Die Erinnerung an unbekannte Städte
Roman

Nathanael ist fünfzehn, als seine Eltern ihn aus der Schule nehmen, obwohl er ein so begabter wie wissbegieriger Schüler ist und unbedingt Arzt werden möchte. Aber seine Mutter hat eine Laufbahn als Prediger für ihn vorgesehen, und Universitäten gibt es nicht mehr. Oder doch? Nathanael hat von einem Polytechnikum in Italien gehört und beschließt, dorthin aufzubrechen. Auch Vanessa, eine Mitschülerin, will weg aus der Enge des Dorfs. Bei Nacht und Nebel brechen sie gemeinsam auf. Als man ihre Abwesenheit entdeckt, wird ihnen Lehrer Ludwig nachgeschickt. Anders als die Jugendlichen erinnert er sich noch an die Zeit vor der Katastrophe und hofft auf keine Besserung mehr. Seine Schüler aber kann er nicht im Stich lassen, und der Weg durchs gesetzlose Gebiet ist gefährlich.In ihrem spannenden dystopischen Roman erzählt Simone Weinmann von einer Welt, die nur noch entfernt der unseren ähnelt: Worauf werden die Menschen bauen, wenn sie den technischen Fortschritt verlieren, wenn es keinen Strom mehr gibt? Werden sie sich an den Glauben klammern oder von Wissensdurst getrieben ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen? Leise und tastend, aber umso eindringlicher schildert Simone Weinmann ein archaisches Leben, in dem der Verlust gesellschaftlichen und technischen Fortschritts erschreckend deutlich wird.

(Antje Kunstmann Verlag)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 12.10.2021

Und auf einmal gingen die Lichter aus, die Kühltruhen tauten ab, der öffentliche Verkehr stand still. Der letze Herbst hatte geendet, der Winter war angebrochen. 15 Jahre sind seit dem ominösen «Tag Null» vergangen, als unvermittelt der Himmel schwarz geworden war: «Nur Sekunden später war der Strom ausgefallen, und die Mobilgeräte hatten keinen Empfang mehr gehabt.» Ein Zufall, eine Folge der Klimakatastrophe, ein fehl geleitetes Experiment zur Rettung vor einer solchen? Genaues wissen nur die Gerüchte. Was immer die Menschen sich darüber erzählen, die Erinnerung an das Früher, wie es einmal war, verblasst allmählich.

An diesem Punkt setzt Simone Weinmanns dystopischer Roman Die Erinnerung an unbekannte Städte ein. Wir schreiben das Jahr 2045. Das Dorf nördlich der Berge ist auf sich allein gestellt. Einzig in der Hauptstadt, wird gemunkelt, gebe es noch Reserven an Energie und Waffen, selbstredend fürs Militär reserviert. Um die letzten Ressourcen wird mit allen Mitteln gestritten. Das Dorf erreichen diese Reserven nicht mehr. Hier versucht Ludwig, der Lehrer und frühere Programmierer, anachronistisch anmutenden Stoff wie Mathematik oder Grammatik zu vermitteln, auch wenn kaum Hoffnung besteht, dass derlei von den Kindern je angewendet werden könnte. Speziell Nathanael hätte er einiges zugetraut, doch der kommt gar nicht mehr zur Schule, weil seine Eltern weltliches Wissen für schädlich halten. Eine sektiererische Religiosität greift schnell um sich und füllt das Vakuum an Macht und Hoffnung mit der Verkündigung von heilsgeschichtlichen Botschaften und Durchhalteparolen. Ludwig ist darob zornig und verzweifelt, Nathanael bloss genervt, doch so sehr, dass er zu fliehen beschliesst. Ein Mädchen, Vanessa, geht mit ihm – und Ludwig wird von Nathanaels verzweifelten Eltern auf die Suche nach den beiden losgeschickt. Alle drei kennen das Gemunkel über einen Tunnel, der durch die Berge in den Süden führen soll, wo das Leben heller und besser sei. Doch der Weg dahin ist voller Gefahren und Unwägbarkeiten.

Die Erinnerung an unbekannte Städte, das literarische Debüt der promovierten Astrophysikerin Simone Weinmann, entwirft eine dystopische Sicht auf die Zukunft. Der Roman malt aus, was passieren könnte, wenn zum einen die Klimakatastrophe, zum anderen jene «Stromlücke» einträte, die zurzeit politisch diskutiert wird. Er gibt eine Antwort auf die alte Frage: Was wäre, wenn … die Energiezufuhr und damit die zivilisatorische Grundlage wegbricht, wenn die Menschen wieder aufs Lebensnotwendigste zurückgeworfen werden und sich lokal organisieren, weil es keine Infrastruktur mehr gibt. Simone Weinmann reiht sich so ein ins Genre der dystopischen Literatur, sie tut es aber auf spezifische Weise. Es geht ihr nicht, wie in den harten Negativszenarien à la Orwell oder Huxley, um Fragen der Macht und der Kontrolle respektive des effektvollen Widerstands dagegen. Vielmehr erzählt sie geduldig und anschaulich, wie die Menschen sich in einem rechtsfreien Raum neu organisieren. Sorgfältig stattet sie ihre Erzählung mit hintergründigen Details aus. Ihr Bild der Zukunft ist weder totalitär noch gewalttätig, sondern anarchisch und kleinteilig strukturiert. Die alte Welt ist wie eingefroren noch präsent. Kleinere Ungereimtheiten in dieser Vorstellung lassen sich ebenso verschmerzen wie das Fehlen einer oberflächlichen Spannungsdramaturgie. Darum geht es nicht. Selbst wenn sich Nathanael, Vanessa und Ludwig auflehnen, tun sie es still und leise, indem sie einfach weggehen, um einer letzten utopischen Hoffnung zu folgen – im Fall von Nathanael dem Wunsch, Arzt zu werden. Der Weg zum Tunnel ist gefährlich, vor allem aber ist er trist und kalt und grau. Das Raffinement des Romans besteht darin, dass er atmosphärisch stimmig erzählt und dabei auf grelle Effekte verzichtet. Es geht nicht um einen Endkampf der politischen Mächte, sondern um das Überleben in einer öde gewordenen Wirklichkeit. Was verlieren wir, wenn uns die Kultur abhanden kommt? – fragt die Autorin. Ob hinter dem Tunnel eine bessere Welt die drei Flüchtenden erwartet, lässt sie wohlweislich unbeantwortet. Immerhin erblicken die drei das vage Licht des Südens.

Aus: «Nach dem Tag Null», eine Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 03.01.2022