Lost in Hell
Gedichte

klangvolle Liebesgedichte, die sich als Sternbilder lesen wollen – schicksalhaft und nächtlich leuchtend.
«Ich fand es immer interessant, wenn ein Gedicht in einer Zeitung wiedergegeben wurde. Aus Platzgründen entstand ein neuer Text. Es fand eine Verwandlung statt ... »

Nackt 9

Fragmente, nichts als Fragmente, / in jedem
Augenblick / des gemeinsamen Monadentums /
atmet das Fossil, / im Paarungsritual / sind
wir schon Tote. / Was wird sein, flüchtiger /
Geliebter, wo doch / mächtige Eschen und die
Kinderlust der Gärten / vor hundert Jahren
schon / sich sattgrün schrieben ins Buch? /
Winterlich damals schon ihr Traum. / Warm wird
nur das Eis, / und das nächste Wort
vergeht schneller, / als wir je waren

(Bucher Verlag)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 22.08.2021

Spornt Levin Westermann förmlich dazu an, sein Langgedicht in einem Zug durchzulesen und sich von seinem Rhythmus tragen zu lassen, so setzt Kathy Zarnegin dazu einen Kontrapunkt. Eine eilige Lektüre verliert sich im Band Lost in Hell, um beim Wortbild des Titels zu bleiben, leicht in der Hölle der Ratlosigkeit. Ihre Gedichte verlangen eine andere Lektüre.

Der Band umfasst 60 Gedichte in drei Abteilungen, die formal ein breites Spektrum abdecken. Dieses erstreckt sich von einem minimalen Buchstabengedicht bis zur mehrteiligen Selbstdurchleuchtung, von kurzen Versen bis zu prosaisch fliessenden Langzeilen. Gemeinsam ist ihnen allen ein Wortwitz, der mit minimalen Verfremdungen arbeitet, die mitunter wie orthographische Fehler ausschauen. Einmal zielt die Bewegung «obstwärts» oder «unterirrdisch», einmal empfindet das Ich «feinseelig» oder erweist sich eine Saat als «kainfähig». Und die besagte Selbstdurchleuchtung (Autokymographie) ist mit dem Titel «Mistverständnis» überschrieben. Es sind oft unscheinbare Stolpersteine, die ein Innehalten, ein genaues Hinschauen erfordern, und die Bereitschaft, eine Zeile, eine Formulierung nochmals neu und anders zu lesen. Solche diskreten Verschiebungen finden sich auch auf der Ebene der Namen (Mutter Theiresia) oder der stehenden Wendungen («Kaffee mit Kerosin»). Inständig bittet das Ich ein Du darum, «mir die Pforten deiner Worthülsen / bitterschön» zu öffnen.

In der ersten Abteilung «Extranet» strukturiert Zarnegin die mit «Nackt» 1 – 31 betitelten Gedichte zusätzlich zu den Zeilenumbrüchen mit Schrägstrichen, wie sie für Gedichtzitate in Prosatexten gerne verwendet werden. Derart durchkreuzen oder ergänzen sich zwei rhythmische Strukturelemente und wecken die Aufmerksamkeit zusätzlich.

Nackt 12

Wir sind nichts als / sumpfbewusste
Ichtende. / Flirrend und tastbar, / unser Glück.
Nur auf den Displays / der Vergänglichkeit
triebhaft glamourös. / Scheu, dem kahlen Erdspiegel
zugewandt, / glühend, im Fussfesselrausch / eines
ruhenden Lids.

Aufmerksamkeit ist also dringend geboten, denn Kathy Zarnegin erzählt weder poetische Geschichten noch breitet sie anschauliche Bilder vor uns aus. Es gilt «bereit / für einen Satz» zu sein, im doppelten Wortsinn auf der Ebene der Worte und Wendungen wie mit Blick auf das gesamte Gedicht: Es muss beim Lesen stets und immer wieder neu zusammengefügt, frisch verfugt werden. In einer Vorrede zum «Extranet»-Zyklus erwähnt die Autorin den «Katasterismos der alten Griechen». Aus der klassischen Begriffsdefinition abgeleitet, könnte dies etwa heissen: vor dem inneren Auge aus dem Gefüge der Worte und Zeilen ein stimmiges lyrisches «Sternbild» erzeugen. Ein solches Sternbild bleibt zwangsläufig individuell und offen für unterschiedliche Deutungen. Und folglich wird die Lektüre zum Abenteuer, das auch den Mut mit beinhaltet, etwas (auf Anhieb / in der ersten Lesart) nicht zu verstehen. Kathy Zarnegin zielt nicht auf ein voreiliges Einverständnis ab, sie schafft lyrische Gebilde, die immer wieder erschlossen, aufgeschlossen, gehoben, aufgehoben werden wollen; die zur Einkehr einladen und zur Freude am Entdecken, welche dabei immer wieder aufblitzt.

Ährenwort, bei aller Liebe zum Blut,
ich mag summendes Staunen
bei Brot und Wein.

Aus: lichtung tief im kopf. Neue Gedichtbände von Levin Westermann, Rolf Hermann und Kathy Zarnegin. Ein Fokus von Beat Mazenauer in www.viceversaliteratur.ch