Die schiere Wahrheit
Glauser und Simenon schreiben einen Kriminalroman

In einem Seebad am Atlantik begegnen sich 1937 unverhofft zwei Meister: Friedrich Glauser, mit seinem letzten Geld angereist auf der Suche nach einem Morphiumrezept, und Georges Simenon, auf Urlaub im noblen Grand Hôtel de la Plage in Saint-Jean-de-Monts. Sie unterhalten sich, finden Gefallen aneinander – und beschliessen, an Ort und Stelle gemeinsam einen Kriminalroman zu entwerfen.
Simenon legt einen Toten an den Strand, Glauser macht ihn zu einem Amerikaschweizer, Grund genug, Wachtmeister Studer an den Atlantik abkommandieren zu lassen. Simenon lässt ihm Amélie Morel, die Tante des lokalen Inspektors, in die Quere kommen. Denn seinen Kommissar Maigret hat er in den Ruhestand geschickt. Und so spinnt der eine die Einfälle des andern weiter, nicht ohne Debatten: wozu es das Verbrechen in der Geschichte braucht, welche Indizien zum richtigen Zeitpunkt auf den Weg der Ermittler und Leserschaft gestreut werden, wie man all die Fäden, Ficelles und Schnüre am Schluss richtig verknüpft.
Als sich am Ende Recht und Gerechtigkeit bekämpfen, gefällt die Auflösung weder Studer noch Mlle Morel. Also finden Glauser und Simenon eine Lösung, die so unberechenbar ist wie das wirkliche Leben.
Ursula Hasler gelingt es virtuos, sich in den Stil und die Vorgehensweise gleich zweier Literaturgrössen einzufühlen und gleichzeitig mit Augenzwinkern das fundiert recherchierte Pastiche eines Wachtmeister-Studer-Romans zu erzählen.

(Limmat Verlag)

Glauser trifft Simenon im Seebad Saint-Jean-de-Monts

di Beat Mazenauer
Inserito il 02.09.2021

«Was wäre wenn», sagt Peter Bichsel, das ist der Antrieb für alles Erzählen. Die Formel «Was wäre wenn» bereichert die Realität um all die verpassten Möglichkeiten. Was also wäre, wenn Friedrich Glauser irgendwann einmal sein Vorbild Georges Simenon getroffen hätte, um sich mit ihm über die gemeinsamen literarischen Ansichten auszutauschen, so wie sie Glauser gegen Ende seiner «Zehn Gebote für den Kriminalroman» im März 1937 festgehalten hat: «Bei einem Autor habe ich all das vereinigt gefunden, was ich bei der gesamten Kriminalliteratur vermisst habe. Der Autor heisst Georges Simenon».

Aus einer solchen Begegnung hätte ein Projekt entstehen können, wie es Ursula Hasler in ihrem Roman Die schiere Wahrheit beschreibt. Demnach wären Simenon und Glauser an einem Tag im Juni 1937 im Seebad Saint-Jean-de-Monts an der französischen Atlantikküste durch den Schweizer Arzt Doktor Schöni einander vorgestellt worden, um sich sogleich in ein angeregtes Gespräch zu vertiefen. Glauser lebt zur fraglichen Zeit mit seiner Freundin Berthe in der Nähe des Seebads. Er reist nach Saint-Jean-de-Monts, weil er abgebrannt ist und Morphium benötigt, damit er all seine in Arbeit befindlichen Romanprojekte fristgerecht abliefern kann. Doktor Schöni sollte ihm das dafür notwendige Rezept ausstellen. Georges Simenon ist im Sommer 1937 von solchen Problemen weit entfernt, er geniesst hier regelmässig seine Ferien. Frei von Sorgen ist er allerdings auch nicht. Erst kürzlich hat er seinen Kommissar Maigret in Rente geschickt, um sich als ernsthafter Romancier zu versuchen – mit zwiespältiger Resonanz. So bietet das unverhoffte Zusammentreffen für beide eine kurze Verschnaufpause, die sie gleich für eine gemeinsame Fingerübung nutzen. Spontan entwerfen sie einen Kriminalroman, in dem ihre beiden Handschriften sichtbar werden sollten. Im Café sitzend oder am Strand gehend beginnen sie Erzähl- und Verdachtsfäden auszulegen, die sich für den Wachtmeister Studer einerseits, andererseits für die Krankenpflegerin Amélie Morel (die Simenon anstelle von Maigret auftreten lässt) nach und nach zu einem Knäuel verdichten. Zwischen Studer und Morel entwickelt sich ein spielerischer Wettstreit, wer welchen Hinweis entdeckt und was zur Lösung beiträgt. Am Ende aber beharrt Glauser darauf, dass der scheinbar gelöste Fall nochmals eine Wende nach seinem Gusto nehme, was ihm Simenon grosszügig zugesteht.

Die fiktive Begegnung zwischen den beiden Klassikern der Kriminalliteratur ist eine reizvolle Anlage, die sich über die Gesetze der Plausibilität hinwegsetzen darf. Der Roman entwirft einen amüsanten Plot, auch wenn Ursula Hasler die literarischen Vorlieben von Glauser und Simenon für Details und Atmosphäre etwas gar stark herausstellt. Dieser Roman im Roman wird umrahmt und unterbrochen von Szenen, in denen die beiden Helden sich in ein angeregtes Gespräch verwickeln und dabei durch die Autorin auch biografisch näher beleuchtet werden. So gerät die fiktive Begegnung zwischen Glauser und Simenon zu einem verspielten Kabinettstück, das sich vergnüglich und leicht liest und das im Kristallisationskern eine anregende poetologische Auseinandersetzung über die Kriminalliteratur beinhaltet, die auch ein Schlaglicht auf den aktuellen Krimiboom wirft und darauf, was wir Leserinnen und Leser uns von einem Krimi erhoffen. Glauser wie Simenon wehren sich gegen die künstliche Aufgeregtheit vieler Produkte dieses Genres. Sie sind sich darin einig, dass nicht die Entlarvung des Täters und die Lösung des Falls im Zentrum eines literarisch gelungenen Krimis stehen müssten, sondern «die Menschen und die Atmosphäre, in denen sie sich bewegen». Es geht, wie Simenon bestätigt, um die unmerklichen Dinge zwischen Verbrechen und Sühne. Die Spannung sei der springende Punkt, doch nicht, wie in den meisten Krimis, eine «Fuselspannung», ergänzt Glauser, «die nur ein Ziel kennt: die Auflösung, das Ende des Buches». Eine solche Spannung sei «schicksalslos». Vielmehr muss unter dem Deckmantel des Kriminalromans etwas nachklingen, fügt Simenon an, womit sich «ein Milieu erkunden und beschreiben» lässt. Dabei können gelegentlich auch Recht und Gerechtigkeit miteinander in Konflikt geraten, respektive die Gerechtigkeit über das Recht obsiegen.

Ursula Haslers ambitioniertes Unterfangen gelingt übers ganze Gesehen bemerkenswert gut. Die schiere Wahrheit ist alles in allem ein schöner Versuch über die Kriminalromane von Glauser und Simenon, indem diese verortet und am plastischen Beispiel veranschaulicht werden. Die Haltung der beiden wird in vorzüglichen Dialogen anschaulich. Lediglich die biografische Situierung der beiden Protagonisten wirkt mitunter etwas angestrengt. Der Anschein, dass Glauser und Simeon ihren Krimi einander weniger erzählen als der Form nach schriftlich ausformulieren, bleibt der experimentellen Anlage geschuldet. Hier bricht sich der Realismus am Text – doch Haslers Roman zerbricht daran nicht.