Unentdecktes Vorkommen
Gedichte

Hatten wir uns früher nicht auf Lieder verlassen,
Hielten wir uns nicht für immer singend wach?

Im Klang, in Balladen bewahrten wir uns auf,
In Tonlagen und Höhen, in Tiefenfrequenzen,

Gedichte schleuderten wir gegen die Zeit,
Gedächtnis hieß die Deponie, in der wir lagerten.

(Allitera Verlag, Lyrikedition 2000)

Die Poesie des Gedankens. Martin Bieri, «Unentdecktes Vorkommen» und Eva Maria Leuenberger, «kyung»

di Beat Mazenauer
Inserito il 18.10.2021

Martin Bieris zweiter Gedichtband Unentdecktes Vorkommen demonstriert eine doppelte Optik: Er lenkt den Blick hoch zum Himmel und hinunter in die geologischen Tiefen, um so die Wechselbeziehung von menschlichem Forschergeist und natürlichem Vorkommen poetisch abzubilden. Die ersten beiden Zyklen stehen für diese Doppelbewegung. «Onkalo» führt in 16 Gedichten in die Unterwelt eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle auf der finnischen Insel Olkiluoto. Mit Zeilen, die im Kern jeweils eine Zäsur aus Leerzeichen enthalten, die von oben nach unten eine bohrende Drehbewegung ergeben, dringt die Gedichtfolge in diese Höhlung hinab. Sie bricht den Fels auf, lotet die Tiefe aus und versenkt darin den strahlenden Schatz; dahin, wo bereits Schätze früherer Kulturen verborgen sind, wie der Hogganvik-Stein, der im Süden Norwegens gefunden wurde.

Auf den Gang in die erschütterte Tiefe reagiert der Blick in die Höhe: «Wolkenreaktoren» heisst der 12-teilige Zyklus, in dem sich Bieri mit dem Blick des Forschers einem luftigen Thema zuwendet. In einer Vorbemerkung stellt er die wissenschaftliche Simulation von Wolken in die Tradition der Wolkendarstellung, wie sie die Kunst seit langem kennt, beispielsweise im Werk des Pariser Fotopioniers Gustave Le Gray, dessen Wolkenbilder bis heute nichts von ihrer Intensität eingebüsst haben. Ihnen antworten die künstlichen Wolkenbilder in den wissenschaftlichen Laboren: «das Vakuum für die Kondensations-Nuklide, Druck / und Unterdruck, die Kryotechnik». Zuletzt erkennt sich der Dichter selbst in der Wolke aller Wolken, der digitalen Cloud.

In immer neuen Variationen umspielt Martin Bieri das mal symbiotische, mal antagonistische Verhältnis von Natur und Wissenschaft. Der menschliche Forschertrieb bemächtigt sich der Natur, um diese gleichermassen fasziniert zu ergründen wie sie eigenmächtig auszubeuten. Der Zyklus «Die Restaurierung der Aire» bringt die Ambivalenz auf den Punkt. Ein kanalisierter, verseuchter Fluss wird künstlich renaturiert und vitalisiert. Mit den Mitteln der Wissenschaft wird so die Natur wieder hergestellt, «denn nichts glich der stillen Grösse dieses Fliessens» in der neuen Aire.

Neugier und Zerstörung, Rettung und Bemächtigung – das Verhältnis von Natur und Mensch ist durch und durch gespalten. Martin Bieri findet dafür einen lyrischen Ausdruck. Die Zeilen- und Strophenmuster variieren von Gedicht zu Gedicht, mal klingen sie schroff und streng, mal luftig und frei. Sie bewahren das Bohrende, das im ersten Zyklus bildhaft wird, auch da, wo sie ins Luftige streben. Dergestalt entspringen seine Gedichte einer poetischen Imagination, die auf präzise Sachverhalte zielt, den freien Gedankenflug an Phänomene bindet, die gut geerdet sind. Symbolische Zeichen verbinden sich mit fachsprachlichen Begriffen, die terminologische Signale setzen und, losgelöst vom angestammten Kontext, die poetische Imagination anregen. Der Dichter spricht gerne in einem lyrischen Wir und nimmt uns so alle mit in die Pflicht für die Unternehmungen, Forschungen und Explorationen bis hin zum letzten Zyklus, worin die menschliche Neugier mit Raumsonden in den Kosmos hinaus strebt, etwa mit dem «Artificial Planet No. Zero», den Fritz Zwicky am 16. Oktober 1957 in Form eines kleinen Aluminiumkügelchens ins All hinaus schickte:

never to return. Ein Raumschiff war das nicht,
gewollter Unrat, die Splitter eines Plans,

der erste Planet, den wir selber machten;
und ein Foto, als wär’s von Pollock.

Earth’s Gravity Finally Beaten!, an dem Tag,
als wir endlich verließen, was wir am meisten liebten.

Die Wahrheit erzählen

Wo Martin Bieri seine Interessen in viele Richtungen auffächert, um sie poetisch wieder einzufangen, konzentriert sich Eva Maria Leuenberger ganz auf eine Person. Ihr zweiter Gedichtband kyung ist eine Hommage an die Dichterin und Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha und in der sich zugleich eine lyrische Exploration des eigenen Schaffens im Spiegel von deren Werk. Und nicht zuletzt ist kyung ein leidenschaftliches Statement gegen Gewalt und Ausbeutung, das sich der poetischen Rede bedient. Dafür findet Eva Maria Leuenberger eine ganz eigene, sehr persönliche Handschrift, die sich von jeglichen gebundenen Formaten befreit, visuell eigenwillig auf oft nur sehr spärlich beschrifteten Druckseiten manifestiert.
Im Kern dreht sich der Band um eine erschreckende Nachricht:

theresa hak kyung cha hatte schwarze haare und wurde am 5. november 1982 in new york von einem sicherheitsbediensteten und serientäter vergewaltigt und erwürgt.

Die Dichterin wurde 31 Jahre alt und hinterliess nur ein Buch: Dictée, ein Text in französisch-englischer Sprache «über Identität, Macht und Sprache», wie es in einer Anmerkung heisst. Werk und Leben verweben sich bei Kyung in einer tragischen Weise. Eva Maria Leuenberger nimmt es zum Anlass, an sie und ihr Schicksal zu erinnern und es mit Zitaten und eigenen Versen einzukreisen. Dabei wird sichtbar, das kyung nie auf eine Ganzheit abzielt. Es kann in dieser disparaten Welt keine Totalität geben, sondern nur Verse, Sentenzen, die sich wie Blitzlichter aus einem Gefüge herauslösen und dieses Gefüge auflösen. Rings um die Figur Kyungs bleibt viel Leerraum, schweigend gewissermassen.

der körper wird text
oder bleibt liegen im paratext
neben einer reihe aus tausend reihen von zeit
sprache, flimmernd in einem körper
am boden eines parkhauses

kyung ist ein solitäres Werk, es ist ein poetischer Hybrid, das mit einer gänzlich eigensinnigen poetisch-essayistischen Form experimentiert. Kurze Prosapassagen vermischen sich mit lyrischen Passagen, die sich wiederum in einzelne, mitunter sich refrainhaft wiederholende Satz- und Gedankensplitter auflösen. Es steckt darin etwas ebenso Ungläubiges wie (sich selbst) Beschwörendes. Leuenberger zitiert Susan Sontag: «i'm trying to tell the truth, but of course i know i am drawn to the part of people that reminds me of myself» – gleichsam als Motto, das diesem Buch zugrunde liegt. Die Autorin vermeidet es dabei, wie sie in den Nachbemerkung schreibt, sich Erfahrungen «ausserhalb meines Erfahrungshorizontes» anzumassen, sie hält sich ganz ans Eigene und reflektiert wie in einem Hallraum, was sie aus dem Schaffen selbst, aber auch aus Essays über die Dichterin erfährt. Eva Maria Leuenberger wird durch Theresa Hak Kyung Cha berührt, mit spürbarer Intensität und Eindringlichkeit hält sie die stark empfundene Nähe und Verwandtschaft fest.

Während am Anfang und am Ende die Dichterin in Fotografien sichtbar wird, ist es im Herz des Buches ein anderes Gesicht, das dieses visuell prägt: das der Jeanne d'Arc aus Carl Theodor Dreyers Film «La passion de Jeanne d'Arc» von 1928. Ein Blick, der die ganze Gefühlspalette zwischen Verzweiflung und Verzückung ausdrückt.
Einmal schreibt Leuenberger: «alles kann wahr sein / wenn die lüge gut genug ist». Zwei ebenso einleuchtende wie funkelnd irritierende Zeilen. Wenn sie stimmen ( – und daran ist nicht zu zweifeln – ): wo verläuft dann die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, wo zwischen Leben und Tod, wo zwischen dem poetischen Idol und dem lyrischen Ich? Eva Maria Leuenberger hat für solche Fragen eine sehr persönliche poetische Form gefunden, die Antworten ganz im Offenen sucht.