Greta und Jannis. Vor acht oder in einhundert Jahren
Roman

Jede Berührung ist Teil einer Schuld, die älter ist als sie selbst. Greta und Jannis waren Nachbarskinder. Als Jannis Greta schüchtern fragte, ob er ihr Bruder sein darf, war sie einverstanden. Jahre später küsst sie ihn mitten auf den Mund. Sie verlieben sich wie naturgewollt – und dürfen doch kein Liebespaar sein. Ein Geheimnis ihrer Familien, ein Geröllfeld, bald ein ganzer Gebirgszug liegt zwischen ihnen. Während Jannis in der Stadt bleibt, zieht sich Greta ins letzte Dorf im Gebirge zurück, wo vieles anders ist, als es scheint. Die Kinder, die sie mit ihrer Großtante Severine umsorgt, wurden ausgesetzt – weil es ihnen an Kraft und Ausdruck fehlte. Täglich schimpft Severine über die Väter und schweigt über die Mütter: «Hast du Gott heute schon gedankt, dass du keinen Mann hast?» «Nein, aber ich werde es noch machen», antwortet Greta dann und sagt nicht, wohin sie für Tage, mehr noch für die Nächte durchs Gebirge reist.
Sarah Kuratles betörend schöner Debütroman führt in eine zart schwebende, intime, zuweilen surreale Welt. Er bewegt sich in einem märchenhaften Raum, der sich einer zeitlichen und geografischen Zuordnung entzieht. In eindrucksvollen Bildern ergründet die Autorin den Zauber des Spürens und die Tragik hinter dem, was recht und richtig scheint. Ihre Sätze sind voller Melodie, kein Wort ist zufällig, wenn sie vom Leben und Lieben in der Abgrenzung erzählt.

(Otto Müller Verlag)

Sprache der Geheimnisse, Sprache der Liebe

di Bettina Scheiflinger
Inserito il 09.05.2022

Nichts ist zugleich süsser und bitterer als eine Liebe, die nicht sein darf. Greta und Jannis lieben sich und tragen nicht nur ihr eigenes Geheimnis schwer in ihren Herzen.
Für verhinderte Liebespaare gibt es viele Gründe und zahlreiche, tragische Geschichten in der Literatur. Sarah Kuratle hat mit Greta und Jannis eine Geschichte erschaffen, die von so einer ebenso schmerzhaften wie berührenden Liebe erzählt. Es ist die Liebe zweier Menschen, die von Anfang an nicht sein darf und sich doch immer wieder einen Weg sucht.

Da war vor Jahren dieser Tag, fährt Jannis’ Vater ungefragt fort, da sei ihre Mutter für ihn unwiderstehlich gewesen. (…) Dann bist du, also sie will es dir nicht sagen, aber ich wollte es schon lange, Greta, schon sehr lange. (…) Sagt er, du und Jannis, ihr dürft das nicht, will er sagen, du bist meine Tochter, ihr seid Schwester und Bruder.

Im gleichen Dorf geboren, mit jeweils bloss einem Elternteil, kennen sich Greta und Jannis seit immer, kennen kein Leben ohne den andern. Jannis fragt Greta als kleiner Junge schon, ob er ihr Bruder sein dürfe. Gerne will sie mit ihm das sein, was sie später verwünscht: Schwester und Bruder. Denn Geschwister, so wird ihnen eingebläut, dürfen keine Liebenden sein. Die beiden küssen sich trotzdem ein paar Jahre später, als junge Erwachsene, verlieben sich und stellen fest, sie haben sich immer schon geliebt.

Sorgfältig heftet sie sich die Feder hinters Ohr, an die Stelle, wo Jannis vor Jahren, Jannis, was machst du da. Er lege Küsse für sie für später bereit, erklärte er, wenn wir erwachsen sind, uns nicht mehr jeden Tag sehen. Ob er wisse, wie sich das anfühle. Wie Käfer, kleine Käfer überall, fühlt sich das an, oder.

Aus Verzweiflung, aus Angst, Ausweglosigkeit oder allem zusammen, entfernen sich Jannis und Greta voneinander als Erwachsene und schreiten voran auf dem jeweils eigenen Lebensweg: Jannis heiratet und Greta zieht fort, ins letzte Dorf im Gebirge.
Bei ihrer Grosstante Severine und deren zwei Ziehtöchtern Flora und Melina ist Greta nach dem Tod ihrer Mutter zuhause. Keine Heirat und keine Distanz können Greta und Jannis jedoch trennen. Greta reist heimlich nachts zurück ins Dorf, trifft sich mit Jannis und lernt auf einer Busreise Cornelio kennen. Der ältere Mann lebt auch im hintersten Dorf im Schloss, das ebenso viele Rätsel birgt, wie die Beziehung, die die beiden fortan verbindet.
In Severines Haus gelten nicht die gleichen Gesetze wie draussen vor der Tür, in einer Gesellschaft, in der Mädchen wie Flora und Melina verspottet und ausgegrenzt werden.

Von den Kindern am Hof lässt sich nicht wirklich sagen, dass sie sich verlaufen haben. Die Eltern brachten sie her, aus dem Dorf den Hang zum Hof hinauf, stellt sich Greta vor. Weil sie zu spät oder nie laufen lernten, ohne Grund schrien, auf einmal keinen Ton mehr von sich gaben, meint Tante Severine, weil es ihnen an Kraft und Ausdruck fehle.

Severine hält Greta dazu an, Gott täglich dafür zu danken, dass sie keinen Mann hat. Ruppig führt die Grosstante den Hof, gleichzeitig mit unendlicher Geduld und Idealismus, hier einen besseren Ort für die verstossenen Kinder und auch für den Schmerz von Greta zu schaffen.
Auf dem Hof bei Greta und Severine dürfen die Mädchen sich selbst sein. Später nehmen sie den kleinen Jungen Chaspar auf, den sie eines Tages in einem Korb ausgesetzt finden. Chaspars Augenlicht ist trüb, er ist kränklich und auch die mütterliche Fürsorge von Greta stärkt ihn nicht genug, um ihn leben zu lassen.
Die Geheimnisse überlagern sich: Severines Ablehnung eines traditionellen Familienlebens, Cornelios Ankunft im Dorf und die Beziehung, die sich zwischen ihm und Greta entwickelt, der Fortbestand des Steinwildes, das im Gebirge wieder angesiedelt wird – kein Rätsel dieser Geschichte wird jemals ganz gelüftet.

Mit Metaphern und Symbolen, mit wiederkehrenden Naturbildern und in einer Sprache, die genauso schwer fassbar ist wie die Geschichte selbst, versinken die Lesenden tief in eine Welt, die nirgends und überall, jetzt und niemals sein könnte. Im Verlust der Verankerung in Raum und Zeit, die uns vertraut sind, findet sich eine Parallele zum Märchen. Wer Gewissheiten loslässt und in die Geschichte eintaucht, wird belohnt mit träumerischen Einsichten und Bildern einer Welt, die uns so bekannt vorkommt und doch nicht ganz die unsere ist. Was spielt es für eine Rolle, wann und wo sich eine Geschichte zuträgt, die so universell ist wie das Leben selbst?

Poetisch-virtuos verschachteln sich Kuratles Sätze ineinander, wird die Interpunktion zur Nebensache und bleibt gleichzeitig scharf und präzise. Direkte Reden sind kursiv mitten in die Sätze gebaut und Erzählstimme, Perspektive und Inhalt werden gekonnt vermischt. Die Spuren der erzählenden Instanz werden ebenso unkenntlich gemacht wie Gretas Wege durch das Gebirge, um Jannis zu treffen. Die Sprache verunmöglicht ein zu schnelles Lesen. Die ungewohnten Satzkonstruktionen halten uns an, in diese lyrische Melodie einzusteigen. Dadurch gelingt ein äusserst intimer Blick in die Gefühlswelten der Figuren.

Die Ränder der Zeit verschwimmen im hintersten Dorf des Gebirges. Die Erzählung von der grossherzigen Protagonistin Greta ist die ihres Erlebens und ihres Umgangs mit der Liebe, dem Schmerz und der Güte. So einzigartig den Lesenden die Ereignisse auf den ersten Blick scheinen mögen, so fremd vielleicht sogar, weit weg vom eigenen Leben, so umfassend und vertraut sind sie in Wahrheit. Die Melodie der Sätze rückt die Geschichte in unmittelbare Nähe und die sinnlichen Sprachbilder verblassen lange nicht.