Señor Herreras blühende Intuition
Roman

Ein Schriftsteller zieht sich in ein abgelegenes Kloster in Spanien zurück. Doch sonderbarerweise scheint alles, was er dort erlebt, aus einem seiner Romane zu stammen. Der Koch des Klosters, ein ehemaliger Matador, bestärkt den Schriftsteller noch darin, dass er alles schon vorhergesehen hat. Im Verlauf der turbulenten Geschichte schaukeln sich die beiden immer weiter in eine alternative Wirklichkeit hinein, bei der am Schluss aus einer spanischen Zisterzienser-Nonne eine deutsche Textildesignerin wird, die ein Problem mit der Mafia hat. Oder ist es vielleicht wirklich so?
Ein turbulenter Roman über Wahrheit und Phantasie, Schein und Sein, Yoga und Dichtung – so poetisch, witzig und schräg wie ein Film von Pedro Almodóvar.

(Buchpräsentation Galiani Verlag)

Recensione

di Flurin Beuggert
Inserito il 19.04.2021

Linus Reichlins Roman über den Aufenthalt eines Schriftstellers in einem abgelegenen Zisterzienserinnenkloster im Süden Spaniens bietet nicht die ruhige Atmosphäre, die das Setting dem Protagonisten – und der Leserin – verspricht. Vielmehr ist eine rasante, fantasievolle und schräge Erzählung über die merkwürdigen Erlebnisse eines erholungssuchenden Autors und eines sonderbaren spanischen Hoteliers, voller komisch-skurriler Erkenntnisse über Yoga und Katholizismus, Poesie und Stierkampf, Literatur und Leben.

Um endlich etwas Ruhe zu finden und seinen chronisch hohen Ruhepuls zu senken, bucht der deutsche Schriftsteller Leo Renz einen dreiwöchigen Aufenthalt in einem Kloster irgendwo in der andalusischen Pampa. Die Voraussetzungen für einen entspannten Urlaub scheinen ideal: Nicht nur die abgeschiedene Lage des Klosters, auch die Tatsache, dass die vier im Kloster verbliebenen Nonnen als «Zisterzienserinnen strenger Observanz» allesamt ein Schweigegelübde geleistet haben, deuten auf einen idyllischen Urlaub hin. Nur nebenbei will Renz für seinen neuen Roman recherchieren, der ebenfalls in einem Kloster spielen soll.

Schon beim ersten Abendessen ist es aber vorbei mit der Idylle: Zwar ist Renz der einzige Gast im schönen Klostergarten, spätestens mit dem Auftritt des Gästeverwalters und Kochs des Klosters, Señor Herrera, merkt Renz, dass hier etwas nicht stimmt. Nicht nur die unterirdischen Kochkünste Señor Herreras, der ein «Talent zur Dearomatisierung traditioneller Speisen» besitzt, sondern vor allem dessen exzentrische, direkte Art irritieren Renz.

Noch sonderbarer wird’s aber, als Herrera Renz auf die unzähligen Parallelen zwischen dem fiktiven Kloster in Renz’ geplantem Roman und dem realen Kloster Santa María de Bonval aufmerksam macht. So steht im Zentrum von Renz’ Romankonzept eine falsche Nonne, die im Rahmen eines Zeugenschutzprogrammes in einem Kloster versteckt wird. Genau so eine falsche Nonne versteckt sich auch in Santa María de Bonval, davon ist zumindest Herrera überzeugt. Wieso sonst sollte eine skandinavisch aussehende junge Frau in ein Zisterzienserkloster im Süden Spaniens eintreten? Für Herrera ist klar: Die Nonne Anna María versteckt sich hier vor der Mafia. Ebenso sicher ist er sich, dass Renz mehr darüber weiss, als er zugibt. Schliesslich schreibt er ja gerade ein Roman darüber.

Nachdem kurzzeitig sogar Renz selbst unter Verdacht fällt, ein Auftragskiller zu sein, der von der Mafia zur Beseitigung der falschen Nonne geschickt wurde, verbünden sich die beiden und verschreiben sich der Aufklärung von Ana Marías Geheimnis. Ihr Misstrauen ist sodann auch gleich geweckt, als ein weiterer Feriengast im Kloster eintrifft: Seltsamerweise trägt die ebenfalls deutsche Urlauberin genau denselben Namen wie Renz’ Frau und hat auch sonst erstaunlich viele biografische Ähnlichkeiten mit ihr.
Nach anfänglicher Verwirrung sind sich Renz und Herrera sicher: Sie muss die geschickte Auftragsmörderin sein, welche Schwester Ana María aus dem Weg schaffen soll. Dank Renz’ Beobachtungskünsten und Herreras Improvisationsgeschick, das ihm schon zu seinen Zeiten als Stierkämpfer geholfen hat, versuchen sie, dies mit allen Mitteln zu verhindern und Schwester Ana María zu beschützen. Und wenn die beiden Protagonisten nicht mehr weiterwissen, erinnert Herrera Renz einfach an sein Romankonzept: «Das steht alles in Ihrem Roman».

Einige dramatischen Wendungen, eine Übungslektion im Stierkampf und einen Einbruch im Kloster später scheint dann alles doch ganz anders zu sein, als die beiden angenommen haben. Die turbulente Handlung macht beim Lesen aber zunehmend unsicher, wer hier eigentlich die Kontrolle über die Geschichte behält: Ist es Renz, der wie Herrera glaubt, ja sozusagen in die Handlung seines eigenen Romans gezogen wird? Oder ist es Herrera, der mit seiner blühenden «Intuition» die Handlung erfindet? Und wer treibt hier ein Spiel mit wem: Der Autor mit seinen Lesern, die Romanfigur mit dem Erzähler, die Fiktion mit der Wahrheit oder umgekehrt?

Klar wird einzig, dass für Renz in diesem Kloster keine Erholung möglich ist. Da helfen auch die Yogaübungen nicht mehr, die ihm seine Frau empfohlen hat. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, da Renz allmählich merkt, dass nicht zu wenig, sondern eher zu viel Entspannung seine Herzprobleme auslöst. So scheint auch der Vorwurf des baskischen Taxifahrers, dass der Autor sich hier nur aus Urlaubslangeweile in eine absurde Fantasie stürzt, durchaus plausibel.

Auf jeden Fall greift Erzählung und Erzähltes immer mehr ineinander über; die Grenzen zwischen dem schreibenden und erlebenden Renz verschwimmen zunehmend. So nimmt der Erzähler bereits die Reaktion von Literaturkritikern vorweg: «Hier merkt man dem Roman leider die Konstruktion an». Oder er überlegt sich, wie die Leser auf die aktuelle Handlung reagieren: «Wenn jetzt keine dramatische Wendung den Leser wieder weckte, drohte der Roman den Büchner-Preis zu gewinnen, womit die Chancen auf eine Verfilmung durch Netflix gegen null sanken.»

Es sind diese entlarvenden Beobachtungen und die augenzwinkernde Ironie, die dieses zuweilen etwas angestrengte Metaspiel durchaus unterhaltsam machen. Zudem ist der Roman voller überraschender Wendungen, wunderbar skurriler Einfälle und amüsanter Beobachtungen über das Schriftsteller-Dasein, den Literaturbetrieb, ja das moderne Leben ohnehin. Wer all diesen Wendungen und Irrwegen mit Offenheit und Lust am Absurden folgt und nicht wie Renz selbst in voller Fahrt aus dieser kurvigen Fantasiereise hinausspringt, wird bis am Schluss bestens unterhalten. Und wenn die Erzählung am Ende noch um eine Metaebene reicher wird, als Herrera – nun in Gestalt einer Motelbesitzerin aus Norwegen – als Zuhörerin an einer Lesung des Autors auftritt, ist die komplette Vermischung von Geschehen und Geschichte, von Literatur und Leben vollzogen.