Die Zartheit der Stühle
Roman

»Mit Tischen und Stühlen bin ich
immer gut ausgekommen,
sie haben sich immer auf mich gefreut.«

(Dörlemann Verlag)

Die Piazza, die Piazza

di Tamara Schuler
Inserito il 28.03.2022

Der alternde Theaterschauspieler Matteo trauert um seine verstorbene Geliebte. Er flüchtet in ein italienisches Kaff, sitzt auf der Piazza und trinkt Espresso, bis ihn die sogenannte Vergangenheit einholt. Diese Vergangenheit heisst Vera, ist Komponistin und scheint Matteo besser zu kennen, als ihm lieb ist. Nach und nach wird klar, dass die beiden weit mehr verbindet als die flüchtige Sommeraffäre, die sie eingehen.

Lakonisch erzählt Jürg Beeler von einem Mann, der sein Dasein zum Theater erklärt. Die Piazza d’Oriente im fiktiven Lerone ist seine Bühne, auf der sich das Drama seines Lebens abspielt: Matteo trauert um die verstorbene Zofia, Bilder von ihr hängen an jeder Wand seiner Wohnung, abends hält er Zwiesprache mit ihr auf seinem Balkon. In Notizheft-Einträgen schreibt er die Geschichte ihrer beider Liebe nieder und findet doch kaum die richtigen Worte. Überhaupt ist dieser Protagonist ein eher unbeholfener älterer Mann, der nie gelernt hat, seine Gefühle verbal auszudrücken und «die Frauen» in einer Mischung aus Unverständnis und Bewunderung eher altbacken als völlig andersartige Wesen sieht. So versichert er der toten Zofia, ihres Zeichens Polin:

Immer noch bist du meine elegante Polin, und die Polinnen sind die einzigen Frauen in Europa, die wirklich zuhören können. Sie sind überhaupt die einzigen Frauen, das muss ich dir noch einmal sagen.

Was Matteo sagt, ist in seinem Beruf als Schauspieler vorgegeben: Er rezitiert einen bereits bestehenden Text. Ohne Zofia ist ihm selbst diese Form der Sprache nicht mehr möglich. Wenige Tage nach Zofias Begräbnis versagt Matteos Gedächtnis auf einer Berliner Theaterbühne. In der Rolle als King Lear vergisst er seinen Text und flüchtet auch deshalb nach Lerone, fort von allem. Dort taucht nun Vera auf, die charismatische Unbekannte. Matteo stellt kaum Fragen und Vera antwortet noch seltener, woraus eine schweigsame und doch innige Nähe entsteht:

Zofia hielt mich, während Vera mich durchwühlt. Ich schaue Vera zu, wie sie Gänge in mich hineinbohrt, ich kann mich nicht dagegen wehren, wie gelähmt und zugleich begeistert lasse ich es zu, dass sie sich in meiner Wohnung und in meinem Leben einrichtet.

Matteo beobachtet und staunt, was sinnbildlich ist für diese Figur: Vieles ist ihm in seinem Leben passiert, nur selten scheint sich Matteo einmal aus seiner Passivität gelöst und aktiv eingegriffen zu haben in die Geschehnisse. Er selbst sagt über sich, er sei einer, der sich — ganz im Gegensatz zu Vera — «im Leben nie wirklich eingerichtet hatte». Dieser Protagonist musste sich nie auf irgendetwas gefasst machen und ist stets aufs Neue überrascht, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht. Who is it that can tell me who I am? fragt King Lear, und Vera hat darauf eine Antwort, die Matteo zutiefst erschüttert.

Ob man das nun Naivität oder Unbeschwertheit nennen möchte: Das Vermögen, so durch das Leben gehen zu können, ist schlussendlich auch ein männliches Privileg. Aus der Perspektive des alternden Mannes, der mehr oder weniger plötzlich von seinen «Jugendsünden» eingeholt wird, schaut Matteo zurück auf sein Leben und versucht, zu verstehen.

1978 gewann die irisch-britische Autorin Iris Murdoch den renommierten Booker Prize für ihren Roman The Sea, the Sea. Dieser erzählt die Geschichte eines alternden Theaterschauspielers, der sich ans Meer zurückzieht, um seine Memoiren zu schreiben. Im Küstendorf trifft er unerwartet seine Jugendliebe wieder, was starke und zunehmend obsessive Gefühle in ihm weckt. Während Murdochs Protagonist nichts von Passivität hält und die Dinge — mit verheerenden Auswirkungen — selbst in die Hand nimmt, verharrt Matteo bis zum Schluss quasi reglos in Erinnerungen und «Was-wäre-wenn»-Szenarien. Seine Gefühlswelt lagert er aus in die umliegenden Dinge; er dichtet den Stühlen, Tischen und Kirchtürmen eine Beseeltheit an, sie zumindest können ihm nicht widersprechen und ihn nicht in seinem Selbstbild erschüttern. Die Zartheit der Stühle ist ein ruhiges, unaufgeregtes Kammerspiel, vornehmlich für Leser, die bereits in ihrer zweiten Lebenshälfte angekommen sind. Nach der Lektüre bleibt einmal mehr die Erkenntnis, dass die Dinge oft anders scheinen, als sie sind.