Die Zone
Roman

Cyril taucht. Für sein Leben, um sein Leben. Immer tiefer, immer extremer, denn es gilt, die Rekorde in der Apnoe-Disziplin No Limit zu brechen, es gilt, sich selbst zu entfliehen. Im Dreieck zwischen seinen Kindern, schnell wechselnden Affären und dem harten Wettbewerb verliert Cyril bald den Halt und wagt zu viel.
Beim Treppensteigen hält er die Luft an, im Schwimmbad legt er sich bewegungslos so lange wie möglich auf den Beckengrund. Cyril ist No-Limit-Weltmeister im Apnoe-tauchen. Seine Konkurrenten sind immer bereit, den letzten Rekord zu brechen.
An Land, in Paris, warten auf ihn zwei Kinder aus einer gescheiterten Ehe und oft wechselnde Partnerinnen für immer härtere sexuelle Eskapaden. Dazu sein bester Freund und Tauchpartner Aurel und die Pläne, auszusteigen und eine eigene Tauchakademie zu gründen. Eine Weile gelingt Cyril diese Gratwanderung zwischen den Polen, bis er eines Tages zu viel wagt.
Mireille Zindels neuer Roman spiegelt sprachlich virtuos den Zustand des permanenten Atem-Anhaltens: hochverdichtet und poetisch präzise schildert »Die Zone« die Tiefen von Cyrils Leben. Mireille Zindel schafft hier, was nur aussergewöhnliche Romane erreichen: Die perfekte Einheit von Motiv, Sprache und Stil.

(Lectorbooks)

(Be)rauschende Poetik

di Ladina Caduff
Inserito il 20.01.2022

In Mireille Zindels neuem Roman klaffen gleich mehrere Abgründe. Die Autorin stellt mit Cyril eine ruhe- und rastlose Hauptfigur vor, die von inneren Konflikten getrieben ist. Verlockend zeigt sich die Tiefe des Meeres, wenn die negativen Gefühle überhandnehmen und Cyril die Überforderung spürt. Kurzum: Wir haben es mit einem Protagonisten zu tun, der mit dem Leben hadert und sich in den Tauchsport stürzt, statt sich mit seinen Problemen auseinanderzusetzen. Cyril ist Vater von zwei Kindern und lebt getrennt von seiner Frau Sara in Paris. Seine Beziehungen und Erfahrungen waren noch nie vom Glück gezeichnet – eine tiefbedrückende Grundstimmung charakterisiert diese Lebensgeschichte. Mit Bedacht und ohne in Sentimentalitätsprosa zu verfallen, erzählt Zindel in ihrem vierten Roman Die Zone von einem Mann auf der Flucht vor sich selbst.

Die Handlung setzt mit Cyrils Tauchtraining ein. Er ist Weltrekordhalter in der Kategorie No Limit im Apnoetauchen, einer der tödlichsten Sportarten. Ohne Tauchflasche und mit einem einzigen Atemzug stürzt er sich in die tiefe Dunkelheit. Cyril weiss, dass er sich damit jedes Mal in Lebensgefahr begibt. In unzählige Meere ist er bereits abgetaucht: «Seine Lungen fassen viel. Das ist das Resultat alter Geschichten, die längst Teil seines gefügigen Körpers sind.» Man ahnt schnell, dass diesem Satz eine Doppelbödigkeit anhaftet – mit jeder Seite wird sie deutlicher. Denn nach und nach erfahren wir mehr über Cyrils Leben und erhalten einen intimen Einblick in seine Innenwelt – eben in das «Resultat alter Geschichten»: Vater, Mutter, Bruder – sie alle sind auf der Intensivstation gestorben. Seine Tochter kam bei der Geburt ums Leben, und seine erste Frau «war in den See gegangen». Behutsam führt uns die Erzählstimme an die erlebten Schicksale heran, die sich wie Mosaiksteinchen nach und nach zu einem Ganzen zusammenfügen.

Im Fokus des Romans steht aber der Extremsport. Cyrils Tauchgänge, die plastisch und atmosphärisch geschildert werden, scheinen ihm als eine Art Abwehrstrategie gegen Verdrängtes zu dienen, das wieder ins Bewusstsein zurückzukehren droht. «Apnoe ist die Suche nach Glück. Nach ganz starken Gefühlen.» Getrieben von der Sehnsucht, sich selbst zu spüren, entwickelt Cyril darüber hinaus eine Obsession für Sexvideos und trifft sich regelmässig mit Aurélie, einer Prostituierten, von der er sich – zur Luststeigerung – fast bis zur Bewusstlosigkeit würgen lässt. Mit seiner sexuellen Neigung verhält es sich wie mit dem Tauchen: Hier wie dort lotet er Grenzsituationen aus, um sich selbst wieder spüren zu können.

Dies geht so weit, dass Cyril für das Freitauchen schliesslich seinen Beruf aufgibt. Als ehemaliger Gynäkologe hat er seine eigene Tochter zur Welt gebracht. Dass sie die Geburt nicht überlebte, wirft er sich selbst vor. Bedeutsame Lebensereignisse dieser Art fügen sich still und subtil in den Text ein und drängen sich als Erklärungen für das diffuse Innenleben des Protagonisten auf. So sind auch Sätze wie «Der Weg in die Tiefe geht zurück in die Vergangenheit» geradezu als poetologisches Prinzip der Autorin zu lesen, deren Schilderungen als Introspektion des Protagonisten zu verstehen sind. Das Meer steht also symbolisch für das Unbewusste, wie es auch in der Tiefenpsychologie der Fall ist. Welches Metapherngeflecht eignet sich besser für den Blick in die Psyche als das Tauchen im tiefen, dunklen Meer? Zuweilen hätte die Autorin jedoch sparsamer mit der Wassermetaphorik umgehen können, etwa wenn es heisst: «Es gibt eine Welt über und eine unterhalb der Wasseroberfläche.»

Dennoch folgen wir neugierig und unangestrengt wie stille Beobachter und Beobachterinnen dem Taucher immer wieder in die Tiefe, wobei sich dessen beklemmende Gefühle sowie die erlösenden Momente des Abtauchens auf uns übertragen. Dieser Effekt spiegelt sich auch in der betörenden Sprache Zindels wider, die einen Sog entwickelt, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Changierend zwischen poetischen Passagen, die sich beinahe wie Gedichte lesen, und erzählender Prosa schafft es die Autorin, dem Text einen ganz besonderen Rhythmus zu verleihen. Die Textpassagen fliessen wie Wasser ineinander über und heben Grenzen auf – mal (be)rauschend schnell, mal perlend ruhig. Das hat etwas Befreiendes, das auch der Erzählung der einzelnen Tauchgänge innewohnt. Es ist, als würde Wasser zum bestimmenden Element auf allen Ebenen. So finden Inhalt und Sprache in diesem Roman auf äusserst gelungene Art und Weise zusammen.

Das Wasser erweist sich in dem Roman geradezu als Treibkraft der Verwandlung. Bei aller Rastlosigkeit findet Cyril Ruhe in der Tiefe, «selbst, wenn das Meer an der Oberfläche dröhnt». Das Verlockende ist für ihn aber nicht das Wasser selbst, sondern «der Übergang in eine andere Welt», nach der er sich sehnt. Was ihm an Land Halt gibt, sind seine beiden Söhne Antonín und Joachim (ein Brüderpaar, das übrigens bereits in Zindels letztem Roman Kreuzfahrt auftrat.) Cyrils Anspannung ist nicht immer einfach auszuhalten und fordert die Leserin in ihrer Hoffnung auf ein versöhnliches Ende. Tatsächlich wird Cyrils Flucht vor dem Leben eine Wende nehmen, die einem jedoch einen noch längeren Atem abverlangt als das Freitauchen. Die Zone ist ein ernstes Buch von sprachlicher Eleganz, das nichts Menschliches beschönigt und einem gerade deswegen nahe geht.