Meinetwegen
Roman

Die siebzehnjährige Katharina ist Anfang der 1970er Jahre in einer geschlossenen Einrichtung für Jugendliche untergebracht. Sie wurde straffällig. Mindestens einmal pro Woche muss sie mit einem Psychiater sprechen, um die Hintergründe ihres Deliktes zu ergründen. Erstaunlicherweise gelingt es ihr dabei, dem Arzt »ihre« Gesprächsregeln aufzuzwingen. Die »Delinquentin« wird zur »Regisseurin«.
Er darf nichts fragen, sich nicht einmal räuspern. Das würde Katharina zu sehr von sich selbst »wegtreiben«. Der Psychiater lässt sich darauf ein. Später erhält er die Erlaubnis, mit selbst beschrifteten Kärtchen in einen Dialog zu treten. Stück für Stück erfährt man, was Katharina erlebt hat.

(Nagel & Kimche)

Ein Plädoyer fürs Sprechen

di Ladina Caduff
Inserito il 31.05.2022

Wer sich bei der Lektüre von Dagmar Schifferlis kurzem Roman Meinetwegen an die Engnis eines Kammerspiels erinnert fühlt, wird nicht gänzlich fehlgehen: Jedes der insgesamt siebzehn Kapitel nimmt seinen Ausgang im Therapieraum einer geschlossenen Anstalt, wo sich ein Psychiater namens Cotti und die siebzehnjährige Ich-Erzählerin Katharina zum wöchentlichen Gespräch zusammenfinden. Wobei, ein Gespräch ist es im Grunde nicht, was sich zwischen den beiden abspielt: Dem Psychiater gesteht die Erzählerin keinerlei Unterbrüche oder Rückfragen zu, zu gross ist angeblich die Gefahr, dass sie vom Weg ihrer Wahrheitssuche abgebracht wird. Cotti kommt also die Rolle des Zuhörers zu, der sich mit knapp beschrifteten Kärtchen äussern darf, während die Erzählerin sich in nahezu ununterbrochenen Monologen ergeht, die den Anlass zunächst noch behutsam aussparen, der die beiden zusammengeführt hat: Die Erzählerin hat eine Straftat begangen, und wartet auf das Urteil der Jugendanwältin. Der Psychiater soll ein Gutachten über sie verfassen.

In siebzehn Kapiteln, die je eine Therapiesitzung widerspiegeln, fügt sich bruchstückhaft die Lebensgeschichte Katharinas zusammen, die sich im Zürich der siebziger Jahre abspielt. Erzählt wird einzig und allein aus der Perspektive des Mädchens, Adressat dieser frei assoziierten Gedanken und Äusserungen ist der meist schweigende Psychiater. Aufgrund der Erzählsituation, die Schifferli für ihren Roman gewählt hat, kommt der (imitierten) Mündlichkeit eine entscheidende Rolle zu. Der Stil mutet recht simpel an, aus der Lexik stechen mundartlich-dialektale Wendungen wie «tschudere» oder das «gääle Wägeli» hervor, und der Redesituation gemäss fallen viele Sätze elliptisch aus – alles rhetorische Werkzeuge also, mit denen die Autorin ihrer Erzählerin den Anstrich des Authentischen verleiht.

Im Verlaufe der Sitzungen ist immer wieder von Katharinas familiärem Hintergrund die Rede. Da die Mutter an Multipler Sklerose litt, verbrachte die Erzählerin eine beachtliche Zeit bei ihrer Pflegetante, «Tantelotte». Nach dem Tod ihrer Mutter zog sie endgültig zu dieser. Tantelotte und Katharinas Vater indes einte nicht nur eine Affäre, die sie noch zu Lebzeiten der kranken Mutter begonnen hatten, sondern auch der Umstand, dass sie Katharina mit Schlägen und Gewalt begegneten. Die Erinnerungen der Erzählerin an ihre Kindheit fallen also weitestgehend düster aus, die Sehnsucht nach der Geborgenheit der Mutter ist gross. Seltene Lichtblicke in Katharinas Leben bilden die Begegnungen mit einem jüngeren Mädchen, das sie auf dem Spielplatz kennengelernt hatte. Wenn Katharina nach der Schule ihre Hausaufgaben auf dem Spielplatztisch erledigen wollte, war es stets da und leistete Katharina Gesellschaft. Es tritt immer deutlicher zutage, dass das liebenswürdige Mädchen, das im Gegensatz zur Erzählerin eine wohlbehütete Kindheit erleben durfte, bei Katharinas Straftat eine wichtige Rolle spielte – welche wird hier nicht verraten.

Im Laufe der Gesprächssitzungen wird Katharina klar, dass sie sich bei ihrer Tat von sich selbst entfremdet hat. Sie gelangt zur Erkenntnis, dass die Ursache ihres Handelns auf ihre unglückliche Kindheit zurückzuführen ist und dass ihre Verhaltensmuster denen ihrer Pflegetante, welche ebenfalls ein Trauma zu verarbeiten hatte, auffallend ähnlich sind. Die Sitzungen bringen Katharina also gewissermassen wieder zurück zu sich selbst, sie erkennt, dass sie sich weiterhin mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss, um ihre Traumata zu überwinden. Dieses sozusagen kathartische Ende des Romans läutet einen Neuanfang ein, dem sich die Erzählerin zu stellen hat, und zugleich erweist es sich, ganz im Lacanschen Sinne, als Plädoyer fürs Sprechen: Der Mensch kann sich mittels Sprache von seinem Unbewussten befreien.

Dagmar Schifferlis dichter Roman Meinetwegen ist eine kurzweilige Lektüre, obwohl die frei assoziierende Erzählweise der Leserin zuweilen einiges abfordert. Als illusionsstörend fällt manchmal die Tatsache aus, dass Schifferlis Erzählerin für eine Siebzehnjährige oft etwas gar reflektiert wirkt. Den Grad an Selbsterkenntnis jedenfalls, den Katharina in ihren Monologen an den Tag legt, dürften nur wenige ihrer Altersgenossen erreichen. Zum Denken regt Schifferlis Text dort an, wo die Frage thematisiert wird, ob strafbares Verhalten vererbt, das heisst von der älteren an die jüngere Generation weitergegeben wird. Zu Beginn des Romans noch hat sich die Erzählerin in ihrer deterministischen Weltanschauung, wonach Straftäter sozusagen blosse Opfer ihrer Umwelt und also hilflos seien, bequem eingenistet. Im Verlaufe ihrer Sitzungen aber nähert sie sich nach und nach der Erkenntnis an, dass es durchaus in der Hand jedes Einzelnen liegt, auf das eigene Schicksal einzuwirken. Dieser Prozess der Erkenntnis ist vielleicht sogar der Kern dieses schmalen Romans, den zu lesen es sich durchaus lohnt.