Krumholz
Roman

Die ländliche Schweiz im frühen 20. Jahrhundert, an der Schwelle zur Moderne: In seinem kunstvoll komponierten Roman erzählt Flavio Steimann vom Schicksal zweier Menschen, die ihren Verhältnissen nicht entkommen konnten, obwohl ein bescheidenes Glück zum Greifen nah schien – inspiriert von einem realen Verbrechen aus dem Jahr 1914.
Agatha verliert früh ihre Eltern. Taub geboren, muss sie sich ihr Leben ohne Laute erschließen und wird eine umso genauere Beobachterin. Sie wächst in einer «Armen- und Idioten-Anstalt» auf und findet als junge Frau schließlich Arbeit in einer Textilfabrik. Dieses erste Aufblühen endet jäh, als bei ihr Tuberkulose festgestellt und sie zur Erholung aufs Land geschickt wird. Täglich geht sie mit ihrem Stickzeug in den Wald – aus dem sie eines Tages nicht mehr zurückkommen wird.
Zenz stammt ebenfalls aus ärmsten Verhältnissen. Verstoßen und verwahrlost, schlägt er sich mit Lügen und Stehlen durch. Auch er glaubt ein besseres Leben gekommen, als es ihn in Künstlerkreise nach Paris verschlägt. Doch dann muss er zurück in seine Heimat, wo er fortan in den Wäldern haust. Eines Tages trifft er dort auf Agatha.

(Buchpräsentation Nautilus Verlag)

Wörter tönen, Sätze tanzen

di Daniel Rothenbühler
Inserito il 31.05.2021

«Auch das Kind wird nicht lange leben», beginnt Krumholz mit dem Urteil des Dorfarztes Widerspan über die eben geborene Protagonistin des Romans. Die vorausdeutende Eröffnung erfüllt sich im Weiteren, nur eben anders, als Widerspan meint. Die Neugeborene wird nicht lange leben, aber sie überlebt neben ihrer Mutter, die an der Geburt gestorben ist, auch ihren Vater, den Bauern Klausert, der sich erhängt und in der selbst gelegten Feuersbrunst seines Hofs als «verkohlte Puppe» endet.

Dramatisches Feingespür

Früh aber wird das verwaiste Kind dann doch sterben, als junge Frau, kaum zwanzig, ermordet von einem einsiedlerischen «Waldmenschen». Die beiden begegnen sich im Krumholz, einer stillen Waldlichtung, wo die lungenkranke Textilarbeiterin zu stricken und zu nähen pflegt. Ihr zufälliges Aufeinandertreffen wird auch dem Mörder den Tod bringen, unter dem Fallbeil, nach einem zweitinstanzlichen Todesurteil und der Ablehnung seiner Begnadigung durch das Kantonsparlament. Beim Prozess erfahren wir, dass er – Ironie des Autors – Innozenz Torecht heisst. In seinem Rufnamen Zenz scheinen Unschuld wie Rechttun verloren gegangen zu sein, sein Opfer Agatha hingegen, «die Gute», bleibt ihrem Namen bis zum Tod gerecht.

Die tödliche Begegnung, Höhe- und Wendepunkt im Schicksal der beiden, ereignet sich genau in der Mitte des Romans. Auf den hundert Seiten zuvor folgt der Roman der Entwicklung Agathas von der Geburt bis zum Tod, auf den fast hundert Seiten danach begleitet er Zenz in dessen Gefangenschaft bis zu seiner Hinrichtung, wobei er mit den Erinnerungen und Träumen des Gefangenen, seinen Auskünften vor Gericht und den Aussagen der Belastungszeugen immer wieder bis in seine Kindheit zurückschreitet.

Als Theaterautor beherrscht Steimann die Dramaturgie von Entscheidung und Enthüllung und hat zugleich das dramatische Feingespür, gerade die Hauptereignisse, Geburt, Mord, Hinrichtung, nicht unmittelbar zur Darstellung zu bringen, sondern im Vor- und Nachhinein zu evozieren. Feinsinn zeigt er auch darin, dass er den westernhaft wirkenden Gegensatz zwischen Agatha, der Guten, und Zenz, dem Bösen, bis zum Schluss immer deutlicher nuanciert, so dass Zenz zwar nicht wieder zum Innozenz wird, wohl aber als Unglücksmensch erscheint, geschädigt und gedemütigt durch familiäre und soziale Missstände wie sein Opfer. Beide erfahren in ihrem Leben Gewalt, Misshandlung und Verstossung durch eine Gesellschaft, die sich christlich nennt und jede Devianz pharisäisch ahndet.

Gefühl fürs Absurde

Zur Romanhandlung inspiriert wurde der Autor durch die Geschichte der letzten Hinrichtung im Kanton Luzern im Januar 1915. Zum Tode verurteilt wurde der Landstreicher Anselm Wütschert damals aufgrund der Ermordung und Leichenschändung der zwanzigjährigen Textilarbeiterin Emilie Furrer im Hölzliwald beim luzernischen Krumbach. Steimann geht frei mit der historischen Vorgabe um und verschiebt auch den realen Hölzliwald bei Krumbach ins literarische Krumholz. Mit dieser Bezeichnung trifft er neben dem Ort des zentralen Ereignisses metaphorisch auch die Hauptfiguren, die schon in ihrer Kindheit krumm- und kleingemacht werden.

Wie aber Krumholz noch in der Krümmung und im Kleinen spriesst und wächst, lassen auch sie sich nicht verkümmern, sie wehren sich, jede auf ihre Weise. Agatha trotzt den Wirr- und Widernissen ihrer Umwelt in stummer Gestik, Zenz weicht ihnen in wortreicher Konfusion aus, bis hin in seine Waldeinsamkeit. Im Unterschied zur historischen Emilie wächst Agatha in Taub- und Stummheit auf und wird zum Augenmenschen, nimmt in sprachlosem Wahrnehmungshunger wahr, was sie umgibt. Zenz hingegen erscheint als Ohren- und Zungenmensch, der alle ihn umschwirrenden Diskurse aufgreift und in seinem Sprechen durcheinanderbringt. Dieses Durcheinander ist so gross, dass er so wenig zu sagen vermag, warum er zum Mörder geworden ist, wie Meursault in Albert Camus’ Der Fremde. Und wie jener wird er schliesslich vor allem deshalb guillotiniert, weil er den moralischen Vorhaltungen seiner Richter gegenüber gleichgültig zu bleiben scheint.

Das Gefühl fürs Absurde der Welt, in der Agatha und Zenz leben und zu Tode kommen, bringt Steimann aber auf ganz andere Weise zum Tragen als Camus jenes in der Welt Meursaults. Er lässt die Dinge der Zeit um 1914/15 in fast unstillbarer Detailversessenheit, sorgfältigster Sachangemessenheit und mitreissendem Wortreichtum lebendig werden. Worauf er damit abzielt, lässt er uns in der Art vermuten, wie er das Mädchen Agatha die Dinge wahrnehmen lässt. Nichts sei «vor seinen Augen sicher», schreibt er: «Mit der unbrechbaren Kraft des Trotzenden verkehrt das Kind das Schauen, macht alles Grosse klein und alles Hohe zu Beschnittenem. [...] es findet nirgends Unergründlicheres als unter seinen Füssen – die Fünfecke der Fliesen [...], die es verwirren und schwindlig machen [...], dass vor lauter Fugenlinien sich auf seiner Netzhaut alles knickt und biegt».

Literarischer Komponist

Zum Knicken und Biegen bringt Steimann die Dinge auch im inneren Auge der Lesenden und erfüllt damit eine wesentliche Aufgabe der Sprachkunst und Kunst überhaupt: unsere Sprach- und Wahrnehmungsmuster ins Schwanken zu bringen und so zu öffnen für neue, ungewohnte Sichtweisen. Dass wir als Lesende mitmachen, erreicht er, indem er uns die Dinge nicht nur in Fülle und aus grösster Nähe vor Augen führt, sondern im inneren Ohr auch zum Singen bringt. So zum Beispiel, wenn er zeigt, wie die stumme Agatha gestisch ausdrückt, worunter sie leidet: Sie «schlurft in ungebundenen Schuhen mal durch das nasse Gras, mal über Schotter, Kies oder Kopfsteinpflaster, dass es in den Ohren der Schwestern knirscht und schleift.» Die Konsonanz der sch- und k-Laute, unterstützt durch die Assonanz der u’s und a’s, bewirkt, dass wir das Knirschen und Schleifen auch beim Lesen hören. So lässt dieses Buch die Wörter tönen und die Sätze in freien Rhythmen tanzen.

Steimann ist ein literarischer Komponist, sorgfältig in der Melodieführung des Ganzen, konsequent in der Verfolgung zentraler Motive, lebhaft im Rhythmus einzelner Passagen und behutsam im Klang auch noch kleiner Momente. Die feinsten Töne aber findet er dort, wo er bei aller Sozial- und Religionskritik mitfühlende Menschlichkeit aufleuchten lässt: bei den mehrfach geschädigten Menschen in der «Armen- & Idioten-Anstalt», die dort wie die Agatha eingesperrt und ausgebeutet werden, bei einer Lehrerin, die sie daraus befreit, bei einer Fabrikfürsorgerin, die zu ihr schaut, bei den einfachen Bauern, die sie als Lungenkranke bei sich aufnehmen und schliesslich und vor allem beim Gefängniswärter Enigmann, dem ersten und einzigen Menschen, der sich auf Zenz einlässt. Auf die Frage des «Zweilings», der Gutes und Böses in sich regen fühlt, warum ein guter Mensch gut und ein schlechter schlecht sei, antwortet Enigmann «nach langem Schweigen», er wisse es nicht und fügt bei, «es sei vielleicht wie bei der Kreiszahl, deren endgültige Richtigkeit man nie zu erreichen vermöge.»