Ich mache mich aus dem Staub (graffito)
Gedichte

brief

verehrte dichterin
ich möchte ihnen nur mitteilen
dass ich gestern abend an der haltestelle stand
und wartete
es war karneval
aus den gassen dröhnte wilde musik
und die busse fuhren nicht nach plan,
oder nach einem, den ich nicht kannte
farbiges konfetti flog durch die luft
und ich stand auf dem falschen perron
verehrte dichterin
ich möchte ihnen mitteilen
dass ich an der haltestelle stand
und ihre gedichte las,
in einer stadt, fern der ihren,
während der schnee trieb

(Daniel Henseler, Ich mache mich aus dem Staub (graffito), Edition Howeg)

Recensione

di Beat Mazenauer
Inserito il 01.01.2022

Erst wenn alles getan ist, weiss auch Daniel Henseler, bleibt Zeit für die Poesie, in lakonischer Kürze mit dem Vermerk «abend»:

zuerst kommt die arbeit
dann kommt die lyrik

und die lange reihe der birken am fluss

Unter dem Titel ich mache mich aus dem staub (graffito) legt der Germanist und Slavist in Buchform seine erste Sammlung von Gedichten aus den letzten Jahren vor. Wo Thomas Dütsch mit dem Pinsel malt, neigt Henseler zum feinen Stift, um mit wenig Strichen seine Verse aufzuzeichnen und sich, wie es im Titel heisst, gleich wieder aus dem Staub zu machen. Wenig überraschend greift er wie in dem zitierten Beispiel gerne auf haikuartige Dreizeiler zurück. In ihnen findet er die Balance zwischen schwarz und weiss, Schrift und Leerstelle. «poesie / ist schnee von gestern / der nicht schmilzt», notiert er einmal und fasst so die Ambiguität dieses Tuns zusammen, das ausschreiben und verhüllen zugleich meint.
«er legt das stethoskop ans herz / und macht sich einen reim drauf / (der dichter)» – wobei das Wortspiel nicht verhehlt, dass Daniel Henseler die freie lyrische Form in jedem Fall vorzieht. Das Herz aber bleibt stets bei der Sache, auch da, wo er – im Unterschied zu Dütsch – immer wieder ein Du ins Auge fasst, mit dem er – zusammen ein wir – die kontemplativen Augenblicke oder die flüchtigen Erfahrungen teilt.
Der Band versammelt Gelegenheitsgedichte im besten Sinn: Gedichte also, die einen Gedanken, einen Augenblick, eine Erscheinung, eine Situation einfangen und lyrisch festhalten – als späte Antworten auf nie ausgesprochene Fragen, wie es in einem «selbstporträt» heisst, oder «trinksprüche auf meine eigene leben / dem die zeit abhanden kommt». In diesen Gedichten spiegeln sich Launen, Gedanken, Reisen, die Jahreszeiten, Erinnerungen an Mutter. Die unterstellte Flüchtigkeit ist selbstredend auch eine leise dichterische Koketterie, wollen all diese Momente doch Bestand haben, sei es nur vor Freunden oder vor sich selbst. Mit dem Vermerk «aperçu; bilanz» endet der Band mit diesen Zeilen:

wie die zeit vergeht
an der holzwand verwittern
die wickenschoten

Daniel Henseler lässt auch längere Zeilen und Strophen zu, doch auch hier bleibt die Sprache eng getaktet, behält das Lose, Flüchtige, Hingetuschte seine Kraft.
Eine Spezialität dieser Gedichte äussert sich bereits im Titel. Sie kommen überwiegend ohne Überschrift aus, erhalten aber dafür nachgestellt einen kurzen Vermerk zwischen Klammern gesetzt: (graffito). Nachgestellt dienen diese Vermerke vielleicht als Titel, aber auch als formaler Hinweis, als indizierbares Schlüsselwort, als zeitliche oder örtliche Verankerung der Zeilen im Jahreslauf und in der geografischen Weite.

Aus: «Selbsterkundung durch Schreiben. Neue Lyrik von Franz Dodel, Thomas Dütsch und Daniel Henseler», ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 15.08.2022