längst fällige verwilderung Gedichte und Gespinste
In Simone Lapperts Lyrik vermoosen Gedanken und leuchtet der Mond siliziumhell. Die Liebe schmeckt nach Quitte, die Katastrophe nach Erdbeeren, und die Dichterin fragt sich, fragt uns: ›sag, wie kommt man noch gleich ohne zukunft durch den winter?‹ Gedichte über Aufbrüche, Sehnsüchte, Selbstbestimmung und die fragile Gegenwart. Alle Sinne verdichten sich, aller Sinn materialisiert sich in diesen Texten voller Schönheit, Klugheit und Witz.
(Diogenes Verlag)
Recensione
Ein Faible für Schnee und Winter bezeugen auch die Gedichte von Simone Lappert. Die Kernfrage steht im Gedicht «frage»:
wie kommt man noch gleich
ohne zukunft durch den winter?
Wie denn, so die Dichterin, wäre der scheinbaren Aussichtslosigkeit zu entkommen, vielleicht. In längst fällige verwilderung formuliert Simone Lappert darauf keine schlüssigen Antworten, aber sie spürt der inneren Stimme nach, ahnend, dass in der Verwilderung ambivalent eine Option wie eine Gefahr steckt. Hinter der Kernfrage tut sich ein weiter offener Raum auf, der Abgrund ist und Erinnerung und auch verborgene Lust auf das, was werden kann. «auch schöne worte haben spitze kanten», heisst es einmal, unter dem Titel «frostfest» – einer doppeldeutigen Überschrift, die «frosthart» ebenso wie «frostresistent» oder «frostfeier» bedeuten könnte. Die Worte, folgt darauf, bleiben hängen, «winterhart am Zaun verkapselt» – aber auch süss, denn anderswo weiss die Gärtnerin: «was den ersten frost überlebt, wird süsser» – beispielsweise Erinnerungen, die das lyrische Ich gleichsam in sich «verkapselt» hat.
«Gedichte und Gespinste» steht im Untertitel dieser mal mehrzeiligen Gedichte, mal einzeiligen Sätze. Simone Lappert begleitet ihr lyrisches Ich auf einer Reise nach innen, Ängste aufspürend und Sehnsüchte nach einem Du, aber auch Erinnerungen aus den Tiefen hervorkramend, die gleichermassen melancholische Gefühle wie, «unter dünner jetzthaut», den Widerstand wecken, «damit du nicht verhornst und innen verdunkelst», sondern «rissig bleibst», durchlässig und offen. Lappert findet für ihre Reise eine Bildsprache, die oft winterlich geprägt bleibt, kaum Helle und Wärme zulässt. Und wenn ein Gedicht einmal in Gelbtönen aufscheint, wie in «zwielicht», regiert der Konjunktiv «als hätte hier schon ...». Im Erinnern steckt immer das «innern», welches erfahren, ergründet werden muss. Die Träume sind im «endlager der zuversicht» deponiert, dem verzuckerten Jazz wird misstraut wie der «schnittblume im wasserglas». Diese Motive variiert die Autorin mit Naturbildern, die gegen das Verhärten wappnen sollen, und gegen die Ängste, die in der Nacht hochkommen, wenn der Mond sein fahles Licht ins Zimmer wirft. Dagegen hilft eben, vielleicht, die «längst fällige verwilderung», die im Gedicht «selbstporträt« direkt angerufen wird.
Simone Lapperts Gedichte verpuppen dieses Zwielicht zwischen Angst und Auflehnung, Verhärtung und Offenheit, in einem feinen Gespinst von Bildern und Motiven. Sie wünscht sich den wilden Blick der Füchsin am frühen Morgen, mit der «gewissheit, die erste jägerin am platz zu sein». Doch Erlösung hat die Autorin keine anzubieten, und so bleibt die Schlusszeile (eine Variation eines Satzes von Sophie Hunger): «entschuldigung, wo kann ich hier unversehrt scheitern?« – wie ein Fragezeichen in der dünnen Luft dieser intensiv melancholischen Gedichte hängen.
Aus: Zwiesprache mit der Sprache. Vier neue Gedichtbände. Ein Fokus von Beat Mazenauer, www.viceversaliteratur.ch, 18.7.2022