Gleich, später, morgen

Täglich fährt der Briefträger seine Route durch ein Zürcher Quartier. Ein Quartier mit einer Wohnsiedlung wie man sie an vielen Orten auf dieser Welt findet. Diese Tour fährt er bei Sonnenschein, Schnee oder Regen. Er versucht tagein, tagaus ein guter Briefträger zu sein. Und ein guter Mensch, der sich um seine Mitmenschen sorgt. In seiner Funktion als Überbringer guter und schlechter Nachrichten wird er zum Geheimnishüter, dessen Mitgefühl dazu führt, dass er den Menschen in der Siedlung helfen möchte. Dabei will er zuerst eigentlich nur Lauriane näher kommen. Er sieht sie täglich auf seiner Zustelltour, aber leider nie ausserhalb ihres Fensterrahmens.
Je mehr der Briefträger Anteil an den Sorgen der Menschen aus dem Quartier nimmt, desto mehr werden sie zu seinen eigenen. So verstrickt er sich immer tiefer in die Geschichten der einzelnen Bewohner:innen, und als er merkt, dass ihm alles über den Kopf wächst, ist es schon zu spät, als dass es einen einfachen Ausweg für ihn gäbe.

(Kommode Verlag)

Geschichten aus dem Dorf

di Beat Mazenauer
Inserito il 01.02.2022

Im kleinen Dorf ist alles Nachbarschaft. Ganz anders verhält es sich in der unübersichtlichen Stadt – liesse sich glauben. Doch dieser Eindruck trügt, wie Thomas Pfenninger erzählt. Das Quartier am Stadtrand kann schnell auch dörflichen Charakter annehmen. Sein namenloser Protagonist ist ein Briefträger, der in seinem Rayon am Fuss des Zürcher Üetlibergs freundlich und verlässlich die Post austrägt – meistens verlässlich, wäre zu ergänzen. Der Briefträger neigt hin und wieder zu Sentimentalitäten und Träumereien und lässt sich daher zu Schummeleien hinreissen, indem er nicht jeden Brief austrägt. Er überlegt sich ein wenig allzu intensiv, ob eine Post einem Adressaten zuzumuten sei. Das ist menschlich schön gedacht, betrieblich aber hochproblematisch. Bald beginnt deshalb auch ein Gemunkel und Gerede, das die Dinge nicht vereinfacht.

In seinem Romandebüt zeichnet Thomas Pfenninger das Bild einer freundlichen Nachbarschaft am Rande der Stadt, in der die Gesetze des Dorfes gelten. Wir schreiben das Jahr 1991, der Platzspitz erschreckt die Menschen auch im Quartier, vor allem, wenn einer aus der Szene hier unvermittelt auftaucht und die vertrauliche Nähe stört. Dies betrifft auch den Briefträger, der mehr und mehr seine Position als neutraler Überbringer von Postsendungen aufgibt. Aus Mitgefühl setzt er sich über die ehernen Prinzipien seines Berufs, über «Zuverlässigkeit, Moral und Disziplin» hinweg. Pfenninger zeichnet diesen Prozess mit Wärme und einem Schuss Naivität und Sentimentalität, was dem Buch nicht immer gut ansteht. Das bestätigt sich auch stilistisch und kompositorisch. Manche Formulierungen klingen allzu versöhnlich und harmonisch. Andererseits gelingt es dem Autor, mittels der sich häufenden Schummeleien des Briefträgers das Geschehen mit Spannung aufzuladen, weil dem Briefträger das Ganze allmählich, «über den Kopf gewachsen war». Doch das Gute an der Nachbarschaft ist, dass sie derlei solidarisch auszuhalten vermag.

Aus: «Geschichten aus dem Dorf: Neue Schweizer Debüts». Ein Fokus von Beat Mazenauer für www.viceversalitetatur.ch