Farbe komma dunkel
Das Schreiben ist immer ein Gespräch. Es überwindet die Grenzen von Raum und Zeit und ermöglicht die Kommunikation mit denen, die waren, und denen, die noch kommen werden. Vergraben in den Texten warten die Stimmen, die Levin Westermann in farbe komma dunkel freilegt, Schicht für Schicht, um ihre Gedanken zu vernehmen – und ihnen dann zu antworten, seine eigene Stimme dem Chor des endlosen Gesprächs hinzuzufügen. Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts. Die Katze, der Igel, der Waldbrand, Paris: Alles ist wichtig und Ausdruck der Welt. Die Sonne, sie scheint auf die Welt. «die sonne ihre strahlen / wie ein feind.»
Recensione
Wer in Saint Germain du Bois in der «gottverdammten Bresse» festsitzt, erfährt schon rein geografisch das Ende der Welt. Und wenn noch schlechte Nachrichten dazukommen, die aus aller Welt berichtet werden, so kann es einem schon auf die Stimmung schlagen, zumal seine Beweglichkeit beeinträchtigt ist; er spürt einen Schmerz in der Hüfte, den er mit Salben behandelt. Deshalb sitzt er meist in seinem Wintergarten im Rattanstuhl, liest Gedichte oder schaut in den Garten, wo Hühner in der Erde picken, Schafe weiden und ein Pfau hin und wieder herüberschaut. Die Beschaulichkeit dieser Situation täuscht allerdings über die Angespanntheit hinweg, die Levin Westermanns Langgedicht verrät.

Mangels Gesprächspartner allein am Rande der Welt, in sehnlicher Erwartung von Post seiner Freunde, fällt das Ich in einen monotonen inneren Monolog, der Tag für Tag das Nichtgeschehen festhält und all das, was ihm durch den Kopf geht. «Nothing is going to happen in this book», zitiert Levin Westermann die Dichterin Annie Dillard vorab und gibt diesen Satz seinem lyrischen Ich mit auf den Weg. Voller Unruhe steigert es sich jedoch mehr und mehr in «eine glühend heisse wut» über den Zustand der Welt, die ihn in Form von Zeitungsnachrichten erreicht. Die Wälder in Amazonien brennen, und, ja, war es nicht schon vor drei Jahren in Paris fürchterlich heiss, als er dort weilte? Mit seiner Sorge kann er sich einzig an die Hühner, die Schafe und den Pfau wenden – Tiere, Lebewesen, die tröstlich gefeit sind vor den menschlichen Irrtümern. Aber ist das der Zweck der Ordnung: «mit den menschen an der spitze / und den tieren so am rand»? Wobei das Ich gleich auch einräumt, dass im öffentlichen Leben wiederum das Auto im Zentrum steht und der Mensch «halt eher seitlich / und / am rand / und das das ist absurd». Auf diese Weise gehen dem Ich «alle sachen ohne ordnung» durch den Kopf, es gewahrt in sich eine Wut, die auch eine Scham ist und «eine trauer um die welt». Solche sinistren Gedanken

Levin Westermann formt diesen inneren Monolog zu einem streng rhythmisierten, geradezu hypnotisierenden Langgedicht. Sich stetig wiederholende Partikel wie «und» und «und dann» nehmen den Gedankenstrom immer und immer wieder von Neuem auf und steigern ihn in eine Stimmung der Unbehaustheit hinein. 22 Mal wird dabei das fliessende, kreiselnde Kontinuum durch den zeitbedingten Refrain interpunktiert:

Einzig die Tiere vor dem Haus wirken tröstlich, und Gedichte, die das Ich liest und immer wieder zitiert – doch nur diejenigen, die wahrhaftig klingen. Andernfalls ist der Lesende bereit, die Lektüre abzubrechen und das Buch in hohem Bogen ins Land hinaus zu werfen. Die Liste der zitierten Autoren und Autorinnen ist, wie immer bei Levin Westermann, eine wahre Fundgrube für Lektüren. Er zitiert beispielsweise Louise Glück, den indigenen Dichter N. Scott Momaday oder wie eingangs Annie Dillard. Sie bilden gewissermassen die «lichtung tief im kopf» – inmitten eines Waldes voll menschlicher Hybris. Der Mensch bleibt unbelehrbar, will «niemals wissen, / was er tut». So endet diese staunenswert schöne Dichtung dennoch betrüblich verschattet:

Aus: lichtung tief im kopf. Neue Gedichtbände von Levin Westermann, Rolf Hermann und Kathy Zarnegin. Ein Fokus von Beat Mazenauer in www.viceversaliteratur.ch.
Un poeta rimane bloccato nella provincia francese a causa di un dolore all’anca. Si siede così in un giardino d’inverno, dove, oltre a osservare pecore, galline e un pavone, legge poesie e si abbandona a pensieri sinistri. Lo stato del mondo lo porta a sprofondare progressivamente in una rabbia furente. Da questa costellazione, Levin Westermann crea in farbe komma dunkel un soliloquio poetico di una grande forza ipnotica, che si legge con piacere sebbene porti a conclusioni infelici. (Beat Mazenauer in Viceversa 16, 2022, traduzione Natalia Proserpi)