Die Aufdrängung Roman
Eine junge Frau fristet ihr Dasein in einem zu großen Haus in einer zu kleinen Stadt neben einem dreieckigen Berg. Als dort ein Gast auftaucht, nimmt sie ihn kurzerhand bei sich auf. Der Gast ist ihr so vielversprechend neu wie fremd und wird schnell zum einnehmenden Mittelpunkt, aber auch Opfer inquisitorischer Machtfantasien. Bis er den Fängen der zunehmend obsessiven Hausherrin schließlich entkommt und sie selbst, wieder allein, eine lang ersehnte Reise antritt und nun ihrerseits zur Gästin wird.
Die Aufdrängung ist ein wunderbar eigensinnig erzählter Roman, der Fragen nach dem Bekannten und Unbekannten, nach Herkunft und Heimat, nach Assimilation und Integration, nach Privatsphäre und Gastfreundlichkeit stellt. Ein Debüt, dessen Lust am Fabulieren und Fantasieren mitreißt.
(Suhrkamp)
Recensione
Kleinstadtliteratur aus der Schweiz strahlt oft genau das aus, wogegen sie anschreibt: Mief. Bei Ariane Kochs Debütroman, 2022 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet, ist das glücklicherweise nicht der Fall – auch wenn das Setting durchaus danach wäre: Der Text spielt in einem sarkophag-haften Städtchen, über dem ein pyramidenförmiger Berg ragt und in dem jede mit jedem schon einmal etwas hatte. Damit nicht genug, eine namenlose Ich-Erzählerin ist im Ennui dieser Kleinstadt festgewachsen, um ein zerfallendes Anwesen zu hüten, das ihr nicht gehört. Sie scheint nichts Bestimmtes zu tun, ausser in der «Rondellbar» Bier zu trinken, sich mit den immer garstiger werdenden Kellnern zu streiten, und die Stadt zu beobachten.
Gastfreundschaft als Zumutung
Und das ist schon fast alles: Die Erzählerin schaut und bewertet, auch mit dem Feldstecher, was in den schlecht ausgeleuchteten Gassen so vor sich geht. Sich selbst betrachtet sie dabei als «Wächterin einer Ruine». Vor ihrem für nur eine Person viel zu grossem Haus thronen zwar mahnende Steinlöwen, aber genau wie die ganze Stadt wird das Anwesen ausschliesslich unter Aspekten fortschreitenden Verfalls dargestellt:
Ich bin noch da. Hausiere wie eine Grabwächterin zwischen den Dingen, die mir nicht gehören und zunehmend zerfallen. Es ist nicht ratsam, sich zu sehr an den Wänden abzustützen. Von der Fassade fallen Steine, und der Vorgarten ist bedeckt mit Laub, mit Dreck, mit Schnee.
In diese Szenerie stolpert der «Gast» hinein, der eines Tages in der Stadt erscheint und von der Erzählerin in ihr Haus aufgenommen wird. Damit ist eine Art Handlung eröffnet: Was folgt, ist eine äusserst klamme Fuge voller hinterhältiger Beobachtungen über Gastsein und Gastgeben, über unterdrückte Wünsche und überspannte Unterstellungen. Da der Text keinen eigentlichen Plot hat, lebt er von dem nicht abreissenden Strom an schiefen Situationen, von überraschenden Sprachbildern, und den recht wechselhaften Meinungen der Erzählerin zu ihrem Gast. Denn der Gast wird – ohne dass beim Lesen immer klar wird, warum – von der willkommenen Abwechslung zum Ärgernis, vom unheimlichen Hausgeist zum Vertrauten. Beziehungsweise wird er dazu gemacht, da die Erzählerin sich genüsslich in jeder Art von Unbehagen ergeht, die Gastfreundschaft hergibt: Der Gast ist nicht dankbar genug, der Gast bedankt sich zu oft, der Gast entzieht sich zu sehr, der Gast ist nicht präsent genug… die titelgebende Aufdrängung, so viel wird irgendwann deutlich, ist keine einseitige Angelegenheit.
Unschärfe und Zerfall als Erzählprogramm
Was ist das eigentlich für ein Gast? Er ist vor allem eines: ausser Fokus geraten, denn der Text rückt nie von der Perspektive der Gastgeberin ab. Dialoge in direkter Rede gibt es praktisch nicht, der Gast kommt kaum zu Wort. Kommuniziert wird nur eine Seite dieser Beziehung, nämlich diejenige der Gastgeberin. Und diese spricht dem Gast einige schwer vereinbare Attribute zu: Er hat zwar einen Namen, der aber zu lang ist, als dass die Erzählfigur ihn nennenswert fände, er trägt sandalenartige Schuhe und schwenkt Koffer, wird aber immer wieder mit tierischen Merkmalen ausgestattet: Der Gast «streunt», «tigert», seine Haare sind «igelig». Mal spricht die Erzählerin über ihn wie über einen ungebetenen Ex-Liebhaber, mal wie über einen halbvergessenen Verwandten, ziemlich oft wie über ein zugelaufenes Tier, einen – je nach Laune lästigen oder für Streicheleinheiten herbeorderten – Hund. Diese Vertierung nimmt das Umschlagbild der ersten Auflage auf: Sie zeigt eine Hand, die ein Fell streichelt – natürlich gegen den Strich. Oft begegnen sich menschliche und tierische Merkmale im gleichen Satz: «Ich führte ihn durch die Straßen, ganz ohne Leine, trotzdem trottete er gutmütig hinter mir her, flatternden Regenumhangs» (26). Der Gast haart, zerbeisst womöglich Bücher, und man muss ihn zu seiner eigenen Sicherheit einschliessen. Eine hervorstechende Eigenschaft sind seine «Pinselfinger». Was soll das sein? Wie sehen die aus? Schwer zu sagen, aber an den Pinselfingern lässt sich ein typisches Verfahren des Textes darstellen: Beim ersten Lesen nimmt man die Formulierung nicht ganz wörtlich, hält sie für ein etwas schiefes Bild der verschrobenen Erzählerin. Mit jeder Wiederholung werden die Pinselfinger aber eine Spur konkreter, ein selbstverständlicher Teil der nicht fantastischen, aber leicht magisch-realistisch verschobenen Erzählwelt.
Denn bei aller Akribie, mit der das Städtchen, das zu grosse Haus und das Innenleben der Erzählerin erfasst werden, geht es in den Beschreibungen surreal zu, als sähe man einen verwackelten, frühexpressionistischen Schwarzweissfilm. Zu dieser Unschärfe der Sachlage gehört etwa, dass der Text sich einem Gegenwartseffekt verweigert. Es gibt popkulturelle Dinge wie Power-Point-Karaoke, und Radioheads No Surprises hat einen Kurzauftritt, die ganze Erzählwelt aber scheint eher aus Versatzstücken viktorianischer Schummerantiquariate gebaut zu sein. Auch irritierende Details tragen zur entrückten Atmosphäre bei. So auch ein immer wieder auftauchendes Knäuel alter «Staubsaugerrüssel», die eine Art Eigenleben führen, im Haus herumwuseln, um Futter betteln, am Gast schnüffeln, und auch sonst eigenartige Dinge tun: «Die Staubsaugerrüssel sollen gefälligst nicht immer alles nachsingen» (132).
Tim Burtons rührend-morbide Schneekugel
Der Text etabliert die Stadt im Nirgendwo als komprimiertes Unbehagen an sich selbst. Durchgehend kehrt das Motiv der Kleinheit wieder: Die Kleinstadt als Spielzeugeisenbahnlandschaft, als Aquarium mit leblosen Fischen, als Miniatur aus der Vogelperspektive: «Das Kleine lässt sich so gut besitzen, denke ich […]» (108). Als weitere Themen lassen sich selbstverschuldete Verkauzung, Verwahrlosung und Kommunikationsleerläufe benennen. Stil und Stimmung scheinen die Handlung in einer bizarren Schneekugel zu platzieren, die Tim Burton designt haben könnte: Morbid und puppenhaft, schwarzhumorig und rührend.
Die Fische sind tot, aber das war ja klar. Die Fische treiben rücklings an der Wasseroberfläche des Aquariums, aber das war ja klar. […] In mir festigt sich ein Verdacht: Der Gast hat den Sauerstoff aus den Fischen gesaugt.
Diese Kleinheit aller Dinge wird auch auf der Textebene vorgeführt: Der Roman besteht aus Dutzenden von einzelnen Miniaturen, die auf jeder Seite jeweils neu ansetzen und zum Teil aus nur einem einzigen, kurzen Satz bestehen. Auf diese Art lässt sich das Festgefahrene der Erzählsituation portionieren: Jede dieser Vignetten in oft lyrischer Prosa erweckt den Eindruck, man betrete ein neues Zimmer der zerfallenden Villa und ertappe die Erzählerin bei einer Gemeinheit.
Inhaltlich lässt sich Die Aufdrängung zum Beispiel als überspannten, allegorischen Abgesang auf eine obsessive Beziehung lesen, als selbstentfremdete Dokumentation der kleinstädtischen Lebenslüge baldigen Aufbruchs, oder als Kommentar auf unser gesamtgesellschaftliches Verhältnis zu Flüchtenden – zu Letzterem äussert sich die Autorin auch in einem Interview auf splatz.space. Hinweise auf das Thema Flüchtende gibt es viele: Am Anfang ist von einem Zeltlager unter den Vordächern der Stadt die Rede, die an die Medienbilder aus Lesbos erinnern, später im Text geraten Ausdrücke wie «Integration» und «Parasit» ins Vokabular der über keinen Zweifel erhabenen Erzählerin. Der Fokus auf eine symbolische Lesart würde aber verstellen, was das Lesevergnügen des kurzen Romans eigentlich ausmacht, warum man von den verwirrenden Episoden zwischen Gastgeberin und Gastgeber einfach nicht genug bekommt: Die Aufdrängung ist schräg und lustig, und noch dazu voller intelligenter Sprachfunde:
Der Gast hat sich offenbar in meiner Abwesenheit in meinem Zimmer zu schaffen gemacht. Die Dinge schwanken wie im Kleinflugzeug über den sibirischen Wäldern.
Ob die Konstellation ein gutes Ende findet, wird hier nicht verraten. Aber soviel sei gesagt: Gutes Gastgebertum hat wohl etwas damit zu tun, ob man selbst auch ein guter Gast wäre, wovon die Erzählerin weit entfernt ist. Dabei macht sie die widersprüchlichen Gefühle verständlich, die das Gastgeben verursacht – auch beim Lesen des zuweilen widerborstigen Romans. Schliesslich nimmt man ihn freiwillig auf, ist ergötzt oder frustriert ob seiner Unwegsamkeiten. Niemand zwingt uns, einen Text mietfrei in unseren Kopf zu lassen. Wer Miniatur-Literatur schätzt, die ihren Antrieb vor allem aus der überraschenden Wendung jedes neuen Satzes, aus dem Widerstand gegen jede erwartbare Formulierung nimmt, wird Die Aufdrängung geniessen.