Zigeuner

«Es gibt das Bild der Schweiz vor und ein neues nach der Lektüre dieses Romans.»
Sie sind Einheimische, im Übrigen hellhäutig und blauäugig. Eine Schweizer Musikantenfamilie, Jenische. Wo auch immer sie auftreten, sind der 13-Jährige an der Klarinette und die Mutter am Kontrabass die Stars des Abends. Sie spielen Volksmusik, leben im Häuschen am Ort über dem Zürichsee, wo die Kinder zur Schule gehen. Bis sie fliehen müssen: Die Mutter kommt angerannt mit fliegendem Haar, schickt ihre Kinder auf die Flucht, allein. Sie und der Vater werden die Beamten aufhalten an diesem Frühlingsabend 1929.
Die Kinder flohen allein in die Nacht. Sie retteten sich vor dem Zugriff der Verfolger, die Hunderte jenischer Kinder aus ihren Familien rissen. So geschehen in der Schweiz, wo die Kindswegnahmen bis im Frühling 1972 andauerten – bis die Tochter eines der fliehenden Kinder von 1929, mittlerweile selbst 13 Jahre alt, aus der Zeitung erfuhr, dass die Erzählung ihres Vaters von der Flucht der Kinder keine Räubergeschichte war.
Isabella Huser hat Schicksale ihrer jenischen Vaterfamilie recherchiert und ist dabei auf Materialien gestoßen, die bis zur Entstehung der modernen Schweiz im 19. Jahrhundert zurückreichen. Zigeuner ist ein fulminantes zeitgeschichtliches Tableau, gefüllt mit prallem Leben und nacktem Entsetzen.

(Buchpräsentation Bilgerverlag)

Recensione

di Dominik Müller
Inserito il 21.02.2022

Während man in Zürich im öffentlichen Raum Jagd auf das Wort «Mohr» macht, veröffentlicht hier der Bilger-Verlag einen Roman mit dem Titel «Zigeuner». Ein Skandal? Eine Provokation? Nein, einfach ein Zeichen, dass just die sogenannt «schöne Literatur» dem Schönreden der Geschichte entgegenwirkt. Nirgends werden treuer die Verletzungen dokumentiert, welche Sprache anrichten kann. Dabei sind die verächtlichen Worte «Zigeuner» oder «Vaganten» nur ein Teil der Repressalien, denen sich die jenische Bevölkerung der Schweiz ausgesetzt sah. Isabella Huser hat in jahrelangen Recherchen das Schicksal einer der betroffenen Familien, ihrer eigenen, bis in die Zeit der Französischen Revolution zurückverfolgt. In deren Gefolge zwang die von Napoleon installierte helvetische Republik der Schweiz eine Gleichstellung ihrer Bürger auf, von der auch die Fahrenden profitierten. Sobald die Schweizer dann aber wieder alleine regieren, geht es erneut los mit den Schikanierungen. Die seit Generationen in der Schweiz lebende Familie Huser wird von einem Kanton in den nächsten getrieben und am Sesshaft-Werden gehindert. (Hätte die Autorin den Namen Huser erfunden, würde man ihr wohl überdeutliche Symbolik vorwerfen.) Der 1848 gegründete Bundesstaat spricht dann im demütigenden Katz-und-Maus-Spiel der Kantonsbehörden endlich ein Machtwort. Die Husers erhalten in Magliaso am Luganersee Heimatrecht, wahrscheinlich weil der Kanton Tessin in Bern weniger geschickt zu lobbyieren verstand als die Innerschweizer Kantone, wo die Familie zuhause ist. Im 20. Jahrhundert öffnet sich mit der Aktion «Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute ein neues Kapitel der Verfolgungsgeschichte. Die Familie Huser, die jetzt nicht mehr im Geschirrhandel, sondern als gefragte Volksmusikkappelle im Kanton Zürich tätig ist, bekommt rechtzeitig Wind vom behördlich gedeckten kriminellen Programm. Erneut bleibt als einziger Ausweg die Wanderschaft. Die Ich-Erzählerin stellt als jüngster Spross der Huser-Dynastie fest:

Mein Vater und seine Geschwister kommen auch deshalb davon, weil ihre Eltern Musikanten sind. Entscheidend ist: sich nicht niederlassen, sich in keiner Gemeinde anmelden, die Kinder nicht zur Schule schicken. Es ist eine makabre Umkehrung: Die Vorurteile zu erfüllen, ist die einzig mögliche Rettung. (S. 223)

Diese um 1920 geborenen Huser-Kinder können, anders als zwei Cousinen, zusammen bleiben. Und es gelingt den vier Mädchen und zwei Buben später, in verschiedenen Berufen ein Auskommen zu finden, ja wohlhabend zu werden, also genau das zu erreichen, was nach dem Pro Juventute-Programm nur durch eine Fremdplatzierung möglich sein sollte.

Es ist kein Leichtes, diese verstörenden Rechercheergebnisse aus zwei Jahrhunderten in einen Roman zu überführen. Die Autorin macht ihre Nachforschungen bei Verwandten und in Archiven zu einem Teil des Erzählstoffs. Die Ich-Erzählerin berichtet immer wieder davon. Sie heisst Anna Huser, teilt also den Familien-, aber nicht den Vornamen mit Ihrer Autorin, was dem Zusammenspiel von Fakten und Fiktion im historischen Roman präzisen Ausdruck verleiht. Anders als die Faktensicherung bleibt die Fiktionalisierung unbesprochen. Bei dieser setzt die Autorin, die auch als Filmemacherin tätig ist, ganz auf ein szenisches Erzählen. Immer wieder gelingt es ihr zwar, mit wenigen Sätzen Atmosphären zu schaffen oder Gemütszustände zu evozieren. Die Abfolge der Szenen, die von den erhaltenen historischen Dokumenten vorgegeben wird, ist aber oft nicht recht plausibel, und immer wieder werden angesponnene Erzählfäden fallengelassen. Das ist als ehrliches Eingeständnis zu akzeptieren, dass sich die punktuellen historischen Dokumente eben nicht in einen abgerundeten Roman überführen lassen. Die Einsicht kann aber den Wunsch nicht beschwichtigen, mehr darüber zu erfahren, was aus diesem Konflikt oder jener Figur geworden ist.

Die Huser der verschiedenen Generationen des 19. Jahrhunderts zeigen alle einen zähen Überlebenswillen und eine, angesichts der Schikanen, erstaunliche Arglosigkeit. Zu einprägsamen Figuren werden sie aber nicht, was damit zusammenhängen mag, dass die Dokumente sie immer nur als die Gegenstände behördlicher Massnahmen darstellen. Ganz anders steht es da bei den Verwandten, die Anna noch persönlich befragen kann. Da ist die betagte Tante, die mit ihrer Vollmacht die Tür zum Bundesarchiv öffnet und die mit Stolz von ihrem alten Leben als Fahrende erzählt, obschon sie dieses ganz hinter sich gelassen hat. Oder Annas aus Italien stammende Mutter, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Schweiz Arbeit suchen musste, sich hier in den geheimnisvollen jenischen Akkordeonisten verliebte und mit ihm eine Familie gründete. Das Erzählen dieser Frauen reisst die Erzählerin mit und schenkt dem historischen Roman seine farbigsten und packendsten Passagen.

Wie andere Bücher über die Fahrenden in der Schweiz rüttelt Isabella Husers Roman auf und klagt an. Er hat aber auch eine besänftigende Seite, erzählt er doch von Menschen, die sich selbst von den böswilligsten Widersachern ihre Würde nicht rauben lassen. Denn er will vor allem eines nicht: diese Menschen in der Darstellung ihrer Geschichte noch ein zweites Mal zu Opfern machen.