice Kneter mit Nachdruck als Protagonistin und als poetisches Ich zu erkennen gibt, und dass Charli ihre Freundin ist. «Vom Plotte befreit» geht es ihnen offenkundig «gar nicht schlecht, danke». Nur:

Wie aber kam Alabanda genau zu dieser Taxifahreruniform? Antwort: Es war gar nicht so kompliziert. Wir schrieben es einmal so hin und schwups hatte er sie. Schwieriger eher, dass sie nicht passte. Darin bestand die Kunst.

So geht es in diesem Buch zu und her. Grundsätzlich gilt der Satz: «Wir entwickelten uns in eine andere Richtung.» Mit Oder? legt Judith Keller einen Roman vor, der keiner ist und eigentlich gar nicht hätte erscheinen sollen, weil der Verleger gleich eingangs dem Manuskript in einem Briefe die Absage erteilte mit dem Argument, dass es eben kein Roman sei. «Nichts für ungut», entschuldigte er sich, worauf die Autorin vermutlich mit einer solchen Hartnäckigkeit reagiert hat, dass dieser (Nicht-)Roman eben doch in der Edition spoken script erscheinen kann. So ist eben alles möglich, gerade weil die Kapitelüberschrift «Es ist möglich» durchgestrichen ist, wie auch «Es ist kompliziert.» Aber darauf kommt es nicht an, denn das Fragezeichen steckt ja schon im Titel.

Der Form nach erinnert Oder? stark an Judith Kellers Debüt Die Fragwürdigen. Darin erzählte sie einen Reigen von manchmal mehrseitigen, sehr oft einsätzigen losen Geschichten. Daran schliesst Oder? an, jetzt aber unter der Genrebezeichnung «Roman», die wie eine burleske Behauptung auf dem Cover steht.

Wie auch immer: Oder? ist ein komisches Buch, eine experimentelle Spielanordnung und ein Stück potentieller Literatur. In ihm steckt eine Fülle von Episoden, Partikeln, Dialogen und Behauptungen im Stadium des noch auszubrütenden Eies – wobei sich die Autorin vornehm zurückhält und dieses Ausbrüten getrost der Lektüre überlässt.

Dabei erweist sich Oder? kaum als ein Wohlfühlbuch für die behagliche Lektüre bei Regenwetter oder am Strand, es ist eher ein raffiniertes Vexierspiel darüber, wie sich Geschichten unter der Hand der Autorin entwickeln und ihrer Kontrolle gleich auch wieder entgleiten, um eigendynamisch immer neue Volten zu schlagen. Wer sich dem Buch hingibt, muss sich einiges gefallen wie einfallen lassen. Die Leserinnen und Leser werden gefordert, durchaus zu ihrem Vergnügen, wenn sie dazu bereit sind.

Der (bedauernswerte?) Lektor Philipp Theisohn ordnet das Buch im Nachwort als zentrales Mittelstück in ein fünfbändiges Ganzes ein, die «sogenannte Kneterologie», die noch im Entstehen sei. Soweit könnte es tatsächlich kommen, auch wenn angesichts der Wendungen, die das Projekt bisher genommen hat, ein anderes Resultat möglich ist. Im besagten Nachwort nimmt Theisohn auch eine stilistische Einordnung von Kellers Prosa «zwischen Nouveau roman und Sesamstrasse» vor und verweist speziell auf ihre «charybdische Schreibtechnik» und homerische Mystifikation. Genau so liesse sich das Buch treffend begreifen. Oder nochmals anders. Oder nicht?